„Helikopter-Eltern“ und die Gefahren von Überbehütung

· 2. November 2015

Seit einiger Zeit gibt es ein neues und kurioses soziales Etikett namens „Helikopter-Eltern“. Eventuell fühlen sich hier manche unserer Leser angesprochen oder du kennst möglicherweise Fälle von solchen Verhaltensweisen. Es handelt sich dabei um Eltern, die den Tagesablauf ihrer 6 bis 15 Jahre alten Kinder wie eine Agenda leiten.

Wenn sie nach Hause kommen, kontrollieren sie jede einzelne Hausaufgabe der Kinder oder Prüfungen, die ihnen bevorstehen. Zweifellos ist es wichtig, sich um diese Dinge zu kümmern, aber es geht dabei absolut nicht darum, ein ständiger Wächter für jede einzelne schulische Pflicht des Kindes zu sein. Was wir dadurch erreichen ist weit entfernt von der Entwicklung einer angemessenen Eigenständigkeit, im Gegenteil, wir festigen so eine absolute Abhängigkeit. 

„Wenn wir nicht hinter ihnen herlaufen würden, würden sie gar nichts machen“ – So rechtfertigen sie sich für gewöhnlich. In Wirklichkeit haben wir ihnen jedoch nie die Möglichkeit gegeben, es auszuprobieren. „Helikopter-Eltern“, Erzeuger, die über den Leben ihrer Kinder kreisen, sie beaufsichtigen, bewachen und überwachen…

So verhindern wir im Wesentlichen, dass sie sich in reife und eigenständige Erwachsene verwandeln können, indem wir ihnen Möglichkeiten absprechen, ihren Raum zur persönlichen Entfaltung begrenzen und eine Blase um sie herum schaffen.

Die Überbehütung von Kindern in modernen Zeiten

Irgendetwas läuft hier falsch. Experten zufolge haben Kinder heutzutage weniger Freiheiten als die Generationen vor ihnen. Fachkräfte der kindlichen Erziehung bestätigen, dass es in Kindergärten oft etwas schwerfälligere Kinder gibt, die Teile ihrer grob- und feinmotorischen Fähigkeiten noch nicht vollständig entwickelt haben. 

Ein Beispiel dafür sehen wir an Eltern, die ihre Kinder in ihren Sitzen festschnallen, obwohl diese sich schon perfekt allein bewegen können, weil es für sie so „bequemer“ ist. Und was passiert, wenn sie in die Grundschule kommen? Wir erleben Kinder im Alter von 6 bis 8 Jahren, die einen Wutanfall nach dem anderen haben, weil man ihnen nicht das gibt, was sie wollen, weil sie Geschöpfe sind, die nicht fähig sind, mit Frustration und anderen negativen Erfahrungen umzugehen.

Wieso passiert so etwas? Was steckt hinter der Überbehütung? Grundsätzlich ist es die Angst von Eltern, dass ihrem Nachwuchs etwas Schlimmes zustoßen könnte, das fast schon obsessive Bedürfnis jeden Aspekt des Lebens ihres Kindes kontrollieren zu können, mit der Absicht ihnen so ein perfektes Leben ohne Traumata und Brüche bieten zu können.

Allerdings schlägt die Absicht „perfekte Eltern“ zu sein gelegentlich in das genaue Gegenteil um. Wir erzeugen in unseren Kindern einen Beziehungshass, der genauso komplex wie traumatisch ist. In der Erziehung existiert keine Perfektion. Es geht allein darum, da zu sein, wenn man gebraucht wird. Darum, als Richtungsweiser und Unterstützer zu dienen und einen Rahmen der Liebe und Fürsorge zu bieten, in dem unsere Kinder tagtäglich emotional reifen können.

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Wenn die Blase der Überbehütung platzt

Früher oder später wird dieser Tag kommen. Sei das Kind 12 oder 20 Jahre alt, es wird an einen Punkt kommen, an dem diese Schutzblase berstet. Es wird in die Welt hinausgehen und eine grässliche Angst vor allem haben, was es da draußen gibt, vor allem was es umgibt und woraus die reale Welt besteht, vor der es immer beschützt wurde.

Von allen beobachtet wird es sich unsicher fühlen und beunruhigt. Möglicherweise wird es in der Schule gemobbt werden oder sich angesichts dieser Gefahren seiner Verwundbarkeit auf harte Weise bewusst werden. Eine bemerkenswerte Tatsache ist, dass Experten zufolge ein Großteil von überbehüteten Kindern sehr anfällig für Allergien ist.

Dies ist ihren Gefühlen und ihrem Stress geschuldet, die ihr Immunsystem schwächen, so dass sie öfter krank werden.

Diese Krankheitsanfälligkeit ist dann wiederum ein Grund, die Überbehütung zu rechtfertigen, womit ein Teufelskreis entsteht, der niemals endet. Trotz allem bedeutet das nicht, dass die Kinder zu nicht wiedergutzumachender lebenslanger Unreife verurteilt sind und für immer unglücklich sein werden.

Wenn sie ein gesundes Selbstbewusstsein besitzen und rechtzeitig reagieren, schaffen es viele von ihnen, sich von diesen Fesseln zu befreien, in Sicherheit zu leben und selbständig voranzukommen und zu lernen.

Heutzutage leben wir in einer Welt, in der Information frei und jederzeit verfügbar sind. Unsere Eltern sind eine Zeit lang diese Schutzblase, aber das reale Leben spielt sich außerhalb dieser Komfortzone ab und wir sollten es wagen aus ihr herauszutreten.

Man sagt, dass Lehrer, Psychologen und Erzieher Kinder anstoßen, als wären sie eine Tür, aber manchmal stehen die Eltern auf der anderen Seite und verhindern, dass diese aufgeht.

Wir dürfen keine Angst haben. Kinder sind nicht zerbrechlich. Kinder müssen wachsen, die Möglichkeit haben, zu lernen. Dabei müssen wir ihnen Vertrauen schenken und sie führen, aber niemals Mauern der Überbehütung errichten.