Der Fremde-Situations-Test zur Beurteilung von Bindungen

· 3. Mai 2019

In der Psychologie sprechen wir von Bindung, wenn wir die zwischen zwei Menschen bestehende Verbindung beschreiben wollen, die durch intensive Emotionen gekennzeichnet ist. Normalerweise besteht eine dauerhafte Beziehung zu einer besonderen und verbindlich zu uns gehörenden Person. Sie manifestiert sich auch nicht ausschließlich beim Menschen, sondern tritt ebenso bei vielen Tieren auf. Der Mensch benötigt jedoch eine weitaus längere Zeit, um diese Verbindung – in der Regel zunächst zur eigenen Mutter – herzustellen. Durch Bedingungslosigkeit wird die Bindung konsolidiert.

Mary Ainsworth war Vorreiterin bei der Entwicklung des ersten Instruments zur Beurteilung der Bindung von Kindern zu ihren Müttern. Das von ihr entwickelte Verfahren ist als der Fremde-Situations-Test oder FST bekannt.

Das Ziel der Bindung

Es ist wichtig, dass ein Kind gesund ist, um seine ersten Bindungen knüpfen zu können. Der Zweck der Bindung ist es, Sicherheit, Komfort, Schutz und die Befriedigung der Grundbedürfnisse des Babys zu sichern, einschließlich einer Fortsetzung dieses gesunden Zustands. Je nach Art der Bindung, die sie gegenüber ihren Bezugspersonen entwickeln, können Kinder mehr oder weniger Nähe zeigen, emotionale Zuflucht suchen, gegen eine mögliche Trennung protestieren und eine sich selbst eine sicheres Fundament schaffen.

Die Bindung beeinflusst nicht nur das unmittelbare Wohlbefinden des Kindes, sondern kennzeichnet auch seine psychoevolutionäre Entwicklung. Daher können Bindungsmängel in der Kindheit bis weit ins Erwachsenenalter hinein wirken.

Eine Mutter, die zärtlich ihr Baby hält

Notwendige Bedingungen für die Entstehung einer Bindung

Damit sich eine Bindung bilden kann, muss das Baby zunächst eine Reihe von Anfoderungen erfüllen. Diese Anforderungen garantieren, dass sich die Bindung seitens des Kindes entsprechend entwickeln kann:

  • Ein ausreichendes Repertoire an Bindungsverhalten. Damit sind Meilensteine gemeint, die im ersten Lebensjahr erreicht werden, wie zum Beispiel ein Lächeln oder einfaches Plappern, und das Folgen und Sich-Annähern an die Mutter. Diese Verhaltensweisen müssen den Erwachsenen anziehen und privilegierte Interaktionen zwischen beiden einführen und herstellen.
  • Minimale affektive Fähigkeiten
  • Eine Reihe von minimalen kognitiven Ressourcen, um den Erwachsenen zu erkennen, Erinnerungen an ihn zu speichern und Erwartungen hinsichtlich der Bindung aufzubauen

Der Fremde-Situations-Test

Der Fremde-Situations-Test (FST) ist ein Experiment, das 1960 von der US-amerikanischen Psychologin Mary Ainsworth entworfen wurde. Ihr Ziel war es, in einer ihm fremden Umgebung die Interaktion zwischen Kind,  Mutter und einem fremden Erwachsenen zu untersuchen. Der Test erlangte in der Entwicklungspsychologie derartige Bedeutung, dass er noch heute zur Klassifizierung und Bewertung von Bindungsstilen verwendet wird.

Simulation

Der Fremde-Situations-Test versucht, bestimmte Kontexte zu simulieren, um zu analysieren, wie sich Kinder außerhalb ihrer Komfortzone verhalten. Mit anderen Worten will er herausfinden, wie Kinder sich verhalten, wenn sie aus der sicheren Umgebung ihres Zuhauses herauskommen und einen anderen, ihnen unbekannten Ort erkunden können oder müssen. Durch Beobachtung untersuchen die Forscher die Reaktionen der Kinder, wenn sie von ihren Müttern getrennt werden, und dann, wenn sie wieder vereint werden.

Der Test wird bei Kindern ab einem Alter von einem Jahr durchgeführt. Die Beziehung zwischen Baby und Bezugsperson sollte zu dieser Zeit bereits gefestigt sein.

Mutter und Kind an einer Rutsche

Verfahren

In einer der häufigsten Varianten dieses Verfahrens setzte Ainsworth das Kind neben seine Mutter in einen Raum voller Spielzeug. Nach einer Weile betrat ein Fremder den Raum und die Mutter ließ das Kind mit dem Fremden allein. Dann kam die Mutter wieder herein. Später verließen sie und der Fremde den Raum und ließen das Kind allein. Dann trat der Fremde wieder ein.

Ainsworth bewertete währenddessen die Reaktionen und Interaktionen zwischen der Bindungsfigur, dem Kind und dem Fremden.

Arten der Bindung

Ihre Beobachtungen haben Ainsworth drei Arten von Bindungen definieren lassen: sicher, ausweichend und ambivalent.

  • Eine sichere Verbindung liegt offensichtlich dann vor, wenn das Kind die Umgebung frei erforscht, selbst wenn es von seiner Bezugsperson getrennt ist. Es fühlt sich beim Fortgang seiner Mutter zwar unwohl, ist dann aber umso begeisterter, wenn sie zurückkehrt.
  • Eine ausweichende Bindung ist ebenfalls durch die Angst gekennzeichnet, die das Kind empfindet, wenn seine Mutter geht. Aber im Gegensatz zu dem Kind mit sicherer Bindung neigt dieses Kind dazu, seine Mutter zu meiden, wenn sie zurückkehrt.
  • Bei einer unsicheren bzw. ambivalenten Bindung zeigt das Kind während des gesamten Prozesses Anzeichen von Leiden. Das Kind manifestiert zudem Ärger gegenüber der Bezugsperson, insbesondere wenn sie abwesend ist.

Die Bindung eines Kindes zu seiner Mutter oder Bezugsperson bestimmt nicht in letzter Konsequenz dessen Persönlichkeit oder die Qualität seiner Beziehungen zu anderen Erwachsenen. Sie kann diese jedoch  ebenso beeinflussen wie die in späteren Entwicklungsstadien etablierten Beziehungen.