Dankbarkeit ist nicht nur höflich, sondern auch sehr machtvoll

16, Juli 2017 en Psychologie 475 Geteilt

Viele bedanken sich aus Höflichkeit, fast schon automatisch. Man bedankt sich, wenn man ein Geschenk bekommt, wenn man uns einen Gefallen tut oder wenn andere eine freundliche Geste zeigen. In anderen Situationen scheint es dagegen nicht so wichtig, sich zu bedanken. Der Ausdruck von Dankbarkeit begrenzt sich für gewöhnlich auf bestimmte Situationen.

Auch in Situationen, in denen Dank absolut angebracht ist, kommt die Dankbarkeit aber oft nicht von Herzen. Lediglich in Extremfällen bedanken wir uns aus voller Überzeugung. Mit der Zeit lässt zuweilen jedoch auch dieses Gefühl nach.

„Seien wir dankbar für Menschen, die uns glücklich machen, für die zauberhaften Gärtner, die unsere Seele zum Blühen bringen.“

Marcel Proust

Viele Menschen sehen darin kein Problem. Sie glauben, dass Dankbarkeit lediglich bedeute, im richtigen Moment „Danke!“  zu sagen, und, wenn möglich, dem Gegenüber in Zukunft ebenfalls einen Gefallen zu tun oder Aufmerksamkeit zu schenken. Ist das nicht genug? Auch wenn es in der heutigen Zeit genug sein mag, trivialisieren wir damit die Dankbarkeit. Wir vergessen, dass der Dankbarkeit eine außergewöhnliche Kraft innewohnt, die uns psychisch gesund hält und leider vernachlässigt wird.

Dankbarkeit ist viel mehr als danke sagen

Dankbarkeit ist ein schönes Gefühl. Dankbarkeit gibt uns das Gefühl, jemandem etwas zu bedeuten, was uns glücklich macht. Dies gilt vor allem, wenn die Dankbarkeit etwas geschuldet ist, das uns in einer traurigen Lage widerfahren ist.

Man ist jemandem für etwas dankbar, sobald man sich bewusst wird, dass man mehr bekommen als man in diesem Moment gegeben hat. Sofort stellt sich das Gefühl ein, dass man einen Gewinn gemacht hat. Kurz darauf verspürt man das Bedürfnis, sich für diesen Gewinn zu bedanken.

Dankbarkeit ist daher nicht nur eine Höflichkeit, sondern auch eine Glückserfahrung, die Freude bereitet. Wer dankbar ist, ist glücklich. Und am glücklichsten ist, wer sich der vielen Gründe für seine Dankbarkeit bewusst ist.

Wieso fällt es vielen so schwer, dankbar zu sein?

Es gibt viele Menschen, die glauben, dass sie niemandem für etwas dankbar sein müssen. Sie können eine Vielzahl von Situationen benennen, in denen sie etwas benötigten, aber keine Hilfe bekommen haben. Genauso können sie eine Vielzahl von Situationen benennen, in denen sie jemand anderem geholfen haben, aber nichts im Gegenzug erhielten. Ihre Erwartung eines Gleichgewichts zwischen dem, was sie geben, und dem, was sie bekommen, widerspricht dem Grundgedanken der Dankbarkeit.

Sie handeln wahrscheinlich nach einer Logik, nach der andere ihnen immer etwas schulden. Sie erwarten von anderen mehr als sie selbst geben, weshalb ihre Erwartungen häufig enttäuscht werden. Sie sind der Meinung, dass ihnen mehr zustünde. Wieso sollten sie also dankbar sein?

Wer so denkt, ist verhätschelt und hat ein übergroßes Ego. Wenn man stark narzisstisch veranlagt ist, ist man nie mit dem zufrieden, was einem andere oder das Leben geben. Man wird immer der Überzeugung sein, dass man mehr verdient hätte, und immer neue Gründe finden, sich zu beschweren, statt dankbar zu sein.

Dankbarkeit ist machtvoll

Dankbarkeit bringt man seinem Gegenüber entgegen, anderen Menschen, oder etwas Abstraktem. Sie gehört zur Welt des Gebens, nicht des Nehmens. Aber wie bereits erwähnt, bereitet Dankbarkeit Freude, macht glücklich und stellt zufrieden. Sie veredelt das Herz.

Ohne das, was andere für uns tun oder getan haben, wären wir wahrscheinlich nicht einmal am Leben. Dass wir leben, ist unserer Mutter geschuldet, die die Schmerzen aushielt, um uns zur Welt zu bringen, die uns am Leben erhalten hat, als wir es selbst noch nicht konnten, die uns aufzog. Es spielt keine Rolle, ob sie selbst bereit war, Mutter zu sein, oder ob sie ihre Aufgabe hätte besser machen können. Die Mutterschaft allein bedeutet bereits große Hingabe. Auch anderen, die dabei geholfen haben, uns zur Welt zur bringen, aufzuziehen, und während der ersten Jahre unseres Lebens alles gegeben haben, schulden wir große Dankbarkeit.

Außerdem waren da noch die Lehrer, die uns unterrichtet haben, unsere Spielkameraden, Freunde, die uns zugehört haben, Partner, die auf uns gesetzt haben, und Menschen, die in unsere Arbeit vertraut haben. Unser alltägliches Leben ist nur möglich, weil viele Menschen es möglich machen, aber oft sind wir uns dessen nicht bewusst. Wir sind unfähig, ihren Beitrag anzuerkennen. Vielmehr fokussieren wir uns zu sehr auf das, was sie versäumen, zu tun.

In Dankbarkeit zu leben bedeutet, dem Glück nahe zu sein. Dankbarkeit ist mehr als eine Tugend oder ein Wert. Sie ist eine Lebenseinstellung. Man kann nur dankbar sein, wenn man bescheiden ist. Man kann nur dankbar sein, wenn man versteht, dass niemand uns etwas schuldet oder dazu verpflichtet ist, uns einen Gefallen zu tun. Nur wenn wir dies verstehen, können wir im Leben vorankommen.

Auch interessant