Das „Rote Buch“ – oder wie Carl Gustav Jung seine Seele rettete

· 20. Oktober 2018

Carl Gustav Jungs Arbeit ist rätselhaft und faszinierend und deshalb legendär. Viele Menschen verstanden die Theorien des Psychoanalytikers als provokativ-stimulierend. Andere sahen in ihnen nur die Wahnvorstellungen eines Geisteskranken, der die gesamte Menschheit verdammte. Manche Menschen sagen über das Rote Buch  von Jung, dass durch seine Seiten ein Geist der Unterwelt ziehe, der versuche, seine Seele zu retten.

Wenn die Welt der Psychologie noch Geheimnisse bewahrt, dann finden wir sie hier, in diesem Manuskript von Jung, das zwischen 1914 und 1930 entstand. Es ist ein unvollendetes Buch, das sowohl prophetisch als auch mystisch und psychologisch daherkommt. Es enthält zudem schockierende Illustrationen von Gottheiten, die man leicht mit Dämonen verwechseln könnte.

Es gibt nur wenige, die versuchen, sich das von Jung auch Liber Novus  genannte Rote Buch  auf logischer Basis zu erschließen. Denn vielleicht wollte der Autor gerade das nicht. Vielleicht müssen wir auch gar nicht den Inhalt des Buches durch wissenschaftliche Theorien erklären, wenn das Schreiben für den Autoren vor allem eine kathartische Übung war. Eine Art persönlicher Therapie, in der Jungs Dämonen, die seinen Geist quälten, in einem Moment der existenziellen Krise freie Hand hatten.

Vielleicht war es das und nichts anderes. Es gibt aber noch ein weiteres Puzzleteil. Nachdem Jung gestorben war, bewachte seine Familie das Manuskript misstrauisch und behielt es unter Verschluss. Das Manuskript wurde in einem Haus in Küsnacht, einem Vorort von Zürich (Schweiz), verwahrt. Die Familie erlaubte niemandem, sich ihm zu nähern, weder Studenten, noch anderweitigen „Spezialisten“. Später, im Jahr 1984, wurde das Rote Buch  in eine Bank gebracht. Ulrich Hörni, Jungs Enkel, ließ das Manuskript erst 2009 publizieren. Dieses lang ersehnte Ereignis ließ Experten und Fans atemlos und sprachlos zurück.

Das Manuskript sieht aus wie eine heilige, aber trotzdem verbotene Bibel, da es in rotes Leder gebunden ist. Es ist gefüllt mit hübschem Pergamentpapier und verziert mit goldenen Buchstaben, die wir uns nun näher anschauen möchten.

Das "Rote Buch" von Carl Gustav Jung

Das Rote Buch  Carl Gustav Jungs: Ein Geist in der Krise

„Der Geist der Tiefe hat allen Stolz und alle Arroganz der Macht des Gerichts unterjocht. Er nahm mir meinen Glauben an die Wissenschaft, er beraubte mich meiner Freude, Dinge zu erklären und zu ordnen, und er löschte in mir die Hingabe an die Ideale dieser Zeit aus. Er zwang mich zu den letzten und einfachsten Dingen.“

Rotes Buch

Dieses Zitat stammt aus einem Absatz im ersten Kapitel des Roten Buchs. Diejenigen, die mit Jung vertraut sind, aber das Rote Buch noch nicht kennen, werden wahrscheinlich bemerken, das der Text fremdartig und in sich widersprüchlich klingt. Wenn wir diesen Text lesen, haben wir das Gefühl, eine dunkle Welt entfalte sich vor unserem inneren Auge.

Es ist interessant, dass Experten wie Andrew Samuels nach der Veröffentlichung des Texts schnell darauf verwiesen, dass Jung keinerlei psychische Krankheit hatte. Andere jedoch sagten, dass dieses Buch das Ergebnis einer psychotischen Phase gewesen sein müsse, die Jung nach seinen Auseinandersetzungen mit Freud durchlebt habe.

Tatsächlich erlebte Jung eine tiefe persönliche Krise. Er begann, ein neues Kapitel in seinem Leben zu schreiben, das zu einer intellektuellen Weiterentwicklung führte. 1914 fing er an, das Rote Buch  zu schreiben, kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges, als er als Arzt und Psychiater in der Schweiz arbeitete. Jung war tief enttäuscht von der Menschheit und überaus skeptisch gegenüber der rationalen Wissenschaft seiner Zeit.

Foto, das Carl Gustav Jung vor einer Tür stehend zeigt

Das kathartische Ende des Roten Buchs

Das Rote Buch  ist vor allem ein intimes Tagebuch. Leicht geraten wir in Schwierigkeiten, wenn wir versuchen, das Durcheinander von Symbolen, Codes und Alchemie zu entwirren. Dies liegt einfach daran, dass niemand diesen fremden Geist, der dieses Werk erschaffen hat, ganz durchdringen kann. Mehr noch, dieser Geist ist eines der besten Beispiele für das traumartige Universum.

Auf den Seiten des Roten Buchs  erforschte Jung seine eigene Psyche und seine Beziehung zu seinem Unterbewusstsein. Also zu einer sehr komplexen, inneren Struktur, zu der natürlich nur Jung allein Zugang hatte. Er benutzte die sogenannte psychonautische Technik, um sie zu erforschen. Über aktive Vorstellungen, die er schuf, während er meditierte, erlaubte er es den inneren Bildern, frei zu fließen. Diese Bilder fanden schließlich als Illustrationen ihren Weg in das Manuskript.

So entstanden jene Archetypen, für die Jung heute bekannt ist. Die turbulentere innere Welt, die in Jung bestand, kommt darin immer wieder zum Vorschein, wie unserer eigener Schatten, den wir oft nicht erkennen, der aber die Form unseres wahren Selbst zeigt.

Eine Treppe, die zu einer Tür im Sternenhimmel führt

Carl Gustav Jungs Ratschlag

Etwas Merkwürdiges, aber gleichzeitig auch Interessantes, geschah zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Roten Buchs im Jahre 2009. Viele von Jungs früheren Patienten veröffentlichten Zeugnisse und es scheint, dass sie den Zweck dieses Buches tatsächlich verstanden hatten.

Während einige in dem literarischen Ozean zu ertrinken drohen, den Jung erschuf und der zwar voller Weisheit steckt, aber auch Reptiliengehirne, ausgehungerte Drachen und Kundalini-Schlangen beherbergt, erinnern sich andere an den Ratschlag, den Jung zu geben pflegte:

„Ich rate Ihnen, alles so schön wie möglich niederzuschreiben – in einem wunderschön gebundenen Buch. Es scheint, als ob Sie die Visionen banalisieren, aber Sie müssen das tun, um sich von ihrer Macht zu befreien. Wenn sich diese Dinge in einem kostbaren Buch befinden, können Sie das Buch nehmen und die Seiten umblättern und für Sie selbst wird es Ihre Kirche sein, Ihre Kathedrale, der stille Ort Ihres Geistes, wo Sie Erneuerung finden werden. Wenn Ihnen jemand sagt, dass es morbid oder neurotisch sei und Sie auf diese Person hören, dann verlieren Sie Ihre Seele, denn in diesem Buch ist Ihre Seele.“

 Carl Gustav Jung

Hier lesen wir einen weisen Ratschlag eines klugen Lehrers, dessen Schatten und intellektuelles Erbe uns heute immer noch begeistern als auch verblüffen.