Denkt nicht, sondern fühlt: das enterische Nervensystem, unser „zweites Gehirn“

13. August 2019

Das enterische Nervensystem wird oft als unser „zweites Gehirn“ oder „Gehirn im Bauch“ bezeichnet. Dabei erstreckt sich ein komplexes Netz von mehr als hundert Millionen Neuronen (fast so viele wie im Rückenmark) im Bauch, koordinieren so wichtige Organe wie den Dünndarm und den Dickdarm. Dieses erstaunliche System ist darüber hinaus in der Lage, unabhängig vom Gehirn zu agieren.

Wir können ohne Zweifel sagen, dass dieser Bereich des autonomen Nervensystems, der für die Regulierung der Verdauungsprozesse zuständig ist, einer der interessantesten in unserem Organismus ist. In den letzten Jahren gab es keinen Mangel an Publikationen die diese Idee stützen, dass das enterische Nervensystem unser zweites Gehirn sei.

Eine der bekanntesten Veröffentlichungen zum Thema ist die von Dr. Michael D. Gershon, dem Vorsitzenden der Abteilung für Anatomie und Zellbiologie der Columbia University (New York, USA). Dieser bekannte Vater der Neurogastroenterologie erschließt mit seinem Buch Der kluge Bauch: die Entdeckung des zweiten Gehirns  so wichtige Fakten wie die, dass 95 % des Serotonins und 50 % des Dopamins im Magen-Darm-System produziert werden und nicht im Kopf.

Nun, wenn diese Daten an sich nicht erstaunlich wären, entdeckte man an der University of Flinders in Adelaide (Australien) im Mai dieses Jahres etwas noch Aufregenderes, das dann im Journal of Neuroscience  veröffentlicht wurde. Das enterische Nervensystem ist nämlich in der Lage, elektrische Aktivität zu erzeugen, und zwar mit einem sehr einzigartigen Muster, das sich von dem des Gehirns unterscheidet.

Wenn wir mehr über diese Struktur erfahren, mögen wir Aspekte unserer selbst erkennen, die wir nicht kannten.

„Das Wissen, das wir bisher über die Funktionen des enterischen Nervensystems hatten, war wohl auf dem Niveau des Mittelalters. Es ist nun endlich an der Zeit, all das zu entdecken, was es für uns tut.“

Michael D. Gershon

Nervensystem in Darm und Gehirn

Das enterische Nervensystem: Lage und Funktionen

Das enterische Nervensystem ist sehr umfangreich. Nehmen wir an, dass es von der Speiseröhre ausgeht und nahe des Afters endet, und dass es unser gesamtes Verdauungssystem abdeckt, das im Durchschnitt eine Länge von 10 bis 12 Metern hat. Gleichzeitig gibt es in diesen Organen, wie im Falle des Darms selbst, einen riesigen Wandteppich aus Neuronen, wie wir eingangs betont haben.

Ein weiterer interessanter Aspekt ist die Tatsache, dass dieser Teil unseres Körpers nicht nur hochspezialisiert ist, sondern seine Funktionen selbstständig ausübt. Außerdem, obwohl es mit dem zentralen Nervensystem kommuniziert, ist es in der Lage, eine große Menge an Informationen an das Gehirn zu senden. Betrachten wir nun weitere Daten und Merkmale:

Das enterische Nervensystem koordiniert mehr als nur Verdauungsprozesse

  • Millionen von Neuronen sowie Mengen von Neurotransmittern befinden sich im enterischen Nervensystem. All diese Elemente regeln unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit.
  • Es gibt drei Arten von Neuronen in dieser Körperregion: efferente Neuronen, afferente Neuronen und Interneuronen.
  • Die Neurotransmitter, die die Funktion dieser Nervenzellen und -fasern regulieren, sind vor allem Acetylcholin, Noradrenalin und Adrenalin.
  • Darüber hinaus synthetisiert das enterische Nervensystem Serotonin, Dopamin, Opioide und viele weitere Botenstoffe.
  • Professor Gary Mawe, Arzt am Department of Neurological Sciences der University of Vermont (Vermont, USA), sagt uns, dass nichts so komplex und delikat sei wie die Verdauung selbst. Wir müssen bedenken, dass das enterische Nervensystem auch bestimmt, welche Verdauungsenzyme für den Abbau jeder Nahrung am besten geeignet sind.
  • Es reguliert die Säureproduktion, begünstigt die Darmtätigkeit und überwacht sogar das Niveau unserer Abwehrkräfte.
  • Es ist außerdem bekannt, dass es in der Lage ist, zu erkennen, ob sich Gifte in der aufgenommenen Nahrung befinden. Wenn ja, begünstigt es Prozesse wie Erbrechen oder Durchfall.
Bakterien

Das Gehirn, der Nervus vagus und das enterische Nervensystem

Wir haben bereits gesagt haben, ist das enterische Nervensystem in der Lage, unabhängig vom zentralen Nervensystem zu arbeiten. Das ist zweifellos etwas, das unsere Aufmerksamkeit erregt, denn, wie Michael D. Gershon betont, ist der Darm das einzige Organ im Körper, das autonom funktionieren kann.

In bestimmten Momenten braucht es jedoch diese wichtige Kommunikation mit dem Gehirn. Und die Art und Weise, wie diese Kommunikation stattfindet, hängt wesentlich am Nervus vagus.

Die Kommunikation zwischen dem Gehirn und dem enterischen Nervensystem

Kurioserweise wurde in einer Studie des Department of Biomedical Engineering der Duke University beobachtet, dass neun von zehn zwischen Gehirn und Darm etablierten Verbindungen vom Gehirn ausgehen.

  • Einige der Botschaften, die zwischen dem enterischen Nervensystem und dem Gehirn gesendet werden, betreffen die Umstände, wann wir essen sollten und wann wir satt sind. Dies geschieht durch die verminderte oder vermehrte Ausschüttung einer Reihe von Hormonen, die ein Gefühl von Wohlbefinden und Sättigung erzeugen.
  • Es ist auch dieser Satz von Nervenfasern, der dem Gehirn ein Gefühl der Freude bereitet, wenn wir das Essen essen, das wir mögen oder genießen.
  • Eine weitere Tatsache: Wenn wir Stress erleben, reagiert das enterische System sehr empfindlich und leitet Veränderungen ein. So entsteht beispielsweise der klassische Knoten im Magen.
  • Seit einigen Jahren wird in einer Reihe von (noch nicht abgeschlossenen) Untersuchungen erforscht, wie die Darmflora unser Verhalten und unsere Emotionen beeinflusst. Es ist aber bereits bekannt, dass eine ungünstige Flora unsere Stimmung beeinflussen kann.
Frau isst Eis

Abschließend möchten wir noch auf einen Aspekt hinweisen. Einige Leute denken, dass es ein Fehler sei, das enterische Nervensystem als unser „zweites Gehirn“ zu betrachten. Die neurobiologischen Argumente, die vorgebracht werden, sind für einen Teil der wissenschaftlichen Gemeinschaft im Moment tatsächlich noch fragwürdig. Für andere hingegen sind sie solide genug.

Auf jeden Fall gilt es zu beachten, dass das enterische Nervensystem nicht „denkt“, sondern fühlt. Er ist empfindlich gegenüber Stress, Emotionen und ist in der Lage, mehrere Funktionen zu regulieren, um zu unserem Wohlergehen beizutragen. Das enterische Nervensystem ist damit eine weitere unverzichtbare Kontrollstelle für das Leben. Kümmern wir uns um es.