Das spirituelle Gehirn: Das sagt die Neurowissenschaft dazu

13. Januar 2019

Autoren wie Daniel Goleman oder Howard Gardner haben ein Konzept für das Spirituelle, das über das Religiöse und sogar das Kognitive hinausgeht, entwickelt. Sie sprechen von der Notwendigkeit, ein tieferes und sensibleres Wissen über unsere Realität zu erlangen, dort, wo wir uns als Teil eines Ganzen sehen, wo wir ein höheres Wohlbefinden erreichen und wegkommen vom Ego, der Fixierung auf das Materielle.

Seit jeher ist die Menschheit bestrebt, das Alltägliche und Gewöhnliche zu überwinden. Wir sprechen nicht nur über das klassische Bedürfnis nach Kontakt mit dem Göttlichen, über jene religiösen Praktiken, mit denen man als Gegenleistung für ein Opfer um Regen bittet, darum fleht, geheilt, vergeben oder mit Glück oder Vermögen gesegnet zu werden. Vor allem sprechen wir davon, dass der Mensch eine „zweite Realität“ erreichen muss, in der er entkommen kann, in der er Ruhe, Selbstverwirklichung oder gar, warum nicht, Weisheit erlangt.

„Das Geheimnis der körperlichen und geistigen Gesundheit ist nicht das Weinen über die Vergangenheit, die Sorge um die Zukunft oder die Antizipation von Problemen, sondern das Leben im gegenwärtigen Moment mit Weisheit und Ernsthaftigkeit.“

Buddha

Neurologen nennen dies Ego-Bewusstsein oder limbisches Bewusstsein. Denn jenseits des Mystischen sprechen wir von einer Reihe von Emotionen und sehr spezifischen mentalen Prozessen, für die unser Gehirn verantwortlich ist. Wir wollen den Wert der Religiosität oder Spiritualität als solchen nicht untergraben, aber den jener Realität betonen, die in unserem Gehirn besteht und die, wenn sie stimuliert wird, Veränderungen in unserer Wahrnehmung erzeugt, in der Art und Weise, wie wir unsere Umwelt fühlen und erkennen.

Neurowissenschaftler Andrew Newberg, der sich unter anderem mit dem Thema der Neurotheologie beschäftigt, hat gezeigt, dass das Gehirn buddhistischer Mönche, das seit Jahren an die Ausübung der Meditation gewöhnt ist, langsamer altert, mehr Gedächtnisleistung, Aufnahmefähigkeit und Widerstand gegen Schmerzen aufweist.

Das sogenannte „spirituelle Gehirn“ ist aktuell der Ausgangspunkt für mehrere Untersuchungen. Es geht weder darum, im Gehirn nach „Gott zu suchen“, noch darum, die Ausübung irgendeiner Art von Religion oder Lehre zu unterstützen oder zu kritisieren. Das Ziel dieser Wissenschaft ist es, zu verstehen, wie Spiritualität als solche unseren Geist und unsere körperliche und emotionale Gesundheit beeinflusst.

Spirituelles Gehirn über dem Meer

Spirituelle Intelligenz

Es ist merkwürdig, dass es innerhalb der 1983 von Howard Gardner, Professor an der Harvard University (Massachusetts, USA), formulierten Hypothese der multiplen Intelligenzen bereits eine „neunte Intelligenz“ gibt, die sogenannte „existenzielle Intelligenz“, die eng mit dem Konzept des Geistigen verbunden und durch die folgenden Prinzipien definiert ist:

  • Die Fähigkeit, in abstrakten Begriffen zu denken
  • Die Welt aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten
  • Sich selbst reflektieren können (Metareflexion)
  • Eine Vorstellung vom Universum und der eigenen Situation in ihm erwerben

Es sei darauf hingewiesen, wie der Philosoph Francesc Torralba feststellt, dass „spirituelle Intelligenz kein religiöses Bewusstsein ist.“  Die Idee ist vielmehr, unsere Spiritualität als ein Werkzeug zu sehen, mit dem wir unsere eigene Realität transzendieren können, immer ausgehend von unserer Selbsterkenntnis und unter Berücksichtigung unseres Wissens.

Es ist nicht einfach, das ist klar, denn um die existenzielle Intelligenz zu entwickeln, von der Howard Gardner spricht, ist es in vielen Momenten notwendig, die Einsamkeit nicht nur zu tolerieren, sondern auch zu wollen. Es wäre auch ratsam, andere uns zur Verfügung stehende Ressourcen wie Philosophie, Sokratischen Dialog mit sich selbst, Meditation und die komplexe Lebenskunst bewusst zu nutzen und das Hier und Jetzt zu schätzen.

Gehirn in blau mit einigen Signalen

Das spirituelle Gehirn und die Neurowissenschaft

Es gibt Strukturen im Gehirn, die, wenn sie stimuliert werden, mystische Erfahrungen in unserem Geist erzeugen können. Das ist eine Tatsache, die wir seit Langem kennen und die viel mit veränderten Bewusstseinsebenen und der Aktivität des Temporallappens, des Hippocampus und der Amygdala zu tun hat. Manchmal genügt es, diese Bereiche elektrisch zu stimulieren, um Visionen zu erzeugen, um bestimmte Empfindungen und Erfahrungen hervorzurufen, die denen ähneln, die nach der Einnahme von LSD auftreten.

„Die spirituelle Reise ist individuell, persönlich. Sie kann nicht organisiert oder reguliert werden. Höre auf deine eigene Wahrheit.“

Ram Dass

Weiterhin ist die Spiritualität sehr stark mit der Kultur verbunden, mit unserem Zugang zu dem, was eine Art von Praxis, von philosophischen und religiösen Prinzipien uns bieten kann, um uns selbst besser kennenzulernen, eine Veränderung vorzunehmen, eine Reihe von transzendentalen und bereichernden Erkenntnissen in einem bestimmten Moment unseres Lebens zu erwerben.

Spiritualität und ihre Praxis hat viel mit unserer natürlichen Neugierde, unserer Motivation und dem Bedürfnis zu tun, Emotionen wie Furcht, Angst, Einsamkeit, Stress und, warum nicht, existenzielle Leere zu kanalisieren. Der Mensch sucht nicht nur nach innerem Wohlbefinden, geistiger Ruhe und emotionaler Heilung, sondern auch nach Bedeutungen für eine Welt, die meist mehr Fragen als Antworten liefert.

Schmetterlinge vor ausgebreiteten Händen

Die Neurowissenschaft akzeptiert natürlich nicht die Existenz übernatürlicher Wesen. Ihr geht es darum, unsere Beweggründe für die Ausübung von Aktivitäten zu verstehen, die Ruhe und Wohlbefinden erzeugen, wie Yoga oder Meditation. Aktivitäten, die Dopamin freisetzen, die Konnektivität des präfrontalen Kortex erhöhen oder die Plastizität unseres Gehirns fördern.

„Spirituelle Technologien“, wie Experten sie nennen, sind auf dem Vormarsch. Daher wird ein sehr interessanter Weg zwischen dem Wissenschaftlichen und dem Spirituellen eröffnet, um ihren Nutzen zu verstehen, um jene internen Prozesse zu begreifen, die zweifellos über jede Lehre oder Religion hinausgehen.

Diese Idee der Spiritualität oder des Existenziellen, wie sie von Howard Gardner definiert wird, soll zu einem tieferen Sinn der eigenen Identität führen. Das Ziel ist nichts anderes, als eine Reise der Selbstfindung auf der Suche nach Glück, nach persönlicher Erfüllung zu beginnen.