Der Aristoteles-Komplex: Wenn du denkst, du seist besser als alle anderen

· 22. Juli 2018

Der Aristoteles-Komplex wird in den Bereichen Psychologie und Psychiatrie nicht unbedingt als Störung angesehen. Es handelt sich dabei eher um eine Sammlung von Eigenschaften, welche im Volksmund als Komplex bezeichnet wird. Im Grunde genommen geht es um Menschen, die denken, dass sie immer recht hätten.

Das Wort „Komplex“ kommt vom lateinischen „complexus“. Es bezeichnet etwas, das aus mehreren Elementen besteht. Genauso verhält es sich in der Psychologie. Man spricht von einem Komplex, wenn mehrere Persönlichkeitsmerkmale eine Rolle spielen und zu dem entsprechenden Problem führen.

„Denkst du nicht, dass es komisch ist, wenn jemand überall Fotos von sich selbst aufhängt? Es ist, als versuche er, zu beweisen, dass er tatsächlich existiert.“

Candace Bushnell

Das Hauptmerkmal aller Eigenschaften in einem Komplex ist, dass sie alle unbewusst verlaufen. Du merkst nicht, dass du sie hast. Oder, wenn du es merkst, siehst du sie nicht als ein Problem an. Du wirst davon ausgehen, dass es normal wäre, so zu sein. Oder dass du rechtfertigende Gründe für dieses und jenes Verhalten hättest. Schauen wir uns doch einmal an, worin genau der Aristoteles-Komplex besteht.

Aristoteles, ein sturer Philosoph

Es besteht kein Zweifel, dass Aristoteles einer der größten Philosophen aller Zeiten war. Er lebte zwischen 384 und 322 v. Chr. im antiken Griechenland. Seine Theorien und Lehren sind so bedeutend, dass sie immer noch einen großen Einfluss auf Philosophie und Wissenschaft haben.

Eine Statue von Aristoteles

Zunächst war Aristoteles ein Schüler Platons. Platon selbst ist als großer griechischer Philosoph bekannt, als Vater der Metaphysik. Aristoteles folgte seinem Lehrer überallhin, und er war ein brillanter Schüler. Platon schätzte ihn sehr, bis er sich zu verändern begann.

Denn Aristoteles begann, seine eigenen philosophischen Ideen zu entwickeln und durch diese bekannt zu werden. Dann entfernte er sich allmählich von seinem Lehrer. Er begann auch, sich von dessen Lehren zu distanzieren, was Platon jedoch ebenso wenig als ein Problem betrachtete. Mit der Zeit behauptete Aristoteles jedoch, dass Platons Ideen jeglicher Grundlage entbehrten. Viele Leute sahen in Aristoteles Einstellung zu seinem Lehrer Zeichen der Untreue und des Stolzes. Das hatte keine gravierenden Folgen, aber der schlechte Ruf blieb an ihm haften.

Der Aristoteles-Komplex

Basierend auf diesen Erzählungen aus der antiken Geschichte wurde der Terminus des Aristoteles-Komplex geprägt. Menschen vergaben diesen „Titel“ an jene, die dachten, dass sie besser als alle anderen wären und immer recht hätten. Dabei ist der Aristoteles-Komplex nicht dasselbe wie der Überlegenheitskomplex. Denn dieser hat mit Emotionen und einem gewissen Selbstbild zu tun, während der Aristoteles-Komplex eher eine intellektuelle Angelegenheit ist.

Darstellung des Aristoteles-Komplex: Ein überdimensionales Gesicht schaut aus dem Himmel herab auf ein Mädchen.

Menschen mit einem Aristoteles-Komplex sind besessen davon, andere Menschen in intellektuellen Angelegenheiten zu schlagen. Sie vertiefen sich in Argumente, nur um zu beweisen, dass sie klüger, schlauer und sachkundiger sind als die anderen. Sie stellen ihre Überzeugungen immer wieder auf die Probe, indem sie sie zu einer Kontroverse – und damit hoffentlich zu einer öffentlichen Debatte – machen.

Natürlich geht jemand mit einem Aristoteles-Komplex davon aus, dass er diese Debatte gewinnen würde. Aber das ist nicht einmal das Wichtigste für ihn. Was ihm am meisten am Herzen liegt, ist, seine Sicht anderen Menschen aufzuzwingen. Er will unbedingt, dass andere Menschen ihn als eine besonders intelligente Person sehen.

Komplexe führen zu nichts Gutem

Wenn es um den Aristoteles-Komplex geht, mag das Verhalten Betroffener den Eindruck erwecken, als er nie aus der Pubertät herausgekommen wäre. Denn er gibt sich wie in jenem Alter, in dem Heranwachsende ihre Anschauungen und ihr Können tagtäglich auf die Probe stellen. Vor allem aber müssen sie beweisen, wie wenig sie von Autoritätspersonen halten. Dieser Prozess ist für die Eltern oft sehr nervig und anstrengend. Aber es ist eben jene Art und Weise, wie junge Menschen ihre Identität aufbauen und stärken.

Bei Teenagern und Menschen, die einen Aristoteles-Komplex haben, ist es eigentlich so, dass sie zutiefst verunsichert sind. Dieses Verlangen, um jeden Preis richtig zu liegen und ihre Perspektive auf andere Menschen zu übertragen, sind nichts anderes als ihre zum Vorschein kommenden Selbstzweifel. Sie versuchen, andere Sichtweisen zu Fall zu bringen, weil sie Angst vor diesen anderen Möglichkeiten haben. Sie sind davon überzeugt, dass diese Alternativen ihre eigene Sichtweise infrage stellen. Deshalb können sie sie nicht ertragen.

Ein junger Mann mit Brille

Der Aristoteles-Komplex ist ein Problem der Selbstachtung, das dem Narzissmus sehr nahekommt. All ihre Gedanken werden in ihrem Wert und ihrer Bedeutung aufgeblasen, werden aus einem unbewussten Verlangen größer als gemacht, sie tatsächlich sind. Doch die Motivation dahinter ist der Versuch, mit einem niedrigen Selbstwertgefühl umzugehen. Es ist fast wie bei Tieren, die sich bei Gefahr aufplustern, um größer zu wirken. Wie immer man es auch betrachtet, der Aristoteles-Komplex kann nur zu großen Problemen in der Zukunft führen.