Beziehungskiller: Rechthaberei und unflexible Überzeugungen

Rechthaberei, Engstirnigkeit und fehlendes Verständnis führen zur Entfremdung und verurteilen jede Beziehung zum Scheitern.
Beziehungskiller: Rechthaberei und unflexible Überzeugungen
Valeria Sabater

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Valeria Sabater.

Letzte Aktualisierung: 13. Dezember 2022

In unserer dualistisch ausgerichteten Gesellschaft scheint es nur Schwarz und Weiß zu geben: Entweder sind deine Überzeugungen richtig oder falsch – diese Einstellung pflegen zumindest viele. Allerdings führt diese eingeschränkte Denkweise, die sich durch Erklärungen wie “Das macht man halt so” oder “Das war schon immer so” zu rechtfertigen versucht, in einer Beziehung oft zu Konflikten. Wenn die eigenen Überzeugungen wichtiger als das Verständnis und das Vertrauen zum Partner sind, wird die Rechthaberei zum Beziehungskiller.

Rechthaberei bezieht sich auf das starre Festhalten an den eigenen Überzeugungen, der einzigen anerkannten “Wahrheit”. Wir haben es mit einem klassischen Beziehungskiller zu tun, der auf Unflexibilität, festgefahrene Verhaltensmuster und fehlendes Verständnis beruht. 

Der Umgang mit einem rechthaberischen Menschen ist nicht einfach, denn er lässt keine anderen Meinungen zu: Er weiß alles besser und akzeptiert keine Gegenargumente. Hinter dieser Einstellung verstecken sich vielfach unbefriedigte Bedürfnisse, ein starkes Ego, ein geringes Selbstwertgefühl oder Enttäuschungen.

Am glücklichsten sind Beziehungen, wenn jeder Partner so sein kann, wie er ist. Dies erfordert jedoch, andere Standpunkte und Überzeugungen zu akzeptieren und einfühlsam zu handeln. Offenheit und Flexibilität sind Tugenden, die es uns ermöglichen, uns selbst besser kennenzulernen, unsere Einstellungen zu überprüfen und persönlich zu wachsen. Respekt, Einfühlungsvermögen und Verständnis fördern eine gesunde Beziehung, während Rechthaberei, Engstirnigkeit und starre Standpunkte genau das Gegenteil erreichen.

Eine Beziehung ist viel mehr als ein gemeinsames Leben. Kommunikation, Respekt, Offenheit und Verständnis sind grundlegende Fähigkeiten, die eine tiefgehende, stabile und befriedigende Bindung zu einem anderen Menschen ermöglichen.

Paar hat auf Grund von Rechthaberei Konflikte
Gelegentliche Diskussionen und unterschiedliche Meinungen bedrohen die Beziehung im Normalfall nicht. Allerdings sind Rechthaberei und Engstirnigkeit typische Beziehungskiller. 

Rechthaberei und Engstirnigkeit in der Beziehung

Eine Studie der Universität von Tennessee hat gezeigt, dass sich auch glückliche Paare streiten und Meinungsverschiedenheiten haben. Bei Paaren mittleren Alters sind Diskussionen häufiger, wobei es oft um die Kindererziehung und finanzielle Fragen geht. Wenn jedoch Rechthaberei und Engstirnigkeit dominieren, zerfällt die Beziehung allmählich und die Partner distanzieren sich zunehmend.

In manchen Beziehungen geht das so weit, dass Intoleranz und Streit zu einer unüberbrückbaren Polarisierung führen, die tiefe emotionale Folgen mit sich bringt. Oft geht es um scheinbar oberflächliche Streitfragen wie Urlaub am Strand oder auf dem Bauernhof – die starren Standpunkte sind jedoch nur der Eisberg, der tiefe Differenzen und zunehmende Entfremdung offensichtlich macht.

John Gottman bezeichnet die Verachtung als einen der vier Reiter der Apokalypse. Sie führt zum Scheitern einer Beziehung und drückt sich unter anderem durch Rechthaberei und starre Positionen aus. Die gegenteiligen Meinungen entfremden das Paar immer mehr, denn es fehlt an Verständnis und Einfühlungsvermögen.

Fehlendes Verständnis führt zur Entfremdung. Es handelt sich um einen schleichenden Prozess, der die Beziehung zum Scheitern verurteilt.

Paar spricht über Rechthaberei
Einfühlungsvermögen und Verständnis sind in jeder Beziehung grundlegende Säulen.

Rechthaberei in der Beziehung: Was tun?

Die ständige Opposition und Kritik wirkt in einer Beziehung zermürbend. Wenn der Partner nur seinen eigenen Standpunkt zulässt und nicht einmal bereit ist, andere Positionen anzuhören, wird das Zusammenleben kompliziert. Doch was tun, wenn Rechthaberei und Engstirnigkeit die Beziehung zu zerstören drohen?

1. Was verbirgt sich hinter diesem Verhalten?

Versuche herauszufinden, was sich hinter der ständigen Rechthaberei versteckt und warum dein Partner kein Einfühlungsvermögen zeigt. War das bereits am Anfang der Beziehung so? Ist Wut oder Misstrauen der Auslöser für dieses Verhalten? Hat dein Partner emotionale Probleme, an denen er arbeiten muss? Liegen bestimmte Bedürfnisse zugrunde, die nicht erfüllt sind?

Professionelle Unterstützung ist sehr vorteilhaft, um die Ursachen für das rechthaberische Verhalten herauszufinden. Voraussetzung ist, dass dein Partner erkennt, dass die Beziehung so keine Zukunft hat, und bereit ist, etwas zu tun.

2. Einfühlungsvermögen entwickeln und lernen, Zugeständnisse zu machen

Um die Beziehung zu verbessern, müssen beide bereit sein, folgende Fähigkeiten zu entwickeln und sich dafür einzusetzen:

  • Aktives, einfühlsames Zuhören
  • Selbstbewusste und respektvolle Kommunikation
  • Zugeständnisse machen und Vereinbarungen treffen
  • Unterschiede respektieren und Gemeinsamkeiten fördern

Gegenteilige Meinungen sind bereichernd, sie stellen keine Bedrohung für die Beziehung dar, solange das Paar damit auf gesunde Weise umgeht. Respekt und Akzeptanz sind die Voraussetzung für eine stabile Beziehung, Rechthaberei und Engstirnigkeit sind jedoch keine guten Wegbegleiter.

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