Der Tod von Königin Elisabeth II. und die kollektive Trauer

Die kollektive Trauer ist eine Einladung, über den Sinn unseres eigenen Lebens und über das Ende einer Ära nachzudenken.
Der Tod von Königin Elisabeth II. und die kollektive Trauer
Michael Schaller

Geprüft und freigegeben von Psychologe Michael Schaller.

Geschrieben von Valeria Sabater

Letzte Aktualisierung: 21. September 2022

“London Bridge is down”: So wurde der Tod von Königin Elisabeth II., der “Queen of Queens” am 9. September 2022 bekannt gegeben. Mit dieser Persönlichkeit endet ein “Überbleibsel des 20. Jahrhunderts”, während wir ein Phänomen beobachten können, das die Psychologie bereits seit Jahren untersucht: die kollektive Trauer.

Nicht jede öffentliche Persönlichkeit verursacht durch ihren Tod allgemeine Traurigkeit und Tränen. Wie kommt es dazu, dass Millionen von Menschen von London bis Neuseeland um den Tod einer Person trauern, welche sie nicht persönlich kannten? Nicht nur Royalisten bedauern diesen Verlust, der uns allen unsere eigene Endlichkeit vorspiegelt und uns einlädt, über unsere eigene Existenz nachzudenken. Anlässlich dieses weitreichenden Ereignisses machen wir uns heute Gedanken über die kollektive Trauer.

Der Verlust einer bekannten Persönlichkeit erinnert uns an unsere eigene Endlichkeit und an geliebte Menschen, von denen wir bereits Abschied nehmen mussten.

kollektive Trauer
Während des Trauerprozesses kommt es zur Introjektion, das bedeutet, dass fremde Anschauungen und Verhaltensweisen in das eigene Ich aufgenommen werden.

Die kollektive Trauer und der Abschied von einer Königin

Das letzte Geschenk der britischen Monarchin ist vielleicht die Einladung zum Innehalten. Nach einer Zeit voller Höhen und Tiefen trauert ein Land 10 Tage lang, um 70 Jahre nach der Krönung von Queen Elizabeth feierlich und mit allen Ehren Abschied von der Königin zu nehmen. Diese Zeit der Trauer und der Rituale um eine weltbekannte Persönlichkeit liefern wertvolle psychologische Informationen über das Gruppenverhalten.

Dieses Ereignis unterscheidet sich definitiv von dem tragischen Verlust, als Diana von Wales tödlich verunglückte. Es gibt jedoch gemeinsame Elemente und eines davon ist die kollektive Trauer.

Nach dem Tod von Lady Di analysierte unter anderem eine Studie des College of North West London die Auswirkungen dieses Ereignisses auf die Bevölkerung, die sehr unterschiedlich waren. 28 % der Befragten zeigten Symptome von posttraumatischem Stress. Ferner empfand ein großer Teil der Gesellschaft nach dem Verlust echte Trauer.

Es werden bereits Analysen durchgeführt, um genauer zu erforschen, wie die Bevölkerung den Tod von Elisabeth II. erlebt. Wir können einige Schlussfolgerungen vorwegnehmen, auf die Experten hinweisen.

Der Tod einer so bekannten Persönlichkeit wie Queen Elizabeth ist eine direkte Aufforderung, darüber nachzudenken, wie wir selbst in Erinnerung bleiben möchten, wenn wir diese Welt verlassen.

Wir müssen der Trauer in parasozialen Beziehungen Geltung verschaffen

Die Beziehung zwischen Queen Elizabeth II. und all ihren Bewunderern wird als parasoziale Bindung bezeichnet. Es handelt sich dabei um eine Bindung zu einer Person, die wir nicht persönlich kennen, jedoch wertschätzen, anerkennen und bewundern. Diese Art von Beziehung besteht auch zu Schauspielern, Sängern oder Schriftstellern, die wir schätzen.

Der Philosoph Michael Cholbi erklärte kürzlich in einem Artikel der Zeitschrift Nature, dass wir uns daran gewöhnt haben, Trauer aus der Perspektive der Gegenseitigkeit zu betrachten. Das bedeutet, dass wir Traurigkeit empfinden, wenn wir eine direkte Verbindung zu den verstorbenen Menschen haben – es muss sich jedoch nicht um ein Elternteil, die Großeltern, Partner, Geschwister oder Freunde handeln.

Die Trauer über den Verlust einer öffentlichen (nicht nahestehenden) Person ist echt und kann tiefgreifend sein. Die kollektive Trauer kann intensive Emotionen auslösen. Es handelt sich dabei allerdings um ein Gebiet, das noch nicht ausreichend erforscht ist.

Innehalten: ein Moment der Selbstbeobachtung

Der Tod von Königin Elisabeth II. hat ein Land gelähmt und einen Teil der Welt zum Stillstand gebracht. Nicht nur das Vereinigte Königreich trauert: Tausende von Menschen vieler Nationalitäten verfolgen die Trauerfeierlichkeiten und unterbrechen ihren hektischen Alltag, um über tiefsinnigere Dimensionen nachzudenken:

  • Der Tod von Königin Elisabeth II. markiert für viele Menschen das Ende einer Ära. Ungewissheit markiert jede Veränderung und ist schwer zu handhaben.
  • Es gibt viele, die das Gefühl haben, dass sie mit dem Verlust der Königin von England auch einen Teil von sich selbst verlieren. Schließlich vertrat die Queen eine Reihe von Werten, die für viele Briten Teil der eigenen Identität waren.
  • Viele denken über Verluste nach, die ihre eigenen Erfahrungen prägen, oder machen sich Gedanken, wie sie selbst in Erinnerung bleiben möchten.
  • Die kollektive Trauer ist auch eine Zeit, in der wir einen gewissen sozialen Zusammenhalt beobachten. Millionen von Menschen sind nicht nur wegen der gleichen Ereignisse zusammengekommen, sondern sie zeigen auch eine gemeinsame emotionale Einstellung.

In der kollektiven Trauer kommen viele Emotionen zusammen, die über Trauer und Leid hinausgehen. Es gibt ein Gefühl des historischen und kulturellen Verlusts, der sich durch Angst und Unsicherheit ausdrücken kann.

Weinende Frau symbolisiert die kollektive Trauer
Der Tod von Königin Elisabeth II. war für viele Menschen ein Schock, denn ihre Figur war 70 Jahre lang ein fester Bestandteil der britischen Gesellschaft.

Wie lange dauert die kollektive Trauer?

Andy Langford, klinischer Direktor der in London ansässigen Trauerhilfeorganisation Cruse, erklärte in der Zeitschrift Nature, dass die Trauer über den Verlust von Königin Elisabeth II. kurz sein wird. Der Trauerprozess ist bei öffentlichen Persönlichkeiten deutlich kürzer als bei nahestehenden Menschen, die ein intensives Gefühl der Verlassenheit und Einsamkeit zurücklassen. Der Alltag und andere Ereignisse füllen die Leere relativ rasch.

Die emotionale Bindung, die wir zu jemandem aufbauen, basiert auf drei Variablen: gemeinsame Zeit, Nähe und emotionale Verbundenheit. In der gegenwärtigen Situation ist es wahrscheinlich, dass die britische Gesellschaft nach der Beerdigung der Königin allmählich zur Normalität zurückkehren wird.

In jedem Fall markiert der Abschied von Elisabeth II. zweifellos das Ende einer kulturellen, sozialen, politischen und historischen Periode. Die Königin war seit 70 Jahren eine Konstante. Jetzt beginnt eine neue Ära voller Herausforderungen, Veränderungen und Ungewissheiten.

Main image editorial credit: Usama-Abdullah Designer / Shutterstock.com



    • Watson, C. W. (1997). “Born a Lady, Became a Princess, Died a Saint”: The Reaction to the Death of Diana, Princess of Wales. Anthropology Today, 13(6), 3–7. https://doi.org/10.2307/2783375
    • Williams, E & Meadows, J & Catalan, Jose. (1997). Death of Diana, Princess of Wales. People experiencing emotional difficulties react in different ways. BMJ (Clinical research ed.). 315. 1467.