Das Stendhal-Syndrom

· 7. Februar 2019

Wenn du lediglich ein Kunstliebhaber bist, der leicht von einem schönen Werk überwältigt wird, oder wenn jedes Mal eine Gänsehaut bekommst, wenn du in ein Museum gehst, brauchst du dir keine Sorgen zu machen! Das ist völlig normal. Es gibt jedoch Personen, die in solchen Situationen Symptome des Stendhal-Syndroms zeigen können. Dieses Syndrom ist auch unter anderen Namen, wie zum Beispiel Florenz-Syndrom, Stress des Reisenden oder Museumskrankheit bekannt.

Dieses merkwürdige Syndrom manifestiert sich, wenn wir großartige Kunstwerke betrachten. Die Entdeckungsgeschichte ist dabei ebenso gewöhnlich wie aufregend, ähnlich wie das Phänomen selbst. Lies hier weiter, um mehr darüber zu erfahren!

Sein Ursprung: die Kunst von Florenz

1817 reiste Henri-Marie Belle, ein berühmter französischer Schriftsteller, durch Italien. Er sammelte Informationen für sein nächstes Buch. Errate doch mal das Pseudonym, unter dem dieser Autor schrieb! Es lautet Stendhal!

Bei seinem Besuch in Florenz suchte er jeden Winkel der Stadt auf. Er war fasziniert von der Kunst, die jeden Zentimeter der Straßen füllte. Er sah Museen, Kirchen, Kuppeln, Landschaften, Dächer, Fassaden und Fresken. Belle wollte alles in sich aufnehmen.

Als er die Basilika des Heiligen Kreuzes besuchte, löste seine Neugierde, Aufregung und Begeisterung eine Reihe körperlicher Symptome aus: Er fing an zu schwitzen und verspürte ein tiefes Gefühl der Angst. Seine Herzfrequenz beschleunigte sich und ihm wurde schwindelig. Er musste sich hinsetzen, um sich zu beruhigen und über das Geschehene nachzudenken.

Florenz, die Geburtsstadt des Stendhal-Syndroms

Wie er später in seinem Buch Neapel und Florenz: Eine Reise von Mailand nach Reggio (noch nicht auf Deutsch verfügbar) zum Ausdruck brachte, verschafftem ihm seine eigenen Erlebnisse viele Informationen über die Psychologie und die Medizin. Er sammelte viele wertvolle Erkenntnisse, die er im folgenden Zitat besprach:

Ich hatte jenes Gefühlsniveau erreicht, auf dem die schönen Künste Himmelsempfindungen und leidenschaftliche Gefühle hervorrufen. Als ich Santa Croce verließ, schlug mein Herz wie wild. Ich war erschöpft. Ich hatte Angst, zu fallen.“

Seine wichtige und detaillierte Beschreibung des Phänomens war der Grund für den Namen des Syndroms. Es ehrt die Art und Weise, wie Stendhal die Symptomatologie dieses Syndroms entdeckt hat.

Symptome des Stendhal-Syndroms

Es war nicht einmal ein Jahrhundert später, als man jene Kondition als ein Syndrom klassifizierte. 1979 untersuchte der italienische Psychiater Graziella Magherini hundert ähnliche Fälle von Touristen in Florenz. Er stellte fest, dass sich die Symptome wie folgt metaphorisch zusammenfassen ließen: Die Patienten erlebten eine Art des „künstlerischen Schmerzes“.

Die Symptomatologie des Stendhal-Syndroms umfasst Herzklopfen, Schweißausbrüche, Hitzewallungen, emotionale Anspannung bis hin zur Erschöpfung. In schwerwiegenden Fällen kann es zu Schwindel kommen, zur Ohnmacht oder sogar zu Depressionen.

Einige betrachten das Stendhal-Syndrom aufgrund der bidirektionalen Beziehung zwischen Körper und Geist als psychosomatische Erkrankung. Dieser Hypothese nach würde die emotionale Erregung die oben beschriebenen körperlichen Symptome verursachen.

Andere klassifizieren das Syndrom als psychisches Phänomen. Die Vertreter dieser Idee gehen daher davon aus, dass es es dann auftrete, wenn Menschen in kurzer Zeit viele Kunstwerke von großer Schönheit betrachten. Das Stendhal-Syndrom ist also eine Art Kunstschock.

Können Menschen wirklich an diesem Syndrom leiden?

Die Symptome, die dieses Syndrom kennzeichnen, können jeden treffen. Wir können uns alle erschöpft oder schwindlig fühlen und unsere Herzfrequenz kann sich jederzeit erhöhen, wenn es dazu einen entsprechenden Anlass gibt. Diese Symptome müssen nicht unbedingt mit der Bewunderung eines großen Kunstwerks zusammenfallen. Tatsächlich ist das Stendhal-Syndrom ein ungewöhnliches Syndrom.

Dieses Syndrom manifestiert sich normalerweise bei Touristen, die Kunst lieben und die Schönheit von Kunstwerken bestaunen. Im Allgemeinen beginnen sie, Symptome zu empfinden, wenn sie an Orten verweilen, die ihnen den Atem rauben oder aus irgendeinem Grund eine sehr intensive emotionale Bedeutung für sie haben.

In den letzten Jahrzehnten wurde das Stendhal-Syndrom zu einem Bezugspunkt der Reaktion auf die Art und Weise, wie Menschen ein Kunstwerk betrachten. Diese wird insbesondere dann deutlich, wenn die Kunst als wunderschön verstanden wird oder der Betrachter an einem bestimmten Ort Zugang zu sehr vielen überwältigenden Kunstwerken hat. Aber wie andere psychologische Konzepte ist auch dieses nicht frei von Kontroversen.

Es besteht kein Zweifel daran, dass, wenn wir ein Lied hören, mit diesem Lied verbundene Erinnerungen in uns aufkommen können. Manchmal können wir dann nicht anders, als sehr aufgeregt zu sein. Ein anderes Beispiel ist die Kunst im Theater. Wenn wir beispielsweise ein fesselndes Theaterstück sehen, können wir schonmal Gänsehaut bekommen. Etwas in der Kunst bewegt uns. Kunst ist Emotion.

Trotz der Tatsache, dass einige klinische Psychologen das Stendhal-Syndrom anerkennen, werfen andere Psychologen kritische Fragen auf. Sie fragen sich zum Beispiel, ob es sich nur um einen einfachen Mythos handele. Sie glauben, dass das Stendhal-Syndrom eine reine Fantasie sei, die wir uns selbst einreden, und dass es nur in unseren Köpfen existiere. Darüber hinaus sind die Skeptiker überzeugt, dass das Unterbewusstsein uns einen Streich spiele, wenn wir so fühlen. Sie sagen, dass die Tatsache, dass der Tourist vom Reisen müde sei oder einen Jet-Lag habe, die wahren Gründe für diese Symptome sein könnten.

In den letzten Jahren hat der Tourismus in Italien stark zugenommen. Kunst ist populärer geworden, und die Fälle des Stendhal-Syndroms haben sich verdreifacht. Deshalb wird das Stendhal-Syndrom auch als das Florenz-Syndrom bezeichnet.

Eine Besucherin im Museum macht Fotos von Kunstwerken.

Wirtschaftliche Motivation?

Florenz ist der Geburtsort der Renaissance. Es ist immer noch eine der schönsten Städte der Welt und besitzt eine reichhaltige Kunstgeschichte. Daher ist die wissenschaftliche Gemeinschaft besorgt über das mögliche wirtschaftliche Interesse, das hinter diesem Phänomen stehen könnte. Sie sagen, dass der gute Ruf der Stadt genutzt werden könne, um mehr Besucher anzuziehen und den Umsatz zu steigern.

Was denkst du? Ist das Stendhal-Syndrom nur eine Masche, um die Aufmerksamkeit neuer Touristen zu gewinnen? Oder kann das Betrachten von Kunst für kurze Zeit tatsächlich körperliche Symptome verursachen?