Die Hikikomori, die unsichtbaren Menschen

· 14. Dezember 2015

Saito ist ein Junge von 20 Jahren aus der japanischen Mittelklasse und verbringt Jahre eingeschlossen in seinem eigenen Zimmer, und das ganz aus eigenem Willen. Er verbringt fast den ganzen Tag damit, zu schlafen und schaut nachts Fernsehen oder spielt Videospiele, er hat nur virtuelle Freunde, die niemals den Computerbildschirm verlassen.

Saito erlaubt es niemandem, sein Zimmer zu betreten. Seine Mutter stellt ihm jeden Tag sein Essen an die Tür seines Schlafzimmers, ein resignierter Akt, der sie mit tiefer Traurigkeit erfüllt. Seine Eltern leben voller Scham und mit großen Schuldgefühlen. Sie denken, dass sie ihren Sohn nicht gut erzogen haben und versuchen, dies vor den Nachbarn zu verbergen.

Sein Zimmer ist seine einzige Welt, in der er schläft, isst und aufs Klo geht. Saito hat angefangen, Müll anzuhäufen und alles in Unordnung zu lassen. Aber niemand will oder kann etwas machen. Seine Eltern wissen auch nicht, wie sie mit dem Problem umgehen sollen.

Die Hikikomori

Saitos Fall ist erfunden und beruht auf der Lektüre von vielen Fällen, die dem Fall des Protagonisten unserer Geschichte ähnlich sind und die ähnliche Verhaltensweisen aufweisen. Dies sind die Hikikomori, ein Begriff, der 1986 erdacht wurde und der „von der Gesellschaft getrennt“  bedeutet. Er bezieht sich auf Jugendliche und junge Erwachsene, in den meisten Fällen auf Jungen und Erstgeborene. In Japan lastet auf den Jungen mehr Erwartungsdruck als auf den Mädchen und jungen Frauen.

Es handelt sich um ein soziales Phänomen, was in der strengen japanischen Gesellschaft begründet zu sein scheint, deren Regeln in vielen Fällen vor allem die Jüngsten ersticken lässt – und das in Japan, einem Land mit einem der besten Bildungssysteme in der ganzen Welt, den erfolgreichsten Firmen und einer außergewöhnlich starken Wirtschaft.

Leider breitet sich das Phänomen auch in Europa aus. Aus dem Institut für Neuropsychiatrie und Sucht des Hospital del Mar-Krankenhauses in Barcelona sind beispielsweise 165 solcher Fälle bekannt. Es handelt sich dabei um die erste Studie zu diesem Thema auf europäischem Boden.

In dem Moment, in dem ein Kind in Japan den Kindergarten betritt, beginnt der Wettbewerbsdruck. Es muss sogar einen Aufnahmetest ablegen. Das Schulsystem und damit seine Zukunftsperspektiven sind außergewöhnlich anspruchsvoll für die Japaner.

Viele halten das System nicht aus, sie fühlen so viel Druck und Angst davor, zu scheitern, dass sie es als ihren einzigen Ausweg ansehen, sich in ihr Zimmer zurückzuziehen, wo keiner etwas von ihnen verlangen oder ihnen wehtun kann. Leider endet ein Anteil dieser Fälle mit Selbstmord, während andere es glücklicherweise schaffen, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern.

Die NGO New Start

Es ist auch heute noch ein sehr schwerwiegendes Problem in Japan, das weiterhin von der Gesellschaft ignoriert wird. Deshalb hat der pensionierte Lehrer Futagami Noki, der in den 90er Jahren Schüler mit diesem Problem hatte, beschlossen, eine NGO mit dem Namen „New Start“ zu gründen, um solchen Kindern zu helfen.

Seine Methode besteht darin, die Kinder in einer Wohngemeinschaft zusammenleben zu lassen. Unter der Woche können sie an einigen der Aktivitäten teilnehmen, die durch die Organisation angeboten werden und die sie motivieren sollen: ein Café, eine Bäckerei, ein Bauernhof, Tagesbetreuung für Alte, Ausbildung zum Krankenpfleger und sogar ein Redaktionsraum, in dem Publikationen für eine lokale Zeitung geschrieben werden, stehen zur Verfügung. Wenn sich die Kinder bessern, dann können sie an dem Programm für Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt teilnehmen, was die NGO in Zusammenarbeit mit mehreren Firmen aufgebaut hat.
Es ist ein großes Problem, dem sich diese mutige und kämpferische NGO jeden Tag stellt. In einigen Fällen nehmen die Hikikomori freiwillig an dem New Start Programm teil, doch in anderen Fällen sind es die Eltern, die um Hilfe bitten.

Dann beginnt ein steiniger Weg damit, den Kindern Briefe zu schreiben, um sie zu bitten, ihr Zimmer zu verlassen und am New Start teilzunehmen; die Briefe bleiben oft unbeantwortet. Der letzte Versuch, sie doch zu überzeugen, besteht in mehreren Besuchen durch ihre hoffentlich zukünftigen Mitbewohnerinnen und Mitbewohner im Elternhaus.

Es ist in der Tat ein sehr schwerwiegendes Problem, wie uns einer der Mitarbeiter der NGO, Ayako Ogury, berichtet: „Manchmal besuchen wir sie über mehr als ein Jahr, bis sie schließlich ihr Zimmer verlassen. Wenn sie es überhaupt tun.“

„Die Hikikomori senden eine sehr machtvolle Nachricht an die japanische Gesellschaft“,  sagt Doktor Hisako Watanabe. „Schon allein ihre Existenz sollte genug sein, einen Wandel zu erzwingen.“