Die Einsamkeit schützt uns auch vor dem, was nicht gut für uns ist

12, Juli 2017 en Psychologie 0 Geteilt

Die Einsamkeit, die in einem bestimmten Moment unseres Lebens frei gewählt wird, kann nicht nur Balsam für unsere Seele sein oder als wirksame Therapie dienen, um uns wieder mit uns selbst zu verbinden. Manchmal können wir in Einsamkeit auch eine gesunde Distanz zu dem aufbauen, was uns nicht guttut, unsere innere Ruhe stört, uns aufwühlt oder aus dem Gleichgewicht bringt.

Wir sprechen von etwas, das in der Psychologie oft als „funktionelle Einsamkeit” bezeichnet wird. Dieser Terminus beschreibt ein Konzept, das viele kennen: Es ist die Notwendigkeit, uns von einem Umfeld zu distanzieren, das für uns schädlich ist oder uns unserer Kraft beraubt, damit wir uns selbst wiederfinden und so unser mentales Wohlergehen wiederherstellen können.

„Es gibt keine schlimmere Einsamkeit, als die, sich mit sich selbst nicht gut zu fühlen.”

Mark Twain

Daher beziehen wir uns hier auf eine gewählte Einsamkeit, auf dieses Abschotten gegenüber sozialen Belastungen oder dieser Traurigkeit wegen des Mangels an bedeutenden Beziehungen. Diese Einsamkeit hat eine therapeutische Wirkung, und diese besteht darin, so grundlegende Dimensionen wie das Selbstwertgefühl und eigene Prioritäten neu zu definieren oder uns erneut diesen ganz eigenen, intimen Raum zu schaffen, der uns irgendwann genommen wurde.

So wie einst Pearl Buck, Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin, sagte, gäbe es in unserem Inneren wunderschöne Quellen, die manchmal mit frischem Wasser aufgefüllt werden müssten, damit wir uns weiterhin lebendig fühlten. So seltsam es uns auch vorkommen mag, kann so etwas nur in Zeiten der gewählten und wohltuenden Einsamkeit geschehen.

Sich trotz Gesellschaft einsam zu fühlen, verheißt nichts Gutes

Den meisten von uns macht die Einsamkeit Angst. Es reicht schon, uns vorzustellen, dass wir an einem Samstagnachmittag ganz allein durch ein menschenleeres Einkaufszentrum schlendern, damit uns unser Gehirn ein Alarmsignal sendet. Wir verspüren dann Angst. Ausgelöst wird sie durch einen Instinkt, der uns daran erinnert, dass wir nicht überleben können, wenn wir allein sind. Der Mensch ist von Natur aus ein soziales Wesen und aufgrund dessen, dass wir in Gruppen leben, haben wir uns als Spezies dorthin entwickeln können, wo wir heute sind.

Aber in unserem Alltag begegnen wir weitaus furchteinflößenderen Dingen als einem Einkaufszentrum ohne Kunden. Studien zeigen, dass sich fast 60% der verheirateten Menschen einsam fühlen. 70% der Jugendlichen fühlen sich allein und unverstanden, obwohl sie meist viele Freunde haben. Wir fühlen uns an unserem Arbeitsplatz alleingelassen, missverstanden und ausgebrannt, aber wir halten am Job fest, weil „man von etwas ja leben muss“. Das verdeutlicht uns, dass Einsamkeit nichts mit der Anzahl an Menschen zu tun hat, die Teil unseres Lebens sind, sondern mit der Qualität dieser Beziehungen.

Es gibt Menschen, die weiterhin an ihrem Partner festhalten, obwohl sie sich in ihrer Beziehung einsam fühlen, denn sie haben noch größere Angst vor der Leere, die sie erwartet, wenn sie niemanden an ihrer Seite haben. Wir treffen uns immer mit denselben Menschen, weil wir sie schon unser ganzes Leben lang kennen. Wieso sollten wir uns jetzt von ihm distanzieren? Und macht es wirklich Sinn, sich auf die Suche nach einem neuen Job zu begeben, wenn wir doch schon viele Jahre im selben Unternehmen arbeiten?

All diese Beispiele kennzeichnen die „nicht funktionelle Einsamkeit”, in der wir oftmals Abwehrmechanismen wirken lassen, um die Realität nicht sehen zu müssen, um uns selbst einzureden, dass alles gut wird, dass wir gewollt, geliebt und von anderen geschätzt werden. Diese Denkmuster sind wie ertrinken und dabei noch absichtlich mit dem Kopf unter Wasser tauchen.

Unglück kann nicht mit noch mehr Leid geheilt werden. Niemand verdient es, sich trotz Gesellschaft einsam zu fühlen.

Die Einsamkeit als Chance, sich selbst zu finden

Sich eine bestimmte Zeit in einem bedrückenden, wenig wohltuenden und egoistischen Umfeld zu bewegen, führt manchmal dazu, dass sich der Mensch nur noch auf die Außenwelt konzentriert, mit dem Gedanken, die Bedürfnisse der anderen zu befriedigen, weil er die Hoffnung hat, dass früher oder später auch seinen Bedürfnissen nachgekommen wird. Doch diese Rechnung geht nicht immer auf.

„Ich habe keine Angst vor der Einsamkeit. Manche Menschen neigen tatsächlich dazu, sie zu genießen.“

Charlotte Bronte

Dann bleibt ihnen nichts anderes mehr übrig, als sich der eigenen Realität bewusst zu werden und nach einer Lösung zu suchen. Die gewählte Einsamkeit, etwas Distanz und Zeit, die wir in uns selbst investieren, sind wirksame Instrumente, um sich selbst wiederzufinden. Wir reden hier nicht davon, sich vollkommen aus der Gesellschaft auszuklinken, und es geht auch nicht darum, zu fliehen. Es ist ganz einfach so: Wir sollten einfach mal Abstand von dem nehmen, was uns nicht guttut.

Uns selbst Zeit zu widmen, tut immer gut. Dadurch können wir unsere Intimität und Freiräume wiederherstellen, uns daran erinnern, wer wir sind, und darüber nachdenken, wer wir ab heute sein wollen. Dafür können wir unter Umständen ein paar Wochen oder Monate brauchen. Jeder Mensch hat diesbezüglich seinen ganz eigenen Rhythmus und und braucht seine Zeit, sich zu akzeptieren und zu respektieren.

Die in einem bestimmten Zeitpunkt unseres Lebens frei gewählte Einsamkeit heilt nicht nur, fügt nicht nur zerbrochene Teile zusammen, sondern ist auch eine Möglichkeit, um zu lernen, angemessene Filter anzuwenden. Diese Filter, durch die wir zukünftig nur noch das oder diejenigen hindurchlassen, die uns guttun, die sich unserem emotionalen Befinden anpassen und die es verdient haben, einen dieser kostbaren Plätze in unserem Herzen einzunehmen, werden uns ermöglichen, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren und das Leben zu genießen.

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