Das Labyrinth der Erschöpfung: Die Auswirkungen von Angst auf das Gehirn

· 25. Juni 2018

Angst hat enorme Auswirkungen auf unser Gehirn. Kortisol, Adrenalin und Noradrenalin versetzen uns in Alarmbereitschaft. In diesem Zusammenhang wird unser Verstand zum Nährboden für irrationale Gedanken, für Angst, die uns vernichtet und paralysiert, für jene Emotionen, die wie eine kalte Nacht, ohne Mond und Sterne, unsere Realität vollkommen verdunkeln. Nur wenige psychische Zustände sind so intensiv.

Demografische Studien belegen, dass viele Menschen mit chronischer Angst leben. Sie sind unfähig dazu, zu sehen, dass es eine andere Art und Weise gibt, die Realität zu fühlen und zu verarbeiten, und lassen sich von dieser mentalen Streitmacht leiten, ohne zu wissen, wie sie reagieren sollen. Andere Menschen wiederum erleben etwas, was als situationsbedingte Phobie bekannt ist. Vor einem Publikum zu sprechen, sich einem Bewerbungsgespräch oder einer Prüfung zu stellen, oder sogar mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, sind Beispiele für Situationen, die wie ein rotes Tuch für sie sind.

„Angst schärft die Sinne. Und es ist die Angst, die sie lähmt.“

Kurt Goldstein

Wir alle hatten es schon einmal mit der Angst zu tun. Über diese so natürliche menschliche Reaktion, die in der richtigen Dosis ein wichtiger Antrieb für uns sein kann, um unsere Vorhaben in die Tat umzusetzen, verlieren wir oftmals die Kontrolle. Es dauert nicht lange und sie übernimmt die Kontrolle über unser Leben, ohne dass es uns auffällt. Und wenn das passiert, verformt und verzerrt sich alles, wie in einem Gemälde von Kandinsky.

Mann läuft vor seinem Schatten davon

Wie wirkt sich Angst auf unser Gehirn aus?

Um die Auswirkungen von Angst auf unser Gehirn besser verstehen zu können, sollten wir Angst und Stress voneinander unterscheiden. Letzterer ist das Ergebnis eines physiologischen Aktivierungsprozesses, der wiederum auf multiple externe Faktoren zurückzuführen ist. Das heißt, dass es für Stress immer einen Auslöser in der Gegenwart gibt: Druck auf der Arbeit, zu viele Aufgaben, familiäre Probleme, etc. führen zu Stress, sobald wir uns der Tatsache bewusst sind, dass uns „die Mittel fehlen“, um all diesen Reizen die Stirn zu bieten.

Angst hingegen ist ein wenig komplexer. Natürlich kann sie oft die Folge von Stress sein, aber wir sollten hierbei bedenken, dass wir dieses Gefühl oftmals verspüren, ohne zu wissen, warum. Sie spielt sich in unserem Inneren ab, taucht immer wieder und in unterschiedlichen Situationen auf. Wir haben es hierbei mit einer physiologischen Reaktion zu tun, die uns darauf vorbereitet, angesichts einer realen oder eingebildeten Bedrohung zu fliehen oder zu kämpfen.

So unterscheidet sich die Angst von Stress. Darüber hinaus können wir wegen der Auswirkungen auf unser Gehirn wesentlich schwieriger mit ihr umgehen. Schauen wir uns das nachfolgend im Detail an.

Die Amygdala

Die Amygdala ist eine kleine Struktur, die sich im tiefsten Inneren unseres Gehirns befindet. Sie verarbeitet und interpretiert die sensorischen Reize, die uns aus unserer Umgebung erreichen. Sie warnt das Gehirn außerdem vor einer Bedrohung oder Gefahr, vor der es sich schützen solle. Daher könnten wir sagen, dass sie wie ein instinktives (und manchmal sogar ein irrationales) Radar ist, das in uns weitverbreitete Ängste, wie die Angst vor Spinnen, der Dunkelheit, Höhen usw. aufkommen lässt.

Amygdala

 

Der Hippocampus

Der Hippocampus ist der Teil des Gehirns, in dem unser emotionales Gedächtnis ruht. Wenn die Auswirkungen von Angst auf unser Gehirn intensiv und lang anhaltend sind, leidet diese Gehirnstruktur am meisten darunter. Ihre Größe verringert sich und aufgrund dieser Störung leiden wir unter ernsthaften Folgen. Häufig entstehen dadurch Gedächtnisverluste, Konzentrationsschwierigkeiten oder sogar posttraumatischer Stress. Diese Folgen kommen zum Beispiel oft bei Kindern vor, die Missbrauch, die verheerende Belastung einer permanenten Angst, Furcht und das ständige Gefühl, in Gefahr zu sein, erfahren haben.

In diesem Zusammenhang wurde vor wenigen Monaten in der Zeitschrift Neuron  eine sowohl interessante als auch Hoffnung machende Studie veröffentlicht. Man fand heraus, dass die für die Angst verantwortlichen Zellen genau dort, im Hippocampus, zu finden sind. Aufgrund dieser Entdeckung hofft man nun, Medikamente mit einer gezielteren Wirkung entwickeln zu können, um deren Aktivität zu regulieren.

Kortisol, Noradrenalin und Adrenalin

Unruhe, das Gefühl, in Alarmbereitschaft zu sein, Muskelanspannungen oder Tachykardie sind Wirkungen dieser Neurotransmitter. Die Auswirkungen von Angst auf unser Gehirn sind dieser unfehlbaren (und fürchterlichen) Kombination aus Kortisol, Noradrenalin und Adrenalin geschuldet.

Während die Amygdala dafür verantwortlich ist, Gefahren ausfindig zu machen, bringen uns diese Neurotransmitter dazu, zu reagieren. Das Gehirn will uns verteidigen, möchte, dass wir einen Ausweg finden und reagieren. Und das wird dadurch erreicht, indem unsere Muskeln mit mehr Blut versorgt werden, unser Herz schneller schlägt und unsere Lungen sich mit mehr Luft füllen.

Dieser Zustand der Alarmbereitschaft kann uns in einem bestimmten Moment helfen, wenn es sich um eine „reale“ Bedrohung handelt, vor der wir stehen. Doch wenn das nicht der Fall ist und diese physiologische Aktivierung konstant ist, kommen Probleme auf: Verdauungsprobleme, Kopfschmerzen, Bluthochdruck sowie ein höheres Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden.

Frau praktiziert Mindfulness am Fluss

Was können wir gegen die Auswirkungen von Angst auf das Gehirn tun?

Wie eingangs erwähnt, ist die Angst eine physiologische Reaktion. Deswegen ist es sinnlos, wenn man uns sagt: „Beruhige dich, alles wird gut.“ Wenn unser Gehirn der Meinung ist, dass eine Gefahr bestehe, nützen uns Sätze dieser Art rein gar nichts. Daher ist es zu empfehlen, mit unserer Physiologie, den Organen und dem Körper anzufangen:

  • Überzeuge deinen Körper davon, dass es keine Gefahr gibt. Wie? Indem du versuchst, dich zu entspannen, tief ein- und ausatmest und deinen Körper auf Pause schaltest, damit auch dein Gehirn eine Pause einlegen kann.
  • Lasse die Angst für dich arbeiten. Mit Angst umzugehen hat nichts mit mangelnder Willenskraft zu tun. Es geht darum, ihr den Wind aus den Segeln zu nehmen und sie zu unserem Vorteil zu nutzen. Um uns das vorstellen und in die Tat umsetzen zu können, können wir auf Kunst als Form der Therapie zurückgreifen. Mit Ton arbeiten oder malen helfen dabei, dieser Angst Form zu geben, die ein zerstörerisches Monster ist, das dadurch kleiner, harmloser und einfacher zu handhaben wird.
  • Neue Gewohnheiten, neue Routinen. Manchmal verändert sich alles, wenn wir etwas an unserer alltäglichen Routine ändern. Einen Spaziergang machen, jede Woche zu einem Konzert gehen, neue Menschen kennenlernen, zu einem Yoga-Kurs gehen usw. – all das kann die Wahrnehmung von Gefahren unseres Gehirns ändern, um die Dinge auf eine andere Weise zu sehen.

Zu guter Letzt möchten wir sagen, dass wir einen Experten aufsuchen sollten, wenn uns dieser Angstzustand über den Kopf wächst. Niemand hat es verdient, mit Angst leben zu müssen. Niemand sollte ständig im Gefängnis einer chronischen Angststörung gefangen sein, die alles verdunkelt.