Der Greis und sein Kranich: eine bewegende Geschichte

12. Mai 2018 en Psychologie 0 Geteilt
Der Greis und sein Kranich - ein Kranich

Man erzählt sich, dass vor langer Zeit ein Mann mit langen weißen Haaren in ein fernes Dorf kam. Dieser Greis wurde immer von einem Kranich begleitet. Sie waren ein eigenartiges Paar, da diese Vögel im Grunde genommen nicht die Nähe zu Menschen suchten. Den alten Mann und den Kranich sah man jedoch immer zusammen.

Die Dorfbewohner sagten über diesen Mann, dass er äußerst weise gewesen sei. Sie erklärten, dass er in der ganzen Region für seine großen Lehren berühmt gewesen sei. Der alte Mann war allerdings sehr bescheiden. Bei seiner Ankunft im Dorf ließ er sich neben einer Krippe nieder. Der Kranich ging stets vor ihm.

„Wenn wir einen Abgrund umrunden und die Nacht dunkel ist, lässt der weise Reiter die Zügel los und gibt sich dem Instinkt des Pferdes hin.“

Armando Palacio Valdés

Die Menschen waren neugierig. Sie kamen näher, um ihn zu betrachten, aber er sah sie nicht einmal. Nur der Kranich blickte erwartungsvoll auf. Bald begannen die Bewohner des Ortes, ihnen Essen zu bringen und Unterschlupf zu gewähren, weil sie erkannten, dass der Greis mittellos war. Der alte Mann und der Kranich bedankten sich sehr bei den Menschen, die ihnen halfen.

Der Greis und der Kranich werden befragt

Einmal, bei Einbruch der Dunkelheit, näherte sich ein Bauer der Stelle, an der der Greis und der Kranich ruhten. Der Kranich wurde ein wenig nervös, als er ihn sah, und flatterte, um den alten Mann zu wecken, der vor sich hindöste. Er wachte auf und gestattete dem Besucher, näherzukommen, bevor er ihn fragte, ob er ihm irgendwie helfen könne.

Japanischer Greis geht auf Haus zu

Der Bauer saß vor dem Greis und gestand ihm, dass er eine Frage hatte. Man hatte ihm gesagt, dass er ein sehr weiser Mann sei und er wollte daher wissen, ob er seine Frage beantworten könne. Der alte Mann antwortete ihm: „Niemand ist so weise, alles beantworten zu können, aber wenn ich dir helfen kann, werde ich das tun.“

Der Bauer erklärte ihm, dass er wissen wolle, wie man die Pforte zum Himmel und die zur Hölle öffnen könne. Zum Himmel wolle er immer Zugang haben, zur Hölle allerdings nie. Deshalb musste er wissen, wie sich die jeweiligen Pforten öffnen ließen, um das zu tun oder zu vermeiden. Der Greis und der Kranich hörten aufmerksam zu. Als der Bauer zu Ende gesprochen hatte, entgegnete ihm der alte Mann: „Was für eine dumme Frage! Man kann erkennen, dass du ein völlig ignoranter Mensch bist!“

Als er das hörte, wurde der Bauer wütend und wollte den alten Mann schlagen. Der Kranich ging dazwischen und wusste das zu verhindern. Dann sah der Bauer, dass der Greis blind war und dass der Vogel ihn führte. Er schämte sich dafür, dass er ihn hatte angreifen wollen und seine Wut verschwand. Er empfand nichts weiter als Mitgefühl für diesen hilflosen alten Mann und bat ihn um Vergebung. Der Greis sagte ihm daraufhin: „Ärger öffnete dir die Pforte zur Hölle, Mitgefühl öffnet dir die Pforte zum Himmel.“

Wissen und Unwissenheit

Der Bauer war erstaunt. Er stellte fest, dass der Greis tatsächlich ein sehr weiser Lehrer war. Er bedankte sich sofort für die Lektion und erzählte sie im Anschluss dem ganzen Dorf. Eine lange Prozession begann, bei der der Greis und der Kranich das Ziel waren. Einige wünschten sich Antworten, während andere zufrieden damit waren, einfach nur nachzudenken und ihm nahe zu sein. Der alte Mann strahlte Frieden aus.

Greis zusammen mit Kranich in den Bergen

Eines Nachmittags kam ein junger Mann zu dem Greis und dem Kranich. Er wirkte beunruhigt. Er näherte sich und sagte mit leiser Stimme: „Meister, es gibt Menschen, die böse über dich geredet haben.“ „Einen Moment!“, sagte der alte Mann. „Weißt du, was du mir sagen willst? Hast du jemanden böswillig über mich reden hören?“  Der junge Mann dachte für einen Moment nach und erwiderte: „Nein. Ich persönlich habe das nicht gehört. Jemand hat mir gesagt … Im Dorf geht das Gerücht um, dass …“ 

Der alte Mann und der Kranich bewahrten kurz Stillschweigen. Der Greis war nachdenklich. Und der Kranich war wie immer an seiner Seite und beschützte ihn. Der schöne Vogel war ihm dankbar, weil er ihn einst aus einer Falle im befreit hatte. Seitdem war er sein treuer Begleiter und Führer geworden, da der Mann blind war.

Eine großartige Lektion

Nachdem der Meister eine Weile meditiert hatte, wendete er sich dem jungen Mann zu, der zu ihm gekommen war, um ihm zu erzählen, was in der Stadt gemunkelt wurde. Er fragte ihn: „Wird das, was du mir sagen willst, mir oder meinem Freund dem Kranich guttun?“

Fliegender Kranich

Der junge Mann dachte noch einmal nach. Dann antwortete er: „Nicht wirklich. Um ehrlich zu sein, nein. Was sie mir erzählten, was sie über dich sagen, ist etwas, das dich quälen könnte. Und vielleicht auch deinen Freund“,  sagte er und bezog sich damit auf den Kranich. Der Greis und der Kranich blieben wieder für einen Moment still. Dann erklärte der Meister: „Ich habe noch eine letzte Frage an dich. Ist es notwendig, dass ich weiß, was über mich und meinen Freund den Kranich gemunkelt wird?“

„Nein, ich glaube nicht“,  antwortete der junge Mann nachdenklich. „Dann geh,“  sagte der alte Mann. Wenn du nicht weißt, ob etwas wahr ist, es zudem schadet und nicht von Bedeutung ist, ist es nicht notwendig, das zu kommunizieren. Es lohnt sich schlichtweg nicht, darüber zu sprechen.“

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