Auch optimistische Menschen müssen weinen

· 20. März 2018

Sogar die optimistischsten, stärksten und fröhlichsten Menschen wissen, was es heißt, eine schwere Zeit durchzumachen. Auch wer andere mit seinem Lächeln, seiner Aufrichtigkeit und heiteren Art zum Strahlen bringt, muss sich ab und an Erleichterung verschaffen, weinen, Wunden heilen, die zerbrochenen Stücke seiner selbst wieder zusammenfügen und die Abgründe in seinem Inneren bezwingen. Nur so kann er seine Resilienz, seinen rationalen, objektiven und starken Optimismus aufrechterhalten, um jeglicher Schwierigkeit zu trotzen.

Wenn wir jetzt sagen, dass die Vorstellung, die wir im Allgemeinen von optimistischen Menschen haben, etwas voreingenommen sei, liegen wir damit höchstwahrscheinlich richtig. Wir alle kennen eine optimistische Person, die diese außergewöhnliche Fähigkeit besitzt, etwas Schwieriges einfach erscheinen zu lassen. Es handelt sich dabei um Menschen, die gute Laune, Hoffnung und Nähe schenken. Das sind Freunde oder Familienmitglieder, die immer aufmunternde Worte für uns haben und für die das Unglück und die Schwierigkeit des Lebens nicht zu existieren scheinen.

Optimistische Menschen haben immer einen Plan. Pessimistische Menschen haben Ausreden.

Wir denken von ihnen, dass sie mit einem Stern in ihrem Herzen geboren worden seien und dass sie all diese wunderbaren Fähigkeiten von Natur aus besäßen. Doch die Realität sieht ganz anders aus und ist ziemlich interessant. Es gibt zwei Arten von Optimismus:

  • Die erste nannte der Vater der positiven Psychologie Martin Seligman „blinder Optimismus“. Er bezog sich darauf, dass so mancher Mensch glaubt, dass alles gut ausgehen würde, ganz egal, was geschehe, was zu einem Verhalten führt, in dem er sich fast gänzlich der persönlichen Verantwortung entzieht und nur darauf vertraut, dass das Schicksal es gut mit ihm meinen wird.
  • Der Gegenpol dazu ist der „rationale Optimismus“, bei dem man sich bewusst ist, dass eine positive Haltung allein keine Veränderungen bringen wird. Derart optimistisch zu sein bedeutet in erster Linie, eine Perspektive zu haben, sich weder von einer Niederlage noch von Katastrophendenken unterkriegen zu lassen, von Umständen, die uns für gewöhnlich entmutigen.
Mann nur zur Hälfte zu sehen

Ebenso ist es wichtig, zu wissen, dass Optimismus eine Einstellungssache, eine Haltung ist, die wir einnehmen. Von Natur aus ist unser Gehirn sogar dazu geneigt, unsere Aufmerksamkeit auf mögliche Bedrohungen in unserer Umgebung zu richten, die unser Überleben gefährden könnten. Daher muss unser Optimismus täglich trainiert und an ihm gearbeitet werden, was unseren Charakter stärkt. Wir lernen so aus schwierigen Situationen und wissen schließlich, wie wir in schwierigen Zeiten mit unseren Gefühlen umgehen müssen. In Zeiten, denen sich jeder früher oder später stellen muss.

Wie man in schwierigen Zeiten optimistisch ist

Optimistische Menschen sind nicht zwangsläufig naiv. Es stimmt, dass viele von ihnen einen, wir könnten sagen, „leeren Optimismus“ leben, bei dem sie sich darauf beschränken, tief einzuatmen und auf das Schicksal zu vertrauen. Dabei beobachten sie stets still, was ihnen widerfährt. Andere Menschen übertragen diese positive Einstellung jedoch auf ihr Handeln und werden aktiv. Wir möchten das nicht ungesagt lassen, weil viele eine falsche Vorstellung davon haben, was Optimismus ist und bedeutet. Im zweiten Fall haben wir es mit einer so wertvollen psychologischen Dimension zu tun, dass sie es verdient, dass wir uns darum bemühen, mit ihr zu wachsen.

Die amerikanische psychologische Gesellschaft American Psychological Association  hat vor einigen Jahren eine Umfrage durchgeführt, um zu untersuchen, wie sich die aktuelle soziale und wirtschaftliche Krise auf die Bevölkerung auswirkt. Man stellte fest, dass die am stärksten betroffene Gruppe die der Frauen ist. Es sind jene Frauen, die am häufigsten psychologische Beschwerden haben, wie Stress, Angst, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Essstörungen etc.

In einer Welt, die sich in einer Krise befindet, konzentrieren sich Ungleichheiten, was Gehälter und Beschäftigungsmöglichkeiten anbelangt, auf das weibliche Geschlecht, was ein Problem ist, das von vielen Seiten aus angegangen werden muss.

Die American Psychological Association  wollte daneben herausfinden, welche Strategien Frauen anwandten, die eine schwierige Zeit gemeistert hatten, um sich mit der Zeit eine höhere Position oder Führungsposition zu erkämpfen. Ihre Antworten machen Mut.

Frau schaut zu Boden

 

Der resistente Optimismus

Als die befragten Frauen erklärten, wie vielen täglichen Hürden sie sich stellen müssten, erkannten die Psychologen, dass sie einen „resistenten Optimismus“ zeigten. Es sei nicht mehr der rationale Optimismus, von dem Seligman damals sprach. Es sei jetzt notwendig, einen Schritt weiterzugehen. Wir leben in einer Zeit, in der es erforderlich ist, neue psychologische Strategien zu integrieren, mit denen wir uns in diesen schwierigen Zeiten über Wasser halten können. Diese Strategien sehen wie folgt aus:

  • Unseren Vorstellungen, über die wir bereits nachgedacht haben und an die wir heute glauben, treu bleiben.
  • Negative Gefühle akzeptieren: Wir müssen unserem Inneren zuhören und mit der von ihm ausgehenden Energie auf intelligente Weise umgehen.
  • Wir müssen verstehen, dass es im Leben darum geht, verschiedene Erfahrungen zu machen, und viele davon werden weder positiv noch angenehm sein.
  • Schwierige Zeiten sollten wir als Herausforderungen ansehen, die wir anpacken und aus denen wir lernen müssen, um weitermachen zu können.
  • Wir müssen Beharrlichkeit mit Widerstandsfähigkeit, Motivation mit einem praktischen Sinn sowie Kreativität mit einer Möglichkeit vereinen.
  • Darüber hinaus sollten wir bedenken, dass viele von uns in einem von Pessimismus geprägten Umfeld leben. Wenn wir tatsächlich einen resistenten Optimismus entwickeln möchten, wird es manchmal notwendig sein, das Umfeld zu wechseln, den Einfluss pessimistischer Menschen auf uns zu reduzieren oder uns sogar von ihnen zu distanzieren.

Optimistische Menschen sind mutige Menschen

Wenn wir all diese Details analysieren, kommen wir zu mehr als nur einer Schlussfolgerung. Die erste ist, dass all diese Freunde oder Familienmitglieder, von denen wir denken, dass sie von Natur aus optimistisch seien, das vielleicht nicht immer waren. Eventuell mussten sie es erst lernen und müssen täglich dafür kämpfen, diese Haltung nicht zu verlieren, diese wichtige Lebenseinstellung, die wir so sehr mögen und hin und wieder als selbstverständlich erachten.

Wir dürfen ebenfalls nicht vergessen, dass auch der resistenteste Optimist seine schwachen Momente hat. Es ist in der Tat so, dass schon viele Menschen eine Depression erleiden mussten, weil sie sich selbst als überaus stark betrachteten, weil sie dachten, dass der Optimismus wie ein Schutzschild und der Lebensstil eines wahren Superhelden sei, eines Superhelden, der jedem Bedürfnis und jeder Verpflichtung nachkommen könne. Doch selbst der mutigste Mensch hat seinen Schwachpunkt, sein Kryptonit.

Deshalb sollten wir den Optimismus auf eine angemessenere Weise betrachten. Wir sollten verstehen, dass ein Optimist weder Hass noch Groll hegt, sich den Herausforderungen der Gegenwart stellt, das Dasein des Unglücks akzeptiert und weiß, dass man es bewältigen muss. Optimistische Personen umgeben sich mit guten Freunden, sind dankbar und können verzeihen, und vor allem machen sie Gebrauch von dieser mutigen und resistenten Einstellung, die wie ein Kaleidoskop ist, durch das eine verheißungsvolle Zukunft zu sehen ist.

Kleine rote Blume bahnt sich ihren Weg

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Nadia Chersakova