Die Exo-Gehirn-Hypothese: eine andere Art, das Bewusstsein zu betrachten

Die Exo-Gehirn-Hypothese ist ein interessanter Ansatz, der das menschliche Bewusstsein aus einer neuen Perspektive betrachtet.
Die Exo-Gehirn-Hypothese: eine andere Art, das Bewusstsein zu betrachten
Sergio De Dios González

Geprüft und freigegeben von dem Psychologen Sergio De Dios González.

Geschrieben von Edith Sánchez

Letzte Aktualisierung: 27. Dezember 2022

Der mexikanische Soziologe und Anthropologe Roger Bartra formulierte im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts die Theorie des “Exocerebro”, auf Deutsch Exo-Gehirn-Hypothese. Er bezeichnet das Bewusstsein als Ergebnis interner Prozesse (in den Neuronen) und externen Prozesse (außerhalb des Gehirns, genauer gesagt in der symbolischen Umgebung jedes Individuums).

Bartra argumentiert, dass die meisten Neurobiologen versucht haben, das Phänomen des Bewusstseins nur auf der Grundlage der biophysikalischen und biochemischen Prozesse zu erklären, die im Gehirn stattfinden. Nach Ansicht des Anthropologen hat dies trotz der großen Fortschritte in den Neurowissenschaften weitergehende Erkenntnisse in diesem spezifischen Bereich verhindert.

Der Anthropologe erklärt, dass bei diesem Ansatz die Tatsache, dass viele Funktionen des menschlichen Gehirns ohne die notwendige Ergänzung durch die Umwelt nicht möglich wären, nicht berücksichtigt wird. Erfahre anschließend weitere Details über die Exo-Gehirn-Hypothese.

“Neurowissenschaftler fühlen sich in dieser heterogenen Gesellschaft oft unwohl, aber sie werden sich daran gewöhnen müssen, das Gebiet des Bewusstseins mit fremden Kollegen zu teilen, wenn sie weiterhin Fortschritte erzielen wollen.”

Roger Bartra

Die Exo-Gehirn-Hypothese

Die Exo-Gehirn-Hypothese von Roger Bartra

Roger Bartra geht von einer Forschungsarbeit von Stevan Harnad aus, die eine Zusammenstellung von Studien über das Bewusstsein bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts enthält. Der ausführliche Artikel mit dem Titel “No easy way out” inspirierte den Anthropologen, der daraufhin seine Exo-Gehirn-Hypothese entwickelte.

Ein erster, sehr kühner Ansatz bestand darin, darauf hinzuweisen, dass das Bewusstsein nicht das Ergebnis einer Funktion des Gehirns ist , sondern einer Funktionsstörung. Um diese Idee zu erklären, vergleicht Bartra das Gehirn mit einer pneumatischen Maschine: Wenn die Arbeit ihre Kräfte übersteigt, bleibt sie stehen.

Das menschliche Gehirn müsste ähnlich funktionieren, was jedoch nicht der Fall ist. Warum? Wir haben äußere Werkzeuge entwickelt, die das verhindern. Es handelt sich um kulturelle und soziale Netzwerken, in die wir eingebettet sind. Barta nennt sie “kulturelle Prothesen”, die im Wesentlichen aus Sprache und Symbolen bestehen.

Die Exo-Gehirn-Hypothese und die Kulturprothesen

Die Theorie von Bartra besagt, dass das Gehirn nicht selbst in der Lage ist, Bewusstsein zu erzeugen. Wir müssen klarstellen, dass der Anthropologe Bewusstsein als “Selbstbewusstsein oder Bewusstsein des Gewahrseins” definiert. Das Defizit des Gehirns wird dieser Hypothese zufolge durch kulturelle Prothesen ausgeglichen, also durch die sozialen und kulturellen Systeme, die in der Umwelt vorhanden sind.

Das Bewusstsein wäre also die Fähigkeit, die internen Prozesse des Gehirns mit den externen Schaltkreisen in der Umwelt zu verbinden. Bartra weist darauf hin, dass der Prozess ähnlich abläuft, wie wenn eine Prothese eingesetzt wird, um eine Sinnesstörung (z. B. Taubheit) zu korrigieren. In solchen Fällen passt sich das Gehirn an das Gerät an und integriert es.

In diesem Sinne werden kulturelle Prothesen als symbolische Ersatzsysteme definiert, die dem Gehirn als Kompensationsmechanismen dienen. Wenn unsere Vorfahren zum Beispiel ihren Standort wechselten und unbekannte oder widrige Bedingungen vorfanden, blieben sie nicht stehen, wie es eine Maschine tun würde, sondern entwickelten Signal- oder Orientierungssysteme, um sich zu orientieren und anzupassen.

Die Exo-Gehirn-Hypothese und die Kulturprothesen

Das Fehlen kultureller Prothesen

Roger Bartra weist darauf hin, dass ein Beweis für die Exo-Gehirn-Hypothese in folgenden konkreten Fällen zu finden ist:

  • Autismus: Bei dieser Störung sind viele kognitive Funktionen intakt oder sogar überdurchschnittlich gut entwickelt. Dennoch verhindert die fehlende Verbindung zur Umwelt die Bildung eines Bewusstseins als solches.
  • Antisoziale Persönlichkeitsstörung: Menschen mit dieser Diagnose haben in der Regel ein geringeres Volumen an grauer Substanz (bis zu 11 % weniger). Infolgedessen gelingt es ihnen nicht, sich mit ihrer Umwelt zu verbinden, und das führt zu einem Mangel an Bewusstsein. Auch in diesem Fall sprechen wir von einem fehlenden Exo-Gehirn.

Die Exo-Gehirn-Hypothese von Bartra ist experimentell sehr schwer zu beweisen, hat aber die Aufmerksamkeit vieler Neurowissenschaftler auf der ganzen Welt auf sich gezogen. Es könnte sich um eine plausible Erklärung handeln, die jedoch wissenschaftlich überprüft werden muss.

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