Dein Groll wird mich nicht dazu bringen, mich schuldig zu fühlen

6. Mai 2017 en Psychologie 359 Geteilt

Wer kennt das nicht, beim Gedanken an eine andere Person ein hartnäckiges Gefühl der Verachtung oder der Wut zu empfinden? Weil er demjenigen ein bestimmtes Vergehen vorwirft oder dass er einen verletzt hat. Anders gesagt, wer hat noch keinen Groll gefühlt? Wenn dieses Gefühl schon tief verwurzelt ist und sich verschlimmert, kann schließlich auch Hass entstehen.

Diese Gefühle können die ganze Bandbreite zwischen leichtem Verdruss bis zu heftiger Feindseligkeit abdecken. In letzterem Falle kann es schwierig oder unmöglich sein, eine Beziehung mit dem „Bösewicht“ aufrechtzuerhalten. Groll ist eine abgemilderte Form der Rache. Wenn man die Absicht hat, jemandem damit wehzutun, geht es dabei nicht unbedingt um Demütigung oder Schädigung. Man möchte die Befriedigung erleben, die Situation oder die Person damit in Schach zu halten, die vorher nicht kontrollierbar war.

Groll ist ein Gift, das ich freiwillig schlucke, weil ich hoffe, dass es dem anderen wehtut.

Wenn der Groll deine Sicht verändert

Groll ist einer der stärksten Filter des menschlichen Geistes. Wenn Groll Einfluss auf deine Gefühle nimmt, konzentrierst du dich ausschließlich auf die negativen Seiten einer Person, von der du annimmst, dass sie dich verletzt hat. Du nimmst das Positive verzerrt wahr und betonst ihre ungünstigen Eigenschaften.

Groll fungiert als Schutzschild gegen Schmerz und gibt dir die emotionale Kontrolle zurück, die du verloren hast. So könntest du also Groll interpretieren, der dir entgegenschlägt, wenn jemand behauptet, du hättest gewisse Dinge getan, wenn dem gar nicht so ist. Du hast auch schon einmal geglaubt, dass andere dir Dinge angetan hätten, was aber nicht der Wahrheit entsprach. Du warst gekränkt oder fühltest dich verletzt, wenn im Grunde nichts passiert war.

Wenn du genauer darüber nachdenkst, ist Groll eine persönliche Beurteilung dessen, was dir andere getan haben. Und die Beurteilungen fallen unterschiedlich aus – abhängig vom Blickwinkel, den du einnimmst. Du wirst nur dann in der Lage sein, die Wirklichkeit anderer Leute zu erkennen und die positiven Dinge, die sie dir haben angedeihen lassen, wenn du auf Groll und alles, was dazu gehört, verzichtest. Das Gute, das sie dir zuteil werden ließen, ist genauso real wie die Verletzungen, die sie dir beigebracht haben.

Wenn du konfliktfrei leben willst, ist es notwendig, die Filter des Grolls ins Kellerregal zu stellen. Denn es gibt keinen Filter, der gefährlicher wäre als dieser. Wenn du einen Filter wählen müsstest, dann entscheide dich für den Filter der Zuneigung. Man nimmt die Dinge dadurch vielleicht genauso verzerrt wahr, aber ich versichere dir, dass das zu produktiveren Ergebnissen führen wird. Du selbst und die Person, die du betrachtest – ihr beide werdet euch besser fühlen.

Versucht dir jemand Schuldgefühle einzujagen? Ziehe einen Schlussstrich unter die Manipulationsversuche

Wenn man Schuldgefühle in einer anderen Person auslöst, damit sie sich so verhält, wie man das möchte, ist das eine Form der Manipulation. Sie ist so alt wie die Menschheit selbst. Kulturelle Normen haben uns Folgendes gelehrt: Wir denken, wir müssten bestraft werden, wenn wir einen Fehler gemacht haben. Was würde sich besser dazu eignen, bei anderen Schuldgefühle zu erzeugen, als die „Grollkarte“ zu zücken?

Wenn du glaubst, dass Schuld um jeden Preis nach Bestrafung oder Wiedergutmachung verlangt, dann wird der emotionale Kreislauf der Schuld am Ende zu einem emotionalen Labyrinth. Dieses emotionale Labyrinth verleiht der Person Macht, die ihren Groll gegen dich einsetzt. Du fühlst dich dann dermaßen schuldig, dass du in ihre manipulative Falle tappst, ohne dass es dir überhaupt bewusst ist.

Falls du dich wegen etwas schuldig fühlst, dass du getan hast oder nicht mehr tust, dann lebst du dein Leben nicht mehr auf eine authentische Weise. Du lebst es aus einem Gefühl der Verpflichtung heraus. Gemäß dem, was andere von dir wollen. Auf diesem Pfad gibt du deine eigenen Interessen auf.

Selbstverständlich haben wir alle Fehler gemacht, auf die wir nicht besonders stolz sind. Aber andauernd den Blick zurück in die Vergangenheit zu richten und dich für dieselben Fehler zu geißeln, ist eine unnötige Energieverschwendung. Sie wird dir nicht guttun.

Damit du dich nicht weiter schuldig fühlst, musst du dein Leben und deine Gedanken selbst in die Hand nehmen. Und zwar ohne Selbstverurteilung durch die Filter des Grolls oder durch die verzerrten Meinungen, die andere über dich haben.

Eine aufgewühlte Seele trägt den Schmerz der Schuld.

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