Das Yentl-Syndrom oder warum mehr Frauen an einem Herzinfarkt sterben

Das Yentl-Syndrom erzählt uns von einer Geschlechterlücke in der medizinischen Forschung. Der Ausschluss von Frauen aus klinischen Studien bedeutet zum Beispiel, dass bestimmte Medikamente für Frauen nicht gleich wirksam sind wie für Männer.
Das Yentl-Syndrom oder warum mehr Frauen an einem Herzinfarkt sterben

Letzte Aktualisierung: 12. Februar 2022

Das Yentl-Syndrom macht deutlich, dass in der Medizin seit Jahrzehnten etwas nicht stimmt. Es ist eine Tatsache, dass die meisten medizinischen Forschungen und klinischen Studien zu Medikamenten an der männlichen Bevölkerung durchgeführt werden. Mögliche geschlechterspezifische Unterschiede und die Wirkung bestimmter Medikamente auf Frauen finden oft keine Berücksichtigung.

Ferner definiert dieses Syndrom auch die Situationen, in denen Frauen fehldiagnostiziert werden, weil sie nicht in die eher klassische Symptomatologie passen, die auf der Grundlage eines männlichen Modells festgelegt wurde. So ist heute beispielsweise bekannt, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufgrund von Fehldiagnosen die Haupttodesursache bei Frauen sind.

Wir wissen auch, dass in Bevölkerungsgruppen mit einem niedrigeren sozioökonomischen Niveau Frauen ein bis zu 25 % höheres Risiko haben, an einem Herzinfarkt zu sterben als Männer. Das ist sicherlich relevant.

Ein Grund für diese hohe Rate ist, dass die häufigsten Symptome eines Herzinfarkts (Schmerzen in der Brust, Brennen, Schmerzen in einem Arm usw.) zwar bei Männern prototypisch sind, bei Frauen jedoch oft andere Anzeichen darauf hinweisen. Diese Differenzialmerkmale sind nicht allen bewusst, was auch in der Notaufnahme zu Fehldiagnosen führen kann. 

Die Autorin Caroline Criado-Perez untersucht in ihrem BuchUnsichtbare Frauen: Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert” die bestehende Geschlechterkluft in der Medizin und der Pharmaindustrie.

Das Yentl-Syndrom oder warum mehr Frauen an einem Herzinfarkt sterben

Das Yentl-Syndrom: Was ist das?

Die Medizin wird traditionell von Männern bestimmt. Filmliebhaber werden sich an einen von Barbra Streisands berühmtesten Filmen erinnern, in dem sie ein brillantes, wissensdurstiges jüdisches Mädchen spielt, das gezwungen ist, sich als Mann auszugeben, um zu studieren. Diese Produktion aus dem Jahr 1983 hieß “Yentl” und ihre Geschichte gibt einer gesellschaftlichen Realität ihren Namen, die auch heute noch zu beobachten ist.

2016 veröffentlichte Dr. Alyson J. McGregor von der Brown University in Rhode Island eine umfassende Studie zu diesem Thema. Die Realität ist, dass wir die medizinische und pharmazeutische Forschung seit vielen Jahren hauptsächlich auf Männer ausgerichtet haben. Ein Beispiel dafür ist, dass trotz der Tatsache, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen die häufigste Todesursache bei Frauen sind, nur ein Drittel der klinischen Studien an Frauen durchgeführt werden.

Viele mögen sich fragen, wie wichtig dieser Unterschied ist. Schließlich sind wir alle Menschen, wir haben die gleichen Organe, den gleichen Stoffwechsel und leiden an fast den gleichen Krankheiten. Diese Annahmen entsprechen jedoch nicht der Wahrheit.

Das Yentl-Syndrom erinnert uns daran, dass Männer und Frauen auf zellulärer, hormoneller und metabolischer Ebene unterschiedlich sind.

Das bedeutet auch, dass Krankheiten, Therapien und Medikamente bei Frauen und Männern unterschiedlich wirken. Zum Beispiel hat sich Aspirin als wirksam erwiesen, um den ersten Herzinfarkt bei Männern zu verhindern.

Das gilt jedoch nicht für Frauen, vor allem nicht im Alter zwischen fünfundvierzig und fünfundsechzig Jahren(wenn die Wechseljahre beginnen oder bereits eingetreten sind).

Warum ist das so? Und warum wurden Frauen großteils von der toxikologischen oder biomedizinischen Forschung ausgeschlossen?

Das Yentl-Syndrom weist auf die Tatsache hin, dass eine Frau, die mit einem Herzinfarkt in die Notaufnahme kommt, öfter ein Anxiolytikum erhält als die Behandlung, die sie wirklich benötigt. Warum ist das so? Warum werden Frauen in der biomedizinischen Forschung kaum berücksichtigt?

In einem Artikel der Zeitung The Guardian aus dem Jahr 2015 spricht Dr. Tamara James-Todd, Epidemiologin an der Harvard Medical School, über dieses Thema.

Lange Zeit dachte die Medizin, dass das Geschlecht in der medizinischen Forschung nicht wichtig sei. Hinzu kam ein weiterer Faktor: Bundesgesetze schlossen Frauen im gebärfähigen Alter aus Angst vor teratogenen Schäden von klinischen Versuchen aus.

Außerdem lieferten Gegebenheiten wie die Menstruation und hormonelle Veränderungen komplexe und unsichere Daten. Das männliche Modell war daher in der klinischen Forschung besser geeignet.

Das Yentl-Syndrom: Was ist das?

Das Yentl-Syndrom und die Notwendigkeit, Frauen in die medizinische Forschung zu integrieren

Die medizinische Gemeinschaft ist sich dieser Tatsache bewusst und kennt das Yentl-Syndrom. Das geht so weit, dass Studien wie die von Dr. Katherine Liu an der Ohio University zeigen, dass wir einen Wandel bei den Arzneimittelbehörden beobachten können.

Bereits 2001 kam das amerikanische Institute of Medicine zu dem Schluss, dass das Geschlecht als entscheidende Variable in der Forschung anerkannt und berücksichtigt werden sollte. Die offensichtlichste Tatsache ist, dass jedes Jahr eine große Zahl von Frauen an Herzinfarkten stirbt, weil ihre Ärzte sie nicht erkannt haben.

Es gibt noch eine weitere Realität, über die es sich lohnt nachzudenken. Manche typische Frauenkrankheiten, wie Endometriose, sind kaum medizinisch erforscht. Es dauert immer noch lange, bis die Diagnose gestellt wird, und das Schlimmste ist, dass es keine Heilung gibt.

Wir sind uns also bewusst, dass es Veränderungen gibt, dass die Medizin das Yentl-Syndrom kennt und dass sich die Realität allmählich verbessern wird. Allerdings sterben noch immer viele Frauen an unentdeckten Herzinfarkten und das ist ein Notfall, der mehr Aufmerksamkeit und Sensibilität erfordert.

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  • Criado. Pérez, Caroline. La mujer invisible. Barcelona: Seix Barral
  • Katherine A. Liu y Natalie A. Dipietro Mager. Women’s involvement in clinical trials: historical perspective and future implications. Pharm Pract (Granada). 2016 Jan-Mar; 14(1): 708. P doi: 10.18549/PharmPract.2016.01.708
    PMCID: PMC4800017
  • J. McGregor, Alison. Sex bias in drug research: a call for change. The Pharmaceutical Journal 16 MAR 2016