Cabin-Syndrom: Angst, während der Corona-Pandemie das Haus zu verlassen

Viele Menschen haben nach den Bewegungseinschränkungen Angst, dass die allmählichen Lockerungen und die Rückkehr zum normalen Leben die Gefahr für eine Ansteckung mit SARS-CoV-2 erhöht. Sie würden deshalb lieber gar nicht außer Haus gehen. Dieses psychologische Phänomen ist nicht neu. Erfahre heute mehr darüber. Wir erklären dir auch, wie du diese Angst mit einfachen Tipps überwinden kannst. 
 

Manche Menschen haben Angst davor, nach der Quarantäne oder der Ausgangsbeschränkungen wieder zum alltäglichen Leben zurückzukehren und außer Haus zu gehen. Sie fürchten sich davor, ihren Verpflichtungen nachgehen zu müssen, denn dies bedeutet, dass sie das Haus verlassen müssen. Betroffene sind davon überzeugt, dass sie zu Hause alles haben, was sie brauchen, und würden deshalb die Ausgangsbegrenzungen am liebsten noch ein paar Wochen verlängern. Dieses Phänomen ist in der Psychologie als Cabin-Syndrom bekannt. Kurioserweise leiden derzeit relativ viele Menschen daran. 

Viele mag diese Angst überraschen. Denn wer hat nach so langer Zeit zu Hause keine Lust, wieder das bunte Treiben auf den Straßen, das Sonnenlicht und das Leben in den Städten und Dörfern zu genießen?

Doch die Realität beweist, dass es relativ viele Menschen gibt, die Angst experimentieren und die Schwelle ihres Hauses am liebsten nicht überschreiten würden. 

Bis zu einem gewissen Grad ist diese Angst ganz normalEs handelt sich nicht automatisch um eine psychologische Störung. Nach den vielen Wochen zu Hause hat sich unser Gehirn an diesen Zustand gewöhnt. Es fühlt sich jetzt sicher innerhalb der eigenen vier Wände.

 

Dazu kommt noch ein weiterer Faktor: Das neue Coronavirus ist noch lange nicht verschwunden. Das Infektionsrisiko besteht weiterhin und deshalb sind die Angst vor der Außenwelt und die Unsicherheit auch ein ganz normales Gefühl. 

Das Cabin-Syndrom ist eine Erfahrung, die bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts bekannt ist. Wir gehen anschließend etwas näher darauf ein.

Cabin-Syndrom

Cabin-Syndrom: Was ist das?

Das Cabin-Syndrom wurde zum ersten Mal im Jahre 1900 klinisch beschrieben. Viele Goldgräber verbrachten im Norden der USA zu bestimmten Jahreszeiten mehrere Monate in ihren Hütten. Diese Isolierung machte vielen stark zu schaffen. Es fiel ihnen danach zum Teil sehr schwer, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Sie misstrauten anderen Menschen, waren gestresst und nervös.

Auch Leuchtturmwärter experimentierten diese Symptome sehr häufig, bevor die Leuchttürme automatisiert wurden. Die lange Zeit der Quarantäne durch die Corona-Krise erinnert uns an diese Zeiten zurück. Das Cabin-Syndrom ist erneut zu einer Realität geworden, die derzeit viele Menschen erleben.

Welche Symptome entstehen durch das Cabin-Syndrom?

Zu den häufigsten Symptomen dieser Störung gehört die Lethargie. Betroffene fühlen sich müde, leiden an Taubheitsgefühl in den Beinen oder Armen, brauchen einen langen Mittagsschlaf oder haben auch Schwierigkeiten beim Aufstehen am Morgen.

 
  • Auch kognitive Symptome können auf dieses Syndrom hinweisen: Konzentrationsschwierigkeiten, Gedächtnisprobleme…
  • Darüber hinaus experimentieren Betroffene fehlende Motivation.
  • Sie haben Gelüste auf bestimmte Nahrungsmittel, um ihre Angst und Nervosität zu beruhigen.
  • Außerdem äußert sich das Cabin-Syndrom durch sehr spezifische, negative Emotionen: Traurigkeit, Furcht, Beklommenheit, Frustration…
  • Andererseits ist die Angst, das Haus zu verlassen, das charakteristischste Symptom. Oft rechtfertigen sich Betroffene damit, dass sie einfach noch keine Lust haben, nach draußen zu gehen und sie zu Hause derzeit alles haben, was sie brauchen.

Ich habe Angst, nach den Ausgangsbeschränkungen nach draußen zu gehen. Was kann ich tun?

Das Cabin-Syndrom kommt derzeit viel häufiger vor, als wir uns das vielleicht denken könnten. Es gibt sogar schon eine Skala, die von der Universität von Peking entwickelt wurde, um die Inzidenz dieses Syndroms zu bewerten.

Eines ist auf jeden Fall klar: Dieses Gefühl der Angst zu experimentieren ist alles andere als angenehm. Betroffene sind sich darüber bewusst, dass andere den Wunsch hegen, zur Normalität zurückzukehren und nach draußen zu gehen. Doch wir müssen versuchen, ihre Situation zu verstehen, denn sie sind noch nicht so weit, sich der Realität zu stellen. 

 

Wir sollten dabei folgende Aspekte berücksichtigen:

Betroffene benötigen Zeit, ihre Gefühle sind verständlich

Wir haben bereits am Anfang des Artikels darauf hingewiesen: Das Cabin-Syndrom ist keine psychologische Störung oder Krankheit. Es beschreibt nur eine emotionale Situation, die unter den aktuellen Umständen einfach zu erklären ist.

Wir sollten deshalb Angst und Furcht nicht weiter nähren, indem wir uns vorstellen die Kontrolle über die Situation zu verlieren. Es ist ganz normal, dass du in dieser Situation Angst spürst.

Der Schlüssel liegt in der Zeit: Es ist nicht nötig, heute das Haus zu verlassen. Du kannst dir Zeit geben und kleine Versuche starten. Gehe heute bis zur Haustüre, öffne sie, gehe jedoch nicht nach draußen. Morgen kannst du bereits ein paar Schritte tun und dann einen Spaziergang unternehmen.

Routine und Ziele

Das Gehirn ist von Routinen abhängig, um die Zeit richtig managen zu können, sich sicher zu fühlen und überflüssige Gedanken zu verhindern. Um das Cabin-Syndrom allmählich zu überwinden, sollst du die Zeit der Erholung kürzen und weniger Zeit im Bett oder beim Mittagsschlaf verbringen.

Erstelle einen Tagesplan und halte dich daran! Baue berufliche Verpflichtungen oder Aufgaben im Haushalt ein, berücksichtige regelmäßige Essenszeiten, Zeit für Sport und plane auch jene Augenblicke ein, in denen du das Haus verlassen wirst.

Cabin-Syndrom überwinden

Nimm professionelle Hilfe in Anspruch, falls dies nötig ist

Wenn deine Angst weiterhin zunimmt, und du dich nicht dazu fähig fühlst, das Haus zu verlassen, solltest du auf jeden Fall professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Ein Psychologe kann dir helfen, wenn dir bereits der Gedanke nach draußen zu gehen Angst bereitet.

Wir befinden uns in einer völlig neuen Situation, die wir noch nie zuvor erlebt hatten. Dies führt zu verschiedensten psychologischen Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen. Wir müssen in diesen schwierigen Zeiten deshalb besonders einfühlsam, nahe und menschlich sein, um uns gegenseitig zu helfen und gestärkt aus dieser schwierigen Lage hervorzugehen.