Momente, in denen wir alles haben und wunschlos glücklich sind

29. März 2017 en Psychologie 299 Geteilt

Es gibt wundervolle Augenblicke, in denen wir alles haben, in denen einfach alles ausgeglichen, ja fast zauberhaft ist. Doch nach kurzer Zeit verfliegt dieser Zauber oder scheint ein Verfallsdatum zu erhalten. Genau in diesem Moment fällt uns auf, dass es in diesem Leben letztendlich doch am wichtigsten ist, mit uns selbst im Reinen zu sein, inneren Frieden und Ruhe zu verspüren.

Der polnische Soziologe und Philosoph Zygmunt Bauman erklärt uns, dass wir heutzutage in einer Konsumgesellschaft leben, die uns dazu einlade, danach zu verlangen, was andere meinen, was uns fehle; wegzuwerfen, was wir bereits besitzen, und nur bedingt zu nutzen, was man uns anbiete. Andere würden uns zu unzufriedenen Wesen machen, zu Menschen, die Wert auf Schnelligkeit und nicht auf Ruhe legen , die sich nach dem sehnen, was sie nicht besitzen, anstatt zu schätzen, was sie haben.

„Manchmal vergehen Jahre, in denen wir überhaupt nicht leben, und plötzlich dreht sich unser Leben um einen einzigen Moment.“

Oscar Wilde

Diese Wegwerfgesellschaft hat zur Folge, dass wir oftmals beim Gedanken daran verzweifeln, dass wir niemals glücklich werden, und wenn doch, dann ist das Glück mit einem Wimpernschlag wieder vorbei, wie der Tropfen auf einem heißen Stein in der Mittagssonne, der sofort wieder verdunstet. Dann geben wir der Gesellschaft, den Parteien, unserem Chef, unserer Familie und dieser Person die Schuld daran, die uns die ewige Liebe versprochen hat und nicht wusste, dass die Ewigkeit nicht nur ein Vierteljahr andauert.

Wir werden zu Waisen unseres Selbstwertgefühls, zu emotionalen Landstreichern, die erst nach einer gewissen Zeit verstehen, dass alles zu haben manchmal bedeutet, zu akzeptieren, was wir um uns herum haben: uns selbst, unsere Familie, unsere Freunde und unsere Fähigkeit, uns weiterzuentwickeln und nicht von anderen geformt zu werden.

Momente, in denen wir uns erlauben, „zu fließen“

Viele Sprachen, die auf der Welt gesprochen werden, haben die Besonderheit, mit einem einzigen Wort einen Inhalt auszudrücken, wofür es in anderen Sprachen mehrerer Begriffe bedarf. Im Japanischen beispielsweise gibt es einen interessanten Ausdruck, der sich “Yūgen” (幽玄) nennt, was wir mit einem tiefgründigen, geheimnisvollen und intensiven Gefühl übersetzen könnten, was jemand verspürt, wenn er das Universum betrachtet. Vor allem aber beschreibt Yūgen die Fähigkeit, die Welt mit dem Herzen zu sehen oder mithilfe unserer Gefühlswelt, um unsere Umgebung bewusster wahrzunehmen.

Dieses Bewusstsein erlangen wir nur durch einen entspannten, konzentrierten und friedfertigen Verstand, der verstanden hat, was wichtig ist, und aus Momenten bedeutungsvolle Augenblicke werden lässt. Genau das dachte auch Reinhold Messner, der bis zum heutigen Tag als einer der besten Alpinisten der Welt gilt: Er war der erste Mensch, der die höchsten Gipfel der Welt ohne Sauerstoff bestieg und in den meisten Fällen tat er das allein. Er ist ein Naturliebhaber, lebt für extreme Erlebnisse und wird oftmals wegen seines Charakters kritisiert. Reinhold Messner ist ein Mensch, der früh lernte, dass das wahre Glück in den Momenten zu finden ist und dass es uns tatsächlich am besten geht, wenn wir nicht versuchen, Dinge anzuhäufen, sondern wenn wir tun, was wir lieben, und die Wunder in unserer Umgebung beobachten.

Diese Kondition – in der wir das Gefühl haben, dass wir tatsächlich alles besitzen und dass das Glück genau das begrüßt, wie ein unsichtbarer aber wohltuender Schleier – beschrieb der Professor der Psychologie Mihaly Csikszentmihalyi 1990 als Zustand des „Fließens“. In einer Aktivität versunken zu sein, den Fokus konstant auf das Positive gerichtet, wenn wir ein zufriedenstellendes Gefühl des Wohlbefindens erreichen und uns selbst verwirklichen, definiert diese grundlegende Freude des Menschen, nach der wir alle streben sollten.

Augenblicke, in denen wir einfach alles haben und es uns an nichts fehlt

Dem Menschen von heute fehlt immer irgendetwas: sich das neueste Smartphone zu kaufen führt dazu, dass es kurze Zeit später wird ein neues, noch besseres geben wird, das er auch wieder haben möchte; ein neuer Arbeitsplatz macht uns glücklich, doch dieses Glück verschwindet, sobald aus diesem Job Routine wird und wir das Gefühl haben, dass wir uns nicht mehr selbst verwirklichen; eine neue Beziehung ist zu Beginn leidenschaftlich, aber kurz darauf macht sich diese Leere breit, die uns wieder einmal das Gefühl gibt, dass uns etwas fehlt und diese Liebe nicht vollständig ist.

„Sobald du verstehst, dass es nicht darum geht, zu kämpfen, sondern zu akzeptieren und zu fließen, hast du den Sinn des Lebens erkannt.“

Wir könnten auf schon fast ironische Weise sagen, dass diese „Leere“, diese undefinierbaren Bedürfnisse, die unendlich und manchmal auch beängstigend sind, wie dieses trojanische Pferd in unserem Kopf ist, welches uns unaufhörlich dazu einlädt, nach noch mehr zu suchen. Denn Unzufriedenheit verleitet zur Suche und die Suche bringt uns zu einer neuen Erkenntnis. Doch bevor wir zu einem Sklaven unserer selbst werden, wäre es angebracht, innezuhalten und einfach zu schätzen, was wir bereits alles haben.

Diese Augenblicke, in denen uns endlich bewusst wird, dass wir schon alles haben, vergehen, wenn wir unsere Leidenschaft finden und ihr nachgehen. Reinhold Messner fand seine Erfüllung in den Bergen. Wir können sie in einem anderen Hobby finden oder in unserer Arbeit, in unserer Familie, im Sport, in der Kunst usw. Denn das Glück ist in erster Linie ein Ziel und eine Aktivität; wir finden es, wenn wir Entscheidungen treffen und den gegenwärtigen Moment ausgeglichen und mit einem Verstand erleben, der fokussiert, zufrieden und fähig ist, das zu erkennen.

Mihaly Csikszentmihalyi nennt das am „süßen Punkt“ angekommen sein, was einen Zustand beschreibt, den wir erreichen, wenn wir uns von Druck und Ängsten lösen, wo mentaler Lärm ausgeschaltet und Widerstände und sich selbst einschränkende Verhaltensweisen keinen Platz haben. Dieses Bewusstsein ist ein riesiges Abenteuer mit Hinsicht auf unser persönliches Wachstum, bei dem jeder Tag und jeder Moment etwas wert ist.

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Andrea Marsh, Art Mesmer-K

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