5 Folgen der desorientierten Bindung

· 24. September 2018

Wir sprechen hier von Bindungen, welche die gefühlsbetonte Verbindung zwischen Eltern und Kindern bezeichnen, die sich in erster Linie aus der Suche nach Sicherheit und Wohlbefinden entwickelt. In einigen Fällen stellt die primäre Bezugsperson jedoch nicht nur einen sicheren Hafen, sondern auch eine Quelle der Gefahr für das Kind dar. So entwickelt sich eine Bindungsstörung.

Für John Bowlby bedeutete die gesunde Bindung eines Kindes zu jemandem, dass es in der Nähe von und in Kontakt zu dieser Person sein möchte. Dieser Wunsch verstärkt sich in bestimmten Situationen, besonders dann, wenn das Kind ängstlich, müde oder krank ist. Wenn wir einen Schritt weitergehen, erkennen wir, dass wir alle Bindungen benötigen. Diese ändern sich allerdings ständig oder passen sich neuen Rollen an.

„Die Vorgeschichte eines Kindes bestimmt, wie es sich gegenüber der Welt verhält und was die Welt von ihm erwartet.“

Charo Blanco

Warum können Kinder mit desorganisierter Bindung zu Tätern werden?

Die Typ-D-Bindung oder desorganisierte Bindung ist mit einer schwierigen Kindheit verbunden. Diese beinhaltet möglicherweise verschiedene Formen von Kindesmisshandlung, körperlichem oder emotionalem Missbrauch innerhalb der Familie. Opfer solcher Gewalt können aus Unwissenheit oder Mangel an positiven Beispielen Schwierigkeiten haben, sich mit anderen Menschen zu verbinden.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Wut, die diese Kinder in jungen Jahren begleitet, irgendwie ein Bestandteil ihrer Persönlichkeit wird. Dieser negative emotionale Ballast macht es ihnen schwer, ihr Verhalten zu kontrollieren und ihre Emotionen zu regulieren. Das wiederum erhöht das Risiko, dass sie irgendwann selbst zu Gewalt greifen.

Unverhältnismäßige Strafen und Missbrauch sind sehr schädliche Botschaften, welche von den Opfern tief verinnerlicht werden, kommen sie doch ausgerechnet von der Bezugsperson. Derartiges beeinflusst die kritischen Aspekte ihrer Entwicklung nachteilig. Es schädigt nicht nur die Kindheit, sondern auch die zukünftige soziale, emotionale und kognitive Entwicklung des jetzigen Kindes.

Hier stellen wir die fünf wichtigsten Folgen einer desorganisierten Bindung vor.

Ein Kind verkriecht sich mit seinem Teddy

1. Verzerrte Selbstwahrnehmung und geringes Selbstwertgefühl

Ein Kind mit desorganisierter Bindung kann ein schlechtes Selbstbild und geringes Selbstwertgefühl haben. Es kann sogar glauben, dass es selbst die Ursache für die mangelnde Fürsorge seiner Eltern wäre. Dadurch wird es sich für unnütz, inkompetent oder sogar gefährlich halten.

Als Konsequenz beginnt es, die Welt als einen unsicheren und chaotischen Ort wahrzunehmen. Regeln und Vorschriften werden zwar wahrgenommen, entziehen sich allerdings dem Verständnis des Kindes: Es ist daher nicht in der Lage, angepasst zu handeln.

Misshandelte Kinder haben oft Minderwertigkeitsgefühle, die sich als schüchternes oder ängstliches Verhalten manifestieren. Gleichzeitig können sie hyperaktiv werden und versuchen, die Aufmerksamkeit der Menschen in ihrem Umfeld auf sich zu ziehen, in einem verzweifelten Versuch, die daheim fehlende Unterstützung anderswo zu erlangen.

2. Höhere Rate von Verhaltensauffälligkeiten

Unsichere Bindungstypen, insbesondere die desorganisierten, sind häufiger mit antisozialem Verhalten und Verhaltensproblemen verbunden. Betroffene reproduzieren oft das Beziehungsmuster, welches sie zu Hause erleb(t)en, auf ihre Altersgenossen und Betreuer/Lehrer in Schulen.

Sie fühlen sich verwirrt und fürchten sich vor der Nähe ihrer Eltern. Schließlich ist ihnen nicht klar, wie oder wann diese auf ihre Bedürfnisse reagieren werden. Darüber hinaus vertrauen sie keinem physischen Kontakt, insbesondere nicht von Erwachsenen.

Der Hauptgrund, warum ihr Verhalten desorganisiert ist, liegt darin, dass sie keine Lösung für ihre Probleme finden können. Sie können sich weder von ihren primären Bezugspersonen lösen noch ihnen nahekommen. In der Tat wird es genau deshalb „desorganisierte Bindung“ genannt, weil ein eindeutiges Muster für ihre Gefühlsreaktionen nicht etabliert ist, weder nach außen noch nach innen.

3. Angst und Depression

Traurigkeit, Gleichgültigkeit und Wut sind die häufigsten Gefühle, die in den Gesichtern dieser Kinder geschrieben stehen. Ein Mangel an Motivation, eine depressive Stimmung und selbstzerstörerisches Verhalten können in den schwersten Fällen ebenfalls dazukommen. Andere Symptome wie Angst und posttraumatischer Stress sind die natürliche Konsequenz daraus, in einem Kontext zu leben, der für sie zwar essenziell, aber nicht kontrollierbar ist.

Auf der anderen Seite scheinen diese Kinder weniger in der Lage zu sein, den Stress zu bewältigen, der mit der Trennung von ihren primären Bezugspersonen einhergeht. Der Grund für diese Einschränkung liegt in ihrem Mangel an konsistenten Strategien, die es ihnen ermöglichen würden, negative Emotionen zu regulieren.

Ein Mädchen leidet unter einer desorganisierten Bindung

4. Probleme mit Aufmerksamkeit und Konzentration

Dank zahlreicher Studien wissen wir, dass Kinder mit ADHS ein erhebliches Defizit an Selbstregulationsfähigkeiten haben (Impulskontrolle, Beruhigungsfähigkeit, Bindungsregulation, Ausdauer, Hemmung usw.). Frühe Beziehungen zwischen dem Kind und seinen primären Bezugspersonen bilden die Grundlage für den Erwerb dieser Fähigkeiten. Daher sind Kinder mit Typ-D-Bindungen anfälliger dafür, derlei Probleme zu entwickeln.

Sie machen typischerweise Fehler in ihrer Argumentation oder Schilderung, wenn sie über den Verlust von Verwandten oder Missbrauch sprechen. Sehr traumatische Erfahrungen haben das Potenzial, eine Diskontinuität im Gehirn zu verursachen, als ob die beiden Gehirnhälften voneinander getrennt wären. Die Verbindung der linken Hemisphäre, der eher kognitiven Seite, und der rechten Hemisphäre, der emotionalen Seite, ist gestört.

5. Veränderungen des Nervensystems

Manchmal interagieren diese Kinder nicht mit ihren Altersgenossen oder ihren Betreuern: Da sie nicht über die notwendigen Fähigkeiten und Unterstürzung verfügen, wissen sie nicht, wie sie in bestimmten Situationen auf andere reagieren sollen. Oft ist es gar so, dass sie unvollendete oder desorientierte Bewegungen ohne eine klare Richtung oder Absicht vollführen. Sie scheinen wie eingefroren zu sein. Oder sie zeigen nur mit ihren Fingern und drücken so den Wunsch aus, der Situation zu entfliehen. Sogar in der Gegenwart ihrer Betreuer.

Ihr Verhalten kann stark und schnell von Passivität zu Nervosität wechseln. Wenn beispielsweise ein Erwachsener sich anderen Kindern nähert, insbesondere wenn diese Kinder weinen, kommt es seitens der betroffenen Kinder zu Überreaktionen. Nicht in der Lage das Verhalten ihrer Bezugsperson richtig einzuschätzen, greifen sie nach allen verfügbaren Informationen. Sie sind sehr wachsam.

„Schläge sind nicht das Einzige, was schmerzt.“

Pamela Palenciano

Ein Kind schreit und hält sich die Ohren zu

Die desorganisierte Bindung und bleibende Schäden

Mangelnde Aufmerksamkeit, körperlicher oder sexueller Missbrauch führen oft zu einer desorganisierten Bindung. All diese Dinge, welche in ihrer der durchgemacht werden, führen zu unsicheren, schüchternen und zurückgezogenen Erwachsenen. Diese Menschen erkennen, dass die von ihnen entwickelte Art und Weise, Beziehungen aufzubauen und zu pflegen, ihnen nur mehr Schmerz bringt. Gleichzeitig sind sie jedoch nicht in der Lage, sie zu ändern.

Weil sie in der Kindheit keine Gelegenheit finden, die mentalen Zustände und Ausdrucksweisen anderer Menschen zu analysieren, wird ihr Bindungsmuster chaotisch. Selbst wenn sie sich dessen bewusst werden, sind sie wahrscheinlich immer noch unfähig, ihre eigene Identität in ihre mentalen Darstellung zu integrieren.

Es ist falsch, zu denken, dass junge Kinder nicht verstehen würden, was um sie herum passiert, oder dass sie sich später als Erwachsene nicht an bestimmte Momente erinnern würden. Die Wahrheit ist, dass alles, was in ihrer Erziehung passiert, das Potenzial hat, sie in der Zukunft zu beeinflussen. In diesem Sinne haben wir als Eltern oder sonstige Bezugspersonen, auch wenn wir uns einmal nicht danach fühlen, die Pflicht, liebevoll und verständnisvoll zu sein. Wir müssen Kindern Sicherheit, Schutz und Unterstützung bieten, wenn wir eine sichere Bindung zu ihnen wollen.

Kinder sind die Zukunft – kümmern wir uns um sie.