Das Lieben lernen mit den Schlüsseln von Erich Fromm

· 26. Oktober 2018

Die Liebe, so Erich Fromm, sollte jeden Tag als befreiender und bereichernder Akt gefeiert werden. Denn diejenigen, die es schaffen, auf reife und bewusste Weise das Lieben zu lernen, verstehen, dass Wollen nichts über Besitz oder Bedingungen weiß. Liebe ist vor allem aktive Sorge um das Leben. Sie ist Fürsorge und der feste Wunsch, das Wachstum derjenigen zu fördern, die wir lieben.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass Fromm selbst die große Transzendenz, die sein Buch Die Kunst des Liebens  haben sollte, nie erahnt hat. Wahrscheinlich ist aber auch, dass nicht jeder weiß, unter welchen Bedingungen er dieses fabelhafte und immer interessante Werk gestaltet hat. Wer die Gelegenheit hatte, diesen Psychoanalytiker und humanistischen Philosophen jüdischer Herkunft zu treffen, pflegte zu sagen, dass nur wenige Menschen eine so relevante Wende in ihrem Leben einleiten konnten wie er.

„Die reife Antwort auf das Problem der Existenz ist die Liebe.“

Erich Fromm

Fromm war bis in die 1950er Jahre der große Talmud-Wissenschaftler und marxistische Psychoanalytiker, der sich einst von den theoretischen Annahmen Sigmund Freuds distanzieren wollte. Er war ein etwas schweigsamer Intellektueller, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg in den Vereinigten Staaten niederließ. Hinter sich ließ er das Gewicht einer Scheidung, den Tod seiner letzten Frau durch Selbstmord und die Erinnerung an ein noch immer zersplittertes und zerfallenes Europa.

In diesem Jahrzehnt beschloss er, nach Mexiko zu ziehen und Aktivist für Frieden und Frauenrechte zu werden. Er wollte seine Einstellung zum Leben ändern, sich der Welt öffnen, dem Glück und dem Kampf für das, woran er glaubte. Er wurde ein sehr einflussreicher Therapeut, freundete sich mit Präsident John F. Kennedy an und fand vor allem Liebe in einer brillanten Frau, in Annis Freeman.

Selbst mit der bitteren Erinnerung an seine ehemaligen Ehefrauen setzte sich Fromm ein festes Ziel: das Lieben zu lernen. Er wollte diese Phase zur besten seines Lebens und dessen von Annis Freeman machen. Und er sehnte sich ebenfalls danach, den Rest der Welt zu lehren, zu lieben. Daher sein berühmtes Buch zur Kunst des Liebens und das Glück, das er in den letzten Jahrzehnten seines Lebens genoss.

Das Lieben lernen nach Erich Fromm

Das Lieben lernen nach Erich Fromm

„Zu lieben, ohne zu wissen, wie man liebt, verletzt die Person, die wir lieben.“  Dieser Satz von Thích Nhất Hạnh fasst zweifellos eine mehr als offensichtliche Realität zusammen. Die meisten von uns sind keine Meister dieser Kunst. Wir sind eher Neophyten einer Realität, in die wir zufällig und ohne Wissen eintauchen, voller Bedürfnisse, aber ohne Werkzeuge. Und wenn wir uns manchmal darauf beschränken, wie Kinder zu lieben und nicht wie Erwachsene, dann ist das hauptsächlich auf unsere Kultur zurückzuführen.

Wir wurden durch eine Reihe von kulturellen Schemata geformt, in denen wir Liebe als ein Konstrukt aus magischen und idealen Farben sehen. In unserem sozialen Gefüge ist noch immer die „höfliche Liebe“ des Mittelalters präsent, in der sich die Herren in die Damen verlieben. Wir denken gern, dass wir Opfer von Amors Pfeilen wären, dass Leidenschaft das sei, was die ewigen Liebhaber in Shakespeares Verona erlebt haben, und dass jeder von uns durch den roten Faden des Schicksals zu jemandem geleitet würde.

Fromm, ein führender Sozialpsychologe, machte in Die Kunst des Liebens  sehr deutlich, dass wenige Dimensionen so viel Verantwortung und Urteilsvermögen erfordern wie die Liebe. Denn Liebe ist die Aufgabe von ausgebildeten Künstlern, nicht von verrückten Träumern. Das Lieben lernen erfordert Übung, Meisterschaft und kontinuierliche Arbeit, bei der nichts dem Zufall oder dem Glück überlassen werden darf.

Schauen wir uns also einige der Hinweise an, die Fromm uns zu seiner Zeit gegeben hat.

Die Liebe im Aktiv

Wenn es eine Sache gibt, die wir für einen Großteil unseres Lebens wollen, dann ist es, geliebt zu werden. Wir sehnen uns danach, in allem, was wir tun, sind oder haben, gepflegt, geschätzt, gewürdigt, anerkannt, verehrt und bestätigt zu werden. Eines müssen wir jedoch so schnell wie möglich verstehen: Liebe im Passiv ist weder nützlich noch reif.

Die Liebe ist kein Ort der Ruhe, sie ist eine Bühne, die in der Gegenwart und im Aktiv konjugiert wird: uns gegenseitig zu lieben, uns umeinander zu kümmern, einander zu respektieren, einander zu schätzen, gemeinsam zu schaffen, zusammen zu projizieren … Der Wunsch des Künstlers ist es, die Beherrschung derjenigen zu haben, die wissen, wie man teilnimmt, gibt und empfängt, baut und ein aktiver Teil eines Projekts ist, in dem die Mentalität des Wachstums immer vorhanden ist.

Wellen formen das Bild eines Paares

Unser ewiges Bestreben, den perfekten Menschen zu finden

Das Lieben lernen bedeutet auch, sich eines anderen Aspekts bewusst zu sein. Oft machen wir uns zu viele Sorgen, nicht die ideale Person zu finden, die sich auf all unsere Träume und Sehnsüchte einzustellen vermag. Wir sind verwirrt, weil wir das Objekt der Liebe nicht finden, ohne vorher darüber nachzudenken, ob wir auf dem Höhepunkt unserer eigenen Liebe sein werden.

Manchmal sind wir so sehr von Idealismus und Konstrukten infiziert, die von der Romantik genährt werden, dass wir das Wichtigste vergessen: Liebe erfordert Arbeit. Sie bedeutet, zu wissen, wie man sich den Herausforderungen stellt, die eine affektive Beziehung mit sich bringt.

Liebe als Notwendigkeit

Das Lieben lernen impliziert, zuerst zu wissen, wie man sich von seinen Bedürfnissen löst. Denn wer eine Beziehung sucht, um seine Mängel zu beheben, der wird nie zufrieden sein und den anderen Menschen lediglich in einen Zustand der permanenten Sklaverei führen.

Fromm erinnert uns in Die Kunst des Liebens  daran, dass eine gesunde und glückliche affektive Beziehung vor allem eine hochproduktive Verbindung sein müsse, in der jeder Mensch seine Leere und seine Abhängigkeiten überwunden habe. Es gehe darum, aus dem Inneren heraus die narzisstische Allmacht, den Wunsch, andere zu sammeln und auszubeuten, zu löschen, den Geliebten ohne Lasten und Ängste zu erreichen und sich so in Fülle anbieten zu können.

„Die Funktion der neuen Gesellschaft muss es sein, in uns die Bereitschaft zu fördern, auf alle Formen von Macht und Besitz zu verzichten. Sie muss auch sicherstellen, dass jeder ein Gefühl der Identität und des Vertrauens auf der Grundlage des Glaubens an das aufbaut, was er ist, in der Notwendigkeit, sich mit der Welt um sich herum zu identifizieren, zu pflegen, zu lieben, zu solidarisieren, und nicht auf Grundlage des Wunsches, die Welt zu beherrschen, zu besitzen, und so zu einem Sklaven seines Besitzes zu werden.“

Erich Fromm

Sich umarmendes Paar

Lieben ist ein Akt der Kreativität

Nach Fromm sei Liebe Energie. Ein Impuls, der uns ermutige, zu mobilisieren, uns auszudrücken, zu erschaffen … Jedoch entwickelt sich diese expansive und kreative Kraft nur, wenn wir unsere Grundbedürfnisse gedeckt haben.

Weiterhin führt Fromm in Die Kunst des Liebens  aus, dass diese Energie nicht dazu da sei, um sie nur zu spüren. Denn Liebe, erinnern wir uns, ist nicht nur spürbar, sie muss gelebt und gestaltet werden. Denn authentische Leidenschaft, die von Gefühl, Reife und Ausgeglichenheit getragen wird, versteht, dass das schönste Werk tägliche Arbeit und Hingabe erfordert.

Liebe ist wie Musik, Malerei, Tischlerei, Schrift oder Architektur. Wir müssen die Theorie verstehen und in der Praxis zum Meister werden. So werden auch wir als hochkreativer Ingenieur in der Lage sein, mit Fantasie und Effizienz jede Schwierigkeit, jede Herausforderung, jedes unvorhergesehene Ereignis auf dem Weg zu überwinden.

Paar in einem Wald

Abschließend möchte ich sagen, dass das Lieben lernen nach Fromm bedeutet, von vielen dieser Visionen aus der Kindheit abzulassen, die uns oft definieren, weil sie uns eingeschärft wurden. Wir müssen aufhören, die Liebe im Passiv zu verwenden und sie als diesen Funken betrachten, der in einem bestimmten Moment zwei Menschen auf magische Weise vereint. Weil Liebe Substanz ist, Körper und Materie. Ein Rohstoff, aus dem wir ein Projekt machen können, das Beste aus unserem Leben, wenn wir wollen, und wir übernehmen die Verantwortung dafür.