Atavistische Ängste: Definition und Merkmale

Die Liste der atavistischen Ängste ist nicht sehr lang, im Gegensatz zur Liste ihrer Ausprägungen. Ein erheblicher Teil der menschlichen Alltagsängste stammt von ererbten Ängsten unserer Vorfahren ab, welche dem Zweck dienen, uns vor Gefahren zu schützen.
Atavistische Ängste: Definition und Merkmale

Letzte Aktualisierung: 20. Mai 2021

Die meisten Menschen erleben atavistische Ängste. Tatsächlich sind sich die Menschen ihrer seit Anbeginn der Zeit ziemlich bewusst. Dies liegt daran, dass die menschliche Existenz von ihnen abhängt. Daher wurden atavistische Ängste von Generation zu Generation weitergegeben und sie bleiben unabhängig von individuellen Erfahrungen für immer bestehen.

Das Wort atavistisch stammt vom Lateinischen Wort atavus, was Großvater, Urahn bedeutet. Es weist also auf die angestammte oder archaische Vergangenheit dieser Ängste hin. Infolgedessen sind atavistische Ängste jene, die eine Spezies in einer weit zurückliegenden Vergangenheit erworben hat. Daher ist es auch sehr interessant, diese uralten Ängste zu erforschen, um nachvollziehen zu können, welche Mittel und Methoden der Mensch bis heute einsetzt, um sie zu bewältigen.

Angst ist im Prinzip eine adaptive Reaktion auf Risiko oder Gefahr. Es ist eine Warnung, die das interne Alarmsystem aktiviert, was eine erhöhte Wachsamkeit des Menschen zur Folge hat. Wie du siehst, spielen Ängste also eine wichtige Rolle bei der Erhaltung deines Lebens und deiner Integrität. Atavistische Ängste sind eine kollektive Anpassung an die schwerwiegendsten Bedrohungen.

“Hüte dich vor den Koboldmännern und den Waren, die sie verkaufen.”

-S. Jae-Jones, Wintersong-

Atavistische Ängste - Frau rennt im Wald und blickt hinter sich

Atavistische Ängste: Das sind die fünf häufigsten

Es gibt mehrere universelle Ängste, aber nur fünf von ihnen waren zu verschiedenen Zeiten in den verschiedenen Kulturen präsent. Das heißt, sie waren transversal über Zeit und Raum hinweg. In der Tat haben viele Institutionen sie benutzt, um sich entweder zu konsolidieren oder zu erhalten.

Die Angst davor, lebendig begraben zu werden oder die eigene Autonomie zu verlieren

Dies ist eine der häufigsten atavistischen Ängste und es geht nicht nur darum, lebendig begraben zu werden, sondern auch um jede Form des Eingesperrtseins, der Lähmung oder Einschränkung, welche bewusste Handlungen verhindert. Dies ist die schrecklichste atavistische Angst, denn hiermit ist das Bewusstsein der radikalen Machtlosigkeit im Angesicht einer tödlichen Bedrohung verbunden.

Atavistische Ängste: Die Angst davor, angegriffen zu werden, wenn man alleine ist

Egal wie individuell oder unabhängig ein Mensch sein mag, tief im Inneren ist jeder Mensch ein soziales Wesen und fühlt sich viel wohler, wenn er weiß, dass andere um ihn herum sind.

Der Mensch ist ein schwaches Säugetier, das es geschafft hat, in Gruppen zu überleben. Daher profitieren wir nach wie vor auch von den Gruppen, die nicht mehr da sind, und erschaffen neue Realitäten für zukünftige Generationen. Und aus diesem Grund empfindest du auch die atavistische Angst, angegriffen zu werden, wenn du dich beispielsweise alleine im Wald befindest.

Die Angst vor schlechten Gerüchen

Diese atavistische Angst manifestiert sich in erster Linie als Ablehnung. Unter normalen Bedingungen ist ein schlechter Geruch abstoßend, da er auf Zersetzung hindeutet und somit eine Gefahr für Gesundheit und Leben darstellt. Infolgedessen kann direkt nach der Wahrnehmung eines unbekannten schlechten Geruchs eine starke Angst auftreten. Wie bereits erwähnt, liegt das daran, dass der Mensch derartige Gerüche instinktiv mit Risiko und Aggression in Verbindung bringt.

Angst vor Verstümmelung oder Verlust der Einheit

Obwohl gemeinhin angenommen wird, dass dies keine häufig auftretende Angst ist, gehört sie dennoch zu den am häufigsten manifestierten atavistischen Ängste. Denn bei einer Verstümmelung geht es nicht nur um den physischen Verlust eines Körperteils, sondern auch um den Verlust seiner Funktion. Auch die Angst vor Krankheit gehört dazu. Sie stammt aus dem Bestreben, den eigenen Körper so zu erhalten, wie man ihn kennt.

Atavistische Ängste: Angst vor sexueller Gewalt

Diese Angst tritt sowohl bei Männern als auch bei Frauen auf. Während Frauen sexuelle Gewalt fürchten, weil sie wissen, dass dieses Verlangen bei vielen Männern verbreitet ist, fürchten Männer hingegen, dass die Frau, die sie lieben, Opfer eines sexuellen Übergriffs werden könnte. Obwohl dies in geringerem Ausmaß auftritt, fürchten einige Männer auch, selbst Opfer eines solchen Missbrauchs zu werden. Es handelt sich hierbei um eine der direktesten atavistischen Ängste.

Atavistische Ängste - Frau bei Dunkelheit auf einer Brücke

Das Gegenmittel gegen atavistische Ängste

Ein Großteil der Konfiguration von Gebäuden, Städten und sozialen und kulturellen Systemen beschwört absichtlich derartige atavistische Ängste herauf. Auch Religion und Wissenschaft sind eine Antwort auf universelle Ängste, denen niemand jemals entkommen kann.

Eine andere Möglichkeit, diese Ängste zu überwinden, besteht darin, nicht an sie zu denken und Situationen zu schaffen, die dich von diesem Gedanken so weit ablenken, dass dich derartige Ängste nicht berühren. Die moderne Gesellschaft hat sich offensichtlich für diesen Weg entschieden, da heutzutage das Universum an Ablenkungen und Unterhaltung immens ist.

Doch egal, wie sehr du auch versuchst, atavistische Ängste aus deinem Kopf zu verdrängen, werden diese Ängste dennoch immer existieren. Sie sind eine Erinnerung daran, wie neugierig und einfallsreich, aber auch zerbrechlich und zerstörerisch unsere Spezies sein kann. Dies sind nur einige der wichtigsten menschlichen Paradoxien.

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  • Padilla, I. (2013). El legado de los monstruos. Tratado sobre el miedo y lo terrible. Taurus.