Die Heldenreise und die Archetypen der Wanderung

· 31. August 2018

Der Begründer der analytischen Psychologie, der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung, schlug vor, dass wir mythische Erzählungen von Reisen wie jene von Marco Polo, Odysseus oder Herkules, die für Neuanfänge stehen, als symbolische Ausdrücke einer mentalen Transformation verstehen sollen. Zu dieser Transformation im Leben seien alle Menschen bestimmt. Jung nannte diesen Prozess „Heldenreise“ oder den „Prozess der Individualisierung“.

Die Heldenreise beginnt mit einem Auftrag oder der Notwendigkeit, die gewöhnliche, dem Held bekannte Welt, zu verlassen. Dieser Auftrag ist es, der den wahren Sinn des Lebens und das Potenzial des Helden offenbart.

In der Mythologie tendieren Helden dazu, in Krisenzeiten groß zu werden. Etwa, wenn soziale Normen gebrochen werden oder während politischer oder religiöser Krisen. Beziehen wir dieses Szenario auf uns, erleben wir unser Leben möglicherweise als stagnierend und reagieren vielleicht mit Angst. Diese Lebensumstände können uns zwingen, eine transformative Reise zu unternehmen.

Die Reise des Helden ist eine symbolische Reise. Es ist daher möglich, sie anzutreten, ohne dafür das Land verlassen zu müssen. Es kann aber durchaus hilfreich oder gar erforderlich sein, eine Reise anzutreten. Vielleicht, wenn wir einen neuen Job angeboten bekommen oder einen Studienplatz in einer anderen Stadt gefunden haben. Das Leben kann uns so eine Chance geben, uns ökonomisch und menschlich zu verbessern.

Die Schatzsuche

Die Heldenreise wird als mythische Suche dargestellt. Der Held geht auf die Reise, um einen Schatz, ein gelobtes Land, den Stein der Weisen, den Heiligen Gral oder Ähnliches zu finden. Jede Person sucht nach einem Ideal oder einem Objekt, das sie für sich selbst definiert. In den meisten Fällen findet der Reisende jedoch Schätze, die ihn überraschen und die er nicht gesucht hat.

Manchmal stolpert der Held schon vor Beginn der Reise in eine außergewöhnliche Situation (vielleicht durch Menschen, Bücher, Filme). Diese Situation hilft dem Helden, Schritt für Schritt seinem endgültigen Ziel näher zu kommen. Jung nannte solche Zufälle, die nicht auf Kausalität beruhen, Synchronizität. Er sah sie als Ausdruck der bestehenden Beziehung zwischen der physischen und der geistigen Welt.

Die Reise des Helden ist ein Prozess, der in bestimmten Lebensphasen durchlaufen wird. Wir können ihn als eine Entwicklung von einem Archetyp zum nächsten verstehen: Die Reise führt den Helden normalerweise zu einer „Neugeburt“. Durch die Heldenreise können wir neuen Mut fassen und Demut finden, die wir durch die Überwindung von Hindernissen auf dem Weg gewonnen haben.

Szene aus einem Computerspiel, in dem eine Frau zu einer Heldenreise aufbricht

Archetypen – oder die Stationen der Heldenreisen

Archetypen sind Charaktere in Mythen, die typisch menschliche Erfahrungen machen müssen. Diese werden benötigt, damit der Held am Ende seiner Reise Erfüllung findet.

Eine Person auf einer Heldenreise kann diese vier Archetypen oder Stadien durchlaufen:

Der Archetyp des Unschuldigen

Diese Phase bezieht sich auf den Ort, an dem wir unsere Reise antreten. Dieser bietet uns Sicherheit und ist uns vertraut. Es ist dennoch ein Ort, der uns irgendwann zu eng wurde und uns zu ersticken drohte. Diese Umstände treiben uns dazu, unsere Heldenreise zu beginnen.

An diesem Ort hegen wir noch idealisierte Erwartungen an uns selbst oder das Ziel unserer Reise. Zum Beispiel nehmen wir an, dass unsere Fremdsprachenkenntnisse besser seien, als sie es in Wahrheit sind. Vielleicht fantasieren wir davon, wie wir durch einen Lottogewinn unser Leben finanzieren könnten. Oder vielleicht glauben wir, dass der ideale Job uns einfach finden würde.

Diese Episode ist von falschen Illusionen geprägt. In dieser Zeit erzählen wir uns Geschichten, die damit zu tun haben, was passieren würde, wenn wir unsere Träume verfolgen würden. Wenn wir wirklich wüssten, was die Realität für uns bereit hält, wäre es viel schwieriger, uns dazu zu motivieren, diese Reise anzutreten. Diese Phase gleicht den Flitterwochen vor der Ehe und wir verlieben uns in den Ort, zu dem wir erst noch reisen werden.

Wenn wir uns der Realität endlich stellen, fällt der Vorhang. Wir müssen uns nun mit all den negativen Dingen auseinandersetzen, die wir vorher nicht wahrhaben wollten. Dies läutet die nächste Phase unserer Reise ein. Wir verwandeln uns in einen Waisen und wir erkennen, dass vieles von dem, wie wir die Welt gesehen haben, eine Selbsttäuschung war.

Ein Mädchen steht allein in einem Garten.

Der Archetyp des Verwaisten

Irgendwann auf der Reise werden wir gezwungen sein, Dinge zu tun, die wir uns zuvor nicht vorstellen konnten. Wir müssen mit Menschen und Gepflogenheiten zurechtkommen, die uns überraschen. Auf unserer Reise markiert dies einen Niedergang, eine Art Abstieg, den die Griechen „Katabasis“ nannten.

Wenn wir zum Beispiel in ein neues Land einwandern, dann können uns kulturelle Aspekte verwirren. Dinge, von denen wir vorher fest überzeugt waren, stellen wir plötzlich infrage. Tatsächlich fangen wir an, viele Dinge zu hinterfragen, die wir zuvor für „normal“ hielten.

Diese Stufe unserer Reise ist von Sehnsucht geprägt. Uns überkommt das Gefühl, dass das, was wir tun, vielleicht keine Rolle spiele. In dieser Phase idealisieren wir unsere Erinnerung an den Beginn unserer Reise und wir sind sehr versucht, sie aufzugeben.

Ein weiteres wichtiges Element dieser Phase ist die erhöhte Flexibilität in unserer Identität, die sich daraus ergibt, dass die Menschen dort uns noch nie gesehen haben. Das gibt uns die Möglichkeit, neue Facetten unserer selbst zu entdecken und dementsprechend zu wachsen.

Diese Phase kann für uns mit großer Unsicherheit verbunden sein, fast so, als müssten wir in einen bodenlosen Abgrund springen. Manchmal werden wir Momente erleben, in denen wir uns völlig verloren fühlen. Aber gerade dieses Urchaos fordert uns dazu auf, neue Haltungen und Prinzipien zu entwickeln.

Der Archetyp des Kriegers

Nachdem unsere Reise uns durch ein Tal der Hilflosigkeit geführt hat, taucht nun der Archetyp des Kriegers auf, der uns aus diesem tiefen Tal herausführen wird. Er gibt uns die Energie, nach unserem Fall aufzustehen. Er ermutigt uns, die Stärke zu finden, um uns in unserer neuen Lebenssituation zurecht zu finden, und gibt uns unsere Hoffnung zurück.

Nach und nach verlassen wir dank Ausdauer, Geduld und Hilfe das Labyrinth, in dem wir uns zuvor gefangen fühlten. Unsere neue Umgebung wird zu einem Zuhause, in dem wir unsere kürzlich erworbenen Fähigkeiten einsetzen können.

Ein Mensch steht auf einem Berggipfel und blickt in ein Tal.

Der Archetyp des Magiers

Die letzte Etappe unsere Reise ist vom Archetyp des Magiers bestimmt. In dieser Phase finden wir einen Sinn für die Reise, die wir unternommen haben. Wir finden die Weisheit, dankbar zu sein für die guten und die schlechten Zeiten, die wir durchgemacht haben, da sie uns geholfen haben, den Schatz zu finden.

Der Schatz bedeutet mehr Verständnis für uns selbst und die Menschheit, bessere Kenntnis unserer eigenen Komplexität, Schwächen und Potenziale. Der Weg, den wir eingeschlagen haben, hat uns die Chance gegeben, zu sehen, wie flexibel unsere Identität ist. Gleichzeitig hat uns die Reise gelehrt, mit den Ungewissheiten, Prüfungen und Drangsalen des Lebens zu koexistieren.

Die symbolische Heimat – das Ende der Heldenreise

Nach dieser Heldenreise fühlen wir uns manchmal seltsam, wenn wir zu unserem Ausgangspunkt zurückkehren. Es ist, als wäre alles „in der Zeit eingefroren“, während wir uns verändert haben. Dieses Gefühl der Entfremdung ist auch ein Grund und Ansporn für uns, weiter nach unserer geistigen Heimat zu suchen. Nach einem symbolischen Heimatland, das aus der nie endenden Verwirklichung von uns selbst und unserem Potenzial besteht. Das sind Gefühle, die uns motivieren, nach innen zu schauen und uns neu zu entdecken.

Große Künstler und Philosophen schenkten uns Meisterwerke, die in diesem Gefühl der Fremdheit inspiriert sind. Für uns ist die Heldenreise eine Gelegenheit, uns bewusst zu werden, dass wir an der Verwirklichung unser Lebensziele arbeiten sollten, daran, ein würdevolles und bereicherndes Leben zu führen.

Diese Suche endet glücklicherweise bzw. unglücklicherweise nie. Es gibt keinen Ort auf der Erde, der diesen Anspruch komplett erfüllen kann.