Das Vergnügen: eine Erfindung des Teufels?

29. Dezember 2018

Das Vergnügen, die unmittelbare Belohnung, sei die Erfindung des Teufels, eine universelle Erfindung. Das Zentrum des biologischen Universums bestehe aus Genuss, Belohnung und Schmerzvermeidung. Dabei handelt es sich um eine Idee, die in den tiefsten Zügen der menschlichen Seele eingebrannt ist. Das Vergnügen war schon immer präsent.

Es ist eine teuflische, aber nicht unbedingt falsche Idee, denn jedes Lebewesen wird mit dem Drang geboren, sich auf das zu konzentrieren, was ihm Freude, Erkenntlichkeit und Wohlbefinden erzeugt. Beispiele hierfür sind Essen, Trinken, Sex, Schlaf und die Vermeidung von Hitze und Kälte.

Das Vergnügen ist die Belohnung dieser erfolgreichen Verhaltensweisen. Wir sind darauf programmiert, allzeit danach zu streben und Leiden zu vermeiden. Das Tun der Menschheit basiert auf Genuss, Sehnsucht und unmittelbarer oder zukünftiger Befriedigung.

Nacktes Tanzen und viel Vergnügen auf einem historischen Gemälde

Die Ursprünge des Vergnügens

Genuss ist ein Gefühl, nach dem wir suchen. Wir wollen es auf bewusster Ebene erzeugen und dort erhalten. In unserer christlich geprägten Welt mag die Vorstellung vom Vergnügen mit dem im Paradies gepflückten Apfel verbunden werden, aber tatsächlich hat es seine Wurzeln nicht in dieser Versuchung. Wenn dies der Fall wäre, wäre das Vergnügen aus Dunkelheit und Unsicherheit entstanden – und das ist nicht der Fall.

Das Dasein aller Lebewesen dreht sich im Kern um ihr Überleben. Das bedeutet, sie müssen essen, trinken und sich vermehren. Diese Verhaltensweisen aber sind der Idee von Belohnung und Freude untergeordnet: Kein Lebewesen, egal wie primitiv, isst ohne Hunger oder trinkt ohne Durst. Es ist weder lohnenswert noch angenehm. Es isst und trinkt nur, wenn es hungrig oder durstig ist. Dasselbe gilt für sexuelle Aktivitäten. Nur so gehen diese Handlungen mit Vergnügen einher.

Was oder wer hatte nun aber die Idee des Vergnügens? Woher nehmen wir diese Motivation? Niemand weiß es genau. In jedem Fall scheint es offensichtlich, dass sich unsere real existierende biologische Welt um diese zentrale Idee drehe.

Weltgerichtstriptychon

Der Genuss wohnt im Gehirn

Das Gehirn ist wie ein Tier, das eifersüchtig die heiligen Codes schützt, die uns dazu bewegen, etwas mit dem Ziel zu unternehmen, Vergnügen und Belohnungen zu erhalten. Es handelt sich nicht um festgeschriebene Codes, sondern um individuelle Folgen, die in neuronalen Verbindungen, elektrischen Signalen und Neurotransmittern verschlüsselt sind.

Warum verzichtet eine Ratte nicht darauf, jenen Hebel zu bedienen, um Teile ihres Gehirns zu stimulieren? Gibt es Bereiche im Gehirn, die wir künstlich stimulieren könnten, um Vergnügen zu erzeugen? Ja, die gibt es. Und die Ratte betätigt den Hebel, um ihr Gehirn zu stimulieren, da dies die zerebralen Schaltkreise der Lust aktiviert. Es muss kein „experimentelles“ Beispiel sein. Ein gutes Essen oder ein Orgasmus stimuliert dieselben Schaltkreise. Überraschenderweise ist die Belohnung, wenn sie durch einen künstlichen elektrischen Reiz getriggert wird, nicht zufriedenstellend.

Vergnügen dient den Bedürfnissen des Organismus

Es scheint, dass der Organismus Freude als Mittel des Austauschs nutze. Entsprechend diesen Mitteln aktiviert das Gehirn einige Verhaltensweisen und andere nicht. Stelle dir vor, ein Tier muss sich zwischen zwei oder drei zwingenden Bedürfnissen entscheiden. Angesichts dieses Konflikts wird das Tier wahrscheinlich zuerst das auswählen, was ihm mehr Freude bereitet. Das Überraschende ist, dass dieses normalerweise mit dem übereinstimmt, was für den Organismus biologisch am notwendigsten ist. Deshalb heißt es, dass das Vergnügen den Bedürfnissen des Organismus diene.

Die Schule von Athen

Im Menschen entwickeln sich viel mehr Arten von Vergnügen. Diese Freuden rufen auch das hervor, was wir Schönheit nennen. Schönheit kann mit einem Wort beginnen. Es gibt Redner und Schriftsteller, die mit ihren Vorträgen und Werken Wohlbefinden und Vergnügen hervorrufen. Schönheit empfinden wir aber auch, wenn wir ein Gemälde betrachten, eine Skulptur berühren oder unglaubliche Architektur entdecken. Diesem Gefühl begegnen wir weiter, wenn wir eine Symphonie hören. Und es gibt noch viele weitere Beispiele!

Der zerstörerische Genuss von Drogen

Menschen können sich auch an Drogen erfreuen. Diese Art von Vergnügen stellt eine letzte Herausforderung an die Grenzen der menschlichen Natur dar. Warum entwickelt sich aus dieser Art von Vergnügen eine Sucht, wenn sie so zerstörerisch ist? Warum entwickelt sich eine Sucht nach Heroin, aber keine Sucht nach Apfelkuchen, wenn beide dieselben Mechanismen der Belohnung aktivieren?

Die Antwort auf diese Fragen beginnt mit einer Feststellung: Die grundlegenden Schaltkreise für Belohnung und Vergnügen sind unspezifisch. Dies bedeutet, dass sowohl natürliche Sinnesreize als auch alle künstlichen Stimuli, welche die Fähigkeit haben, mit den Rezeptoren der Neuronen zu interagieren, selbige auch aktivieren können.

Dies würde erklären, warum unnatürliche Chemikalien (exogene Drogen) diese Schaltkreise künstlich aktivieren können. Und nicht nur im menschlichen Gehirn, sondern auch bei jedem anderen Tier mit Gehirn. Dies ist ein zweischneidiges Schwert. Der Anfang und auch das Ende des Genusses.

Was denkst du? Ist die Suche nach Vergnügen von Vorteil oder schädlich für uns? Die Leute haben dazu verschiedene Meinungen. Vielleicht ist die Antwort in beiden Fällen positiv. In jedem Fall gibt es keine einzige Wahrheit. Das ist das Wunderbare am Geist!

Higgins, E. T. (1997). Beyond pleasure and pain. American Psychologist. https://doi.org/10.1037/0003-066X.52.12.1280