Der kaputte Krug: Eine Hindulegende, die uns lehrt, umzudenken

· 16. Juli 2018

Der kaputte Krug  ist die Geschichte von einem Bauern, der sein Geld damit verdiente, Wasser auf dem Markt verkaufen. Er besaß zehn Tonkrüge. Jeden Tag, begann er bereits in den frühen Morgenstunden, diese Tonkrüge auf einem Holzstab, der auf seinen Schultern lag, zu transportieren. An jedem Ende hing ein Tonkrug, den er bis zum Brunnen trug, um ihn danach ins Dorfzentrum zu bringen. Unter diesen Krügen befand sich jedoch ein kaputter Krug.

Interessanterweise verwendete dieser hart arbeitende Mann den kaputten Krug jeweils für den ersten Transport des Tages. Er trug ihn zusammen mit einem Krug, der in einem einwandfreien Zustand war, bis zum Brunnen, in dem sich das Wasser befand. Er holte geduldig das Wasser heraus und trug es mehr als zwei Kilometer weit ins Dorf.

„Nützlich ist alles, was uns glücklich macht.“

Auguste Rodin

Natürlich hatte der kaputte Krug bereits einen Großteil des darin transportierten Wassers verloren, als er am Markt ankam. So konnte der Bauern nur die Hälfte dessen fordern, was jenes Wasser wert war, das er aufgeladen hatte. Der Krug, der heil war, war hingegen prall gefüllt, weshalb er Geld für die gesamte Menge an Wasser verlangen konnte.

Der kaputte Krug schämte sich

Bald darauf begannen die anderen Tonkrüge die Situation zu kommentieren. Sie konnten nicht verstehen, warum der Mann den kaputten Krug immer noch aufbewahrte, da er ihm ja jeden Tag weniger Geld einbrachte. Sie verstanden auch nicht, wieso er immer genau diesen Krug für den ersten Transport des Tages benutzte.

Der kaputte Krug

Der kaputte Krug hingegen schämte sich. Er hatte den Bauer die letzten zehn Jahre begleitet und schätzte ihn sehr. Er fühlte sich schlecht, als er bemerkte, dass er ihm nicht mehr wirklich nützte. Auch verstand er nicht, warum er ihn noch nicht in den Müll geworfen hatte.

Er erinnerte sich an die Zeit, in der auch er ein wunderschöner Tonkrug war, der seinem Herrn von Nutzen war. Er hatte damals keinen einzigen Kratzer. Er war einer der stärksten Transportkrüge. Doch eines Tages war der Bauer gestolpert. An diesem Tag war der Krug angebrochen und teilweise unbrauchbar geworden. Das war lange Zeit her und der Mann trennte sich trotzdem nicht von diesem Tonkrug.

Der Weg hin zum Brunnen

Der Bauer ging einer weiteren Gewohnheit nach, die dem kaputten Krug und den anderen Tonkrügen irgendwann auffiel. Manchmal holte er mit seiner Hand etwas aus seiner Tasche und streute es auf den Weg, den er mit seinen leeren Krügen täglich zum Brunnen lief. Was das war, wussten sie allerdings nicht.

Plötzlich hatte der Bauer dieses Etwas wohl nicht länger in seinen Taschen und streute es demzufolge nicht mehr auf den Weg. Später kehrte er zu seiner Gewohnheit zurück, ging ihr jetzt aber auf der anderen Seite des Weges nach. Die Tonkrüge waren ganz gespannt, was es mit diesem Handeln auf sich hatte, doch da es etwas war, das der Bauer nicht ständig tat, verblasste ihre Neugierde schnell wieder.

Wassertropfen formt ein Herz

Die Gespräche unter den Tonkrügen wühlten den kaputten Krug erneut auf. Er beschwerte sich darüber, so unnütz zu sein und sich demjenigen gegenüber zu schämen, der ihn gekauft und so lange Zeit auf ihn aufgepasst hatte. Ohne länger darüber nachzudenken, entschied er sich dazu, mit dem Bauern zu reden, ihn davon zu überzeugen, ihn wegzuwerfen.

Und die Moral von der Geschichte …

Eines Nachts, als sich der Bauer schlafen legen wollte, rief der kaputte Krug nach ihm und sagte ihm, dass er mit ihm sprechen müsste. Der Mann war bereit, aufmerksam zuzuhören, was er ihm zu sagen hatte. Ohne Umschweife erzählte der kaputte Krug seinem Besitzer, welches Leid ihn plagte. Er wusste, dass der Bauer ihn wertschätzte, aber der Krug war nicht daran gewöhnt, unnütz zu sein. Er wollte nicht, dass der Bauer ihn nur aus Mitleid weiterhin aufbewahrte. Er sollte ihn lieber in den Müll werfen und das Leiden ein für alle Mal beenden.

Der Bauer lächelte, als er die Worte des Krugs vernahm. Er entgegnete ihm, dass er niemals daran gedacht hätte, ihn wegzuwerfen, weil er sehr wohl von großem Nutzen für ihn sei. „Von großem Nutzen?“,  fragte der kaputte Krug. Wie sollte er nützlich sein, wenn er ihn tagtäglich um sein Geld brachte? Der Mann bat den Krug, Stillschweigen zu bewahren. Am darauf folgenden Tag würde er ihm zeigen, wieso er ihn so sehr schätzte. Der kaputte Krug konnte danach nicht mehr einschlafen.

Feldweg im Sommer

Am nächsten Tag sagte der Bauer zum Krug: „Ich möchte dich nun darum bitten, alles zu betrachten, was du am Wegrand hin zum Brunnen siehst.“  Der kaputte Krug beobachtete aufmerksam, was es zu sehen gab. Er schaute zu beiden Seiten und konnte nur einen wunderschönen Weg umgeben von Blumen sehen. Als sie am Brunnen ankamen, sagte er zum Bauern, dass er nichts gesehen hätte, das ihm eine Antwort geliefert hätte.

Der Mann schaute ihn liebevoll an und sagte zu ihm: „Seitdem du fast zerbrochen bist, habe ich darüber nachgedacht, wie ich dich weiterhin bestmöglich einsetzen kann. So entschied ich, von Zeit zu Zeit Samen am Wegrand zu verstreuen. Dank dir konnte ich sie jeden Tag gießen. Und dank dir kann ich ab und zu ein paar Blumen pflücken und sie für einen höheren Preis als das Wasser auf dem Markt verkaufen, wenn sie blühen.“

Der kaputte Krug verstand endlich, was seine wunderschöne Mission war.