Black Mirror: Bandersnatch – Die Dystopie sind wir!

8. Juli 2019
In diesem Film handelt es sich nicht um eine klassische Dystopie, denn er geht einen Schritt weiter, indem er mit neuen Formen experimentiert und sich an eine neue Konsumwelt anpasst. Er hat so viel Interesse geweckt, dass manche Zuschauer Karten zeichnen, die zum möglichen Ende des Films führen. Doch worum geht es wirklich?

Als wir dachten, dass uns die britische Serie Black Mirror bereits alles beigebracht hätte, kam Bandersnatch, der interaktive Film auf Netflix, der die Nutzer der Plattform verrückt zu machen scheint.

Black Mirror ist dafür bekannt, Fragen aufzuwerfen, die zum Nachdenken über die Gegenwart, neue Technologien und deren Auswirkungen auf unser eigenes Leben anregen.

Die Serie zeigt uns Dystopien, die in einigen Jahren real sein könnten. Bandersnatch geht jedoch noch einen Schritt weiter: Darin wird die Barriere des Zuschauers, wie wir sie normalerweise kennen, durchbrochen. Denn es ist möglich, Entscheidungen zu treffen, die das Schicksal der Figur beeinflussen.

Es ist wahr, dass der Film vielleicht nicht so ansprechend ist, wie wir es erwarten würden, und an manchen Stellen einiges zu wünschen übrig lässt. Auch hebt er sich nicht von Black Mirror ab, und sicherlich handelt es sich nicht um ein Meisterwerk. Doch die Neuheit weckt zweifellos enormes Interesse.

Die Debatte ist bereits eröffnet: Black Mirror steht wieder im Rampenlicht und sich in gewisser Weise neu erfunden. Nach vier Staffeln (mit wenigen Episoden) stellten sich manche die Frage: Was kommt jetzt? Wird die Serie weiterhin so interessant bleiben? Die Antwort lautet ja, denn Bandersnatch hat trotz allem einiges zu bieten und ist nach wie vor sehr lebendig.

WARNUNG: Dieser Artikel enthält Spoiler.

Was ist ein interaktiver Film?

Bevor wir näher auf Bandersnatch eingehen, befassen wir uns kurz damit, wie ein interaktiver Film funktioniert. Bei Büchern und Filmen ist Interaktivität durch das Format selbst eingeschränkt – zumindest bis jetzt.

Es stimmt, dass es bestimmte literarische oder kinematografische Werke gibt, die den Leser oder Zuschauer auf die eine oder andere Weise integrieren und teilhaben lassen. Ein Beispiel dafür sind Filme wie Woody Allens Annie Hall oder Miguel de Unamunos Roman Nebel. In den vorangegangenen Beispielen wird die vierte Wand durchbrochen, d.h. der Zuschauer oder Leser wird direkt angesprochen.

Ein in der Hinsicht wirklich neuartiger Roman ist Rayuela: Himmel-und-Hölle von Julio Cortázar, wo der Schriftsteller einen Schritt weiter geht. Der Leser ist grundlegend und entscheidet auch, in welcher Reihenfolge der die Geschichte lesen möchte. Cortázar schlägt vor, einer traditionellen Ordnung zu folgen, das heißt linear vom ersten bis zum letzten Kapitel; oder im Gegenteil, einer „Unordnung“ zu folgen, die bei Kapitel 72 beginnt und für die uns der Autor einen Leitfaden zur Verfügung stellt.

Cortázar war bahnbrechend, als er diese Art des Lesens vorschlug, die vor allem in den 1980er Jahren eine neue Richtung einschlagen würde. Und genau in den 80er Jahren, wo Bandersnatch angesiedelt ist, erscheint auch das Buch „1000 Gefahren – Du entscheidest selbst!“ , in dem die Leser den Verlauf der Geschichte bestimmen.

So futuristisch Black Mirror auch erscheinen mag, Bandersnatch lässt sich von der Vergangenheit inspirieren! 

Auch im Kino gab es verschiedene Versuche, mehr Interaktion mit dem Publikum zu erreichen. Am Anfang traten einige Filmemacher wie George Méliès während einiger ihrer Vorführungen auf, um mit der Öffentlichkeit ins Gespräch zu kommen.

Interaktion kann auch spontan erfolgen, wie es bei The Rocky Horror Picture Show der Fall ist. Das Publikum hatte beschlossen, sich bei diesem Film zu verkleiden und während der Vorführung zu interagieren. Ein weiteres Beispiel wäre das 3D-Kino, das zwar nicht zum Dialog anregt, uns aber in gewisser Weise zu Beteiligten macht.

Stefan und Colin

Bandersnatch und die Entscheidungsfindung

Bandersnatch präsentiert Stefan, einen jungen Mann, der es sich zur Mission gemacht hat, ein Videospiel zu entwickeln, das auf seinem Lieblingsbuch basiert und dem Stil von „1000 Gefahren – Du entscheidest selbst!“ folgt. Nach und nach lernen wir Stefan kennen und wir sind diejenigen, die bestimmen, was wir als Nächstes sehen werden – zumindest ist dies die Absicht des Films.

Doch in Wahrheit gibt es auch hier Einschränkungen, deshalb können wir oft nicht selbst entscheiden. Dadurch werden manche Abschnitte langweilig und wir müssen zurück zum Ausgangspunkt. Andererseits sendet der Film jedoch eine klare und direkte Botschaft an den Zuschauer.

Bei den Entscheidungen geht es beispielsweise um die Wahl von Stefans Frühstück oder darum, ob er seinen Vater ermorden soll oder nicht. Sie sind zum Teil einfach, zum Teil jedoch auch sehr komplex. 

Der Diskurs ist neu, weil die Entscheidungen spontan getroffen werden, im Rhythmus des Films, was uns enorm an Videospiele erinnert (vergessen wir nicht, dass das Videospiel der rote Faden der Handlung ist).

Einige unserer Entscheidungen hängen nicht von uns ab. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn Stefan auf Colin trifft und dieser ihm LSD anbietet. Wenn wir entscheiden, das Stefan die Droge nicht nehmen soll, wird Colin sie in sein Getränk geben, in die Kamera schauen und sagen, dass er die Entscheidung für uns getroffen hat.

Sind unsere Entscheidungen begrenzt? Dieser Zweifel wird von Colin während der LSD-Halluzination wieder gelöst und er sagt uns, dass die Regierung uns kontrolliere, dass alles absolut manipuliert sei und dass wir am Ende nichts anderes als Sklaven seien.

So entmutigend die Rede von Colin auch ist, er stellt eine Beziehung zu seinem Publikum her und stellt dadurch auch unsere eigenen täglichen Entscheidungen in Frage.

Stefan Butler, Protagonist von Bandersnatch

Bandersnatch: Wir sind die Zukunft

Besonders interessant wird es, wenn sich Steffen darüber bewusst wird, dass jemand seine Handlungen kontrolliert, das heißt die Zuschauer auf Netflix. An dieser Stelle erfolgt der Bruch mit der vierten Wand. Stefan fragt uns, was los ist und wer ihn kontrolliert, und wir entscheiden natürlich über die Antwort.

Eine der Antwortoptionen, die zu sehen ist, lautet „Netflix“, was sehr interessant ist. Sobald sich Stefan über uns bewusst ist, wird er versuchen, uns nicht zu gehorchen. Genial wird es, wenn er seinem Psychologen sagt, dass jemand aus der Zukunft seine Handlungen durch Netflix kontrolliere.

Es ist interessant, weil es mit der traditionellen Dystopie bricht, wo die Zukunft erschreckend ist. Dieses Mal sind wir die Dystopie, die Stefan durchlebt. Wir sind die Zukunft.

Die Dystopie ist schon da, sie ist unsere Gegenwart. Wir haben bereits die schreckliche Zukunft erreicht, von der wir dachten, dass wir sie nie erreichen würden. Dieses Spiel mit dem Zuschauer ist nicht nur unterhaltsam, sondern auch ein wichtiger Diskurs und eine wichtige Reflexion. Wieder einmal nutzt Black Mirror unsere Gegenwart, um uns zum Nachdenken zu bringen.

Fernseher

Irgendwie erinnert uns diese Szene (vor allem, wenn Stefan sich fragt, was Netflix ist) sehr an Matrix, einen Film, in dem die Realität durch ein Programm simuliert wird, das uns daran zweifeln lässt, was „real“ ist.

Sie verweist uns auch auf das bereits erwähnte Werk „Nebel“, in dem Unamuno den Leser seine eigene Realität hinterfragen lässt. Nachdem wir Bandersnatch gesehen und verschiedene Enden ausprobiert haben, stellen sich uns unendlich viele Fragen.

Bandersnatch ist ein wirklich interessantes Experiment. Die Art und Weise des Konsums hat sich verändert und Black Mirror wollte die Vorteile des Experiments nutzen. Haben wir mit Bandersnatch gespielt oder hat der Film selbst mit uns gespielt? Gleichzeitig schlägt er uns eine neue narrative und kinematografische Form vor, eine neue Art, Zuschauer zu sein.

Kurz gesagt, obwohl Bandersnatch sicherlich kein Meisterwerk ist und eine Zwischenstufe zwischen Film und Videospiel darstellt, ist es eine unterhaltsame Erfahrung, die, wenn wir sie verstehen und genießen können, uns ein seltsames Gefühl bescheren wird.Wie auch Black Mirror wird Bandersnatch uns zum Nachdenken einladen.

„¿Was ist Netflix?“

Bandersnatch