Was brachte Andreas Lubitz dazu, den Airbus A320 in den Alpen zu zerschmettern?

15. Dezember 2015 en Psychologie 94 Geteilt

Am 24. März letzten Jahres stockte der Welt der Atem: Ein Airbus A320 zerschellte in den französischen Alpen. An Bord befanden sich 150 Menschen und 5 Hunde; eine Tragödie von so großem Ausmaß, dass in verschiedenen Ländern sofort mobilisiert wurde, während die Bevölkerung nur abwartend und mit zusammengezogenem Herzen auf Antworten zur Katastrophe warten konnte.

Die Diskussion über die Sicherheit der Billig-Airlines und über das Alter der Flugzeuge begann sofort. Durfte es denn noch fliegen? Stundenlang suchten wir alle tausend Gründe, tausend Ursachen in diesen Maschinen, die sonst so perfekt schienen und die inzwischen fester Bestandteil unseres Lebens sind.

Die Technik versagt manchmal, das wissen wir. Unfälle geschehen und die Ursache liegt fast immer in einer Unachtsamkeit, einem Fehler oder einer falschen Bedienung.

Wenige von uns dachten, dass die Verantwortung für das Unglück nicht bei der Technik, sondern beim Menschen lag. Bei einem jungen Co-Piloten, der aus eigenem Willen heraus das Flugzeug in die französischen Alpen gesteuert hat und dabei alle Menschen an Bord mit in den Tod gerissen hat.

Wie können wir so etwas begreifen? Wir Menschen brauchen immer ein „Warum?“einen Grund, der (wenn möglich) diese Art von unvorstellbaren Taten rechtfertigt, welche in einem dunklen Teil unserer Natur enthalten ist, da, wo das Irrationale, die Krankheit oder manchmal einfach die Untat weiterhin vorhanden ist.

Was brachte Andreas Lubitz dazu, den Airbus A320 in den Alpen zu zerschmettern? Lasst uns mögliche Gründe analysieren, lasst uns in all die Informationen eintauchen, die uns inzwischen überbracht wurden, um zu versuchen das „Warum?“  zu finden.

Ein als „tauglich“ eingestufter Pilot mit psychologischen Problemen

Andreas Lubitz war allein im Cockpit, als er plötzlich und freiwillig entschied, den Knopf zum Abstieg zu drücken, damit er und der Rest der Passagiere ihre Leben beim Absturz in den Alpen ließen.

Laut der Fluglinie Lufthansa wurde der Copilot des Airbus A320 als tauglich für das Fliegen eingestuft, niemand ahnte etwas und er war ein Vorbild hinsichtlich Kompetenz und Professionalität.

Trotzdem wurde ein medizinisches Gutachten gefunden, in dem bescheinigt wurde, dass er nicht gesund war, sondern dass seine psychologische Verfassung nicht angemessen war, um weiterzuarbeiten. Lubitz war sich dessen bewusst, aber weit davon entfernt, es zu akzeptieren, und vernichtete das entsprechende Dokument, ohne dass sein Arbeitgeber davon Kenntnis nehmen konnte. Lubitz trat seine Arbeit weiterhin an, während er dies in Wirklichkeit nie hätte tun dürfen.

Laut den Informationen, die veröffentlicht wurden, litt Andreas Lubitz an einer schweren Depression. Er rechtfertigte dies mit dem Umstand, dass er sich gerade in der Trennung von seiner Freundin befand, deren emotionale Folgen vielleicht die suizidäre Reaktion hervorgerufen haben könnten.

Allerdings hat man herausgefunden, dass die depressiven Störungen dauerhafter Begleiter in seinem Leben waren, sodass er in einer Phase der schweren Depression eine Behandlung erhielt.

Germanwings

Die schwere Depression und der „erweiterte Suizid“

Nun stellen wir uns folgende Frage: Kann eine schwere Depression eine Person dazu verleiten, nicht nur sich selbst umzubringen, sondern 150 andere Personen dazu?

  • Wenn wir über Depression reden, müssen wir berücksichtigen, dass kein psychologisches Problem bei allen Menschen gleich ist, das heißt, es gibt nicht das „eine“ leicht zu erkennende Muster. Oft können diverse miteinander verbundene Störungen auftreten. Es kann sein, dass statt einer schweren Depression eine psychotische Depression vorliegt. Wir wissen jedoch nicht, ob das bei Andreas Lubitz der Fall war.
  • Die Gründe, weshalb eine Person in die Depression verfällt, können ganz unterschiedlich und komplex sein, aber immer gehört das Gefühl des Kontrollverlustes über die Lebenssituation und die Gefühle dazu sowie eine negative Sicht auf die Zukunft. Es gibt keine Hoffnung. Wenn diese Gefühle sich verstärken, passiert es häufig, dass die Person in den Wunsch nach Selbstmord gleitet.
  • Normalerweise haben 15% der Patienten mit depressiven Störungen Selbstmordgedanken. Allerdings ist es nicht üblich, dass zu den suizidären Tendenzen auch Mordgedanken hinzutreten. Das heißt, es ist nicht normal, dass die Person, die ihr Leben beenden will, auch andere Personen auswählt, um sie zu „bestrafen“; vor allem nicht irgendwelche Personen, zu denen keine emotionale Verbindung besteht.
  • In den Fällen, in denen dieser Wille vorhanden ist, reden wir von „erweitertem Suizid“. Das heißt, es handelt sich um Situationen, in denen die Person, nebem dem Wunsch, ihr eigenes Leben zu beenden, auch versucht, andere unschuldige Menschen mit sich in den Tod zu ziehen. Ihre Verzweiflung und ihre Frustration sind so hoch, dass es diesen Menschen nicht ausreicht, sich selbst Schaden zuzufügen, sondern dass sie ihren Wunsch nach Zerstörung auf andere ausweiten müssen. Gründe dafür sind Zorn und der Wunsch nach Rache.
  • Im Fall von Andreas Lubitz wissen wir zum Beispiel, dass das Fliegen seine große Leidenschaft war. Vielleicht haben ihn seine emotionalen Probleme in eine neue Depression verfallen lassen; ein Prozess der allem Anschein nach latent in seinem Geist ablief und der bereits in der Vergangenheit zutraf und den Erhalt seines Diploms verzögerte.
    Das psychologische Gutachten, das damit schloss, dass Andreas Lubitz „nicht tauglich für die Arbeit“  war und dass er nicht fliegen darf“,  war zweifellos der Auslöser dafür, dass er nicht nur an Suizid, sondern auch an Rache dachte. Dies sollte sein letzter Flug sein, und er wollte nicht der Einzige sein, der seinen Schmerz fühlen musste. Das Leid sollte riesige Dimensionen annehmen, und ohne Raum für Zweifel verfolgte er dieses Ziel.
  • Einige Experten erklären, dass diese unverständlichen Taten manchmal mit dem Amok-Syndrom einhergehen, das heißt, dass der Betroffene eine spontante und unkontrollierbare Reaktion zeigt, anderen Schaden zufügen und ohne jegliche Unterscheidung töten möchte.

War die schreckliche Tat, die Andreas Lubitz vollbrachte, vorhersehbar? Es kann sogar sein, dass die Alpen eine besondere Bedeutung für den Copiloten hatten, da man sagt, er sei besonders auf diese Landschaft fixiert gewesen.

Wir Menschen suchen im Angesicht solcher Taten immer eine Erklärung. Wir wollen die Gründe erfahren und verstehen, warum ein anscheinend normaler Mensch entscheidet, das Leben von 150 anderen Menschen zu beenden. Aber manchmal muss uns das Wissen genügen, dass das Irrationale und das Böse existiert, jederzeit und überall, und sich vollständig unserer Kontrolle entzieht. Es ist etwas Unvorhersagbares, das die Leben derer, die wir lieben, betreffen kann.

An dieser Stelle möchten wir unser tiefstes Mitgefühl mit den Angehörigen sowie Ehrung und Respekt gegenüber den Opfern äußern. Mögen sie in Frieden ruhen.

Auch interessant