Die inspirierende Geschichte des Kreises der 99

· 4. September 2018

Es war einmal ein fernes Königreich mit einem sehr traurigen Herrscher. Dieser verstand den Grund für seine Melancholie nicht, bis einer seiner weisen Männer ihm zum Verständnis verhalf. Alles hatte mit dem Kreis der 99 zu tun. Dies war eine Lektion, die der König nie vergessen würde.

Alles begann an einem Morgen, als der zutiefst deprimierte König einen seiner Diener das Zimmer betreten sah. Der demütige Diener lächelte und summte fröhlich eine Melodie. Der König wiederum erkannte, dass der Diener immer glücklich war, und fragte sich warum das wohl so sei? Wie konnte ein Diener so glücklich sein, während er, der König, keinen inneren Frieden finden konnte?

„Wahrer sozialer Fortschritt bedeutet nicht, Bedürfnisse zu erhöhen, sondern sie freiwillig zu reduzieren. Das erfordert jedoch Bescheidenheit.“

Mahatma Gandhi

Der König fragte den Mann: „Warum bist du so glücklich?“  Der Diener wusste nicht, wie er antworten sollte. „Warum sollte ich nicht glücklich sein?“,  gab er schließlich zurück. „Ich lebe in einem Palast und diene der mächtigsten Person im Königreich … Was könnte ich noch wollen? Ich sehe nicht, warum ich nicht glücklich mit meinem Leben sein sollte.“

Das verärgerte den König. Er glaubte dem Diener kein Wort. Wie könnte ein Mann mit einem kleinen Haus und einem so viel bescheideneren Leben, so viel glücklicher sein? Es musste gelogen sein, was er ihm gesagt hatte! Der König drohte, ihn zu enthaupten, wenn er den Grund seines Glückes nicht enthüllte. Der Diener entschuldigte sich dafür, den König beleidigt zu haben, wusste aber dennoch nicht, was er sagen sollte.

Weisheit und der Kreis der 99

Schließlich wies der König den Diener an, er solle gehen, denn er konnte das Lächeln des Dieners kaum mehr ertragen. Selbst die Drohung mit dem Tode hatte ihn nicht wirklich gestört. Nachdem der bescheidene Diener gegangen war, rief der König die Weisen des Palastes zusammen. Das Mysterium musste gelöst werden.

99 Goldmünzen

Als die Weisen versammelt waren, befahl er ihnen, ihm zu verraten, warum der Diener so glücklich mit seinem so elenden Leben sei, während der König selbst nicht aufhören könne, sich so traurig zu fühlen? Einer der Weisen stand auf und sagte: „Es ist ganz einfach. Der Diener ist glücklich, weil er nicht in den Kreis der 99 eingetreten ist.“  Der König war fasziniert. Was in aller Welt war der Kreis der 99?

Der weise Mann sagte ihm, dass es sinnlos sei, den Kreis der 99 mit Worten zu erklären. Er müsse es mit seinen eigenen Augen sehen. Alles, was der König brauchte, seien 99 Münzen aus reinem Gold, und er würde ihm zeigen, wie ein glücklicher Mann nach dem Eintritt in den Kreis der 99 depressiv werden würde. Der König nahm diese Herausforderung an.

Dem Kreis der 99 betreten

Der König ordnete an, dass 99 Münzen aus massivem Gold hergestellt werden sollten, die wertvollsten im Königreich. Er legte sie in eine Tasche und brachte sie in Begleitung des Weisen zum Haus des Dieners. Sie ließen die Tasche an der Tür mit einer Notiz liegen: „Das ist deine Belohnung dafür, ein loyaler und selbstloser Diener zu sein. Genieße dein Glück!“ Dann versteckten sie sich, um zu sehen, was passieren würde.

Der Diener kam nach Hause, sah die Tasche und war sehr überrascht. Er schaute sich um und ging ins Haus. Der König und der Weise beobachteten die Geschehnisse von draußen, aus ihrem Versteck heraus. Der bescheidene Mann nahm die Münzen und verteilte sie auf dem Tisch.

Er konnte seinen Augen nicht trauen. Er fing an, sein neues Vermögen zu zählen und legte die Münzen auf Stapel zu je zehn Stück. Als er zum letzten Stapel kam, dachte er, dass etwas nicht stimmte. Der letzte Stapel hatte 9 statt 10 Münzen.

Die Falle des Kreises der 99

Der Diener dachte, eine Münze sei vom Tisch gefallen, woraufhin er sie überall suchte, aber nicht fand. Dann dachte er laut: „Jemand hat die Tasche gesehen und eine Münze gestohlen.“  Dann wiederum fragte er sich, wie lange es dauern würde, bis er eine weitere Münze hinzubekommen würde. Er stellte ein paar Berechnungen an.

Ein mittelalterliches Gemälde

Er kam zu dem Schluss, dass es bei seiner Anstellung wohl fünf Jahre dauern würde, bis er eine 100 Goldmünze haben könnte. Doch, was wäre, wenn er mehr arbeiten würde? Vielleicht könnte er dann in nur zwei Jahren eine weitere Münze verdienen. Wie wäre es, wenn er seine Frau bitten würde, ebenfalls mehr Arbeit zu verrichten? Dann könnte er sein Ziel vielleicht sogar in nur einem Jahr erreichen …

Von diesem Tag an wurde der Diener sehr misstrauisch und argwöhnisch. Er vermutete, dass jemand im Palast die Goldmünze gestohlen hatte, die nach seiner Ansicht in seinem Vermögen fehlte. Er machte sich auch Sorgen, erneut ausgeraubt zu werden.

Der Diener hörte nie wieder auf, Pläne zu schmieden, um eine weitere Goldmünze zu verdienen. Er war im Kreis der 99 gefangen. Von da an dachte er nicht mehr an die Dinge, die er hatte, sondern nur an jene, die ihm fehlten.

Der weise Mann hatte Recht behalten.