Anna O. und der Beginn der Psychoanalyse

31. März 2018

Sigmund Freud war ein wissbegieriger Arzt, der von den Rätseln des menschlichen Geistes fasziniert war. Der Begründer der Psychoanalyse hat das, was wir über Vernunft und Wahnsinn zu wissen glaubten, wortwörtlich auf den Kopf gestellt. Freud war besonders an medizinischen Entwicklungen interessiert, die damals keine Erklärung hatten. Im berühmten Pitié-Salpêtrière-Krankenhaus in Paris gab es einige solcher Patienten, darunter Menschen mit körperlichen Behinderungen wie Blindheit und Lähmung, ohne dass diese eine erkennbare organische Ursache gehabt hätten. Einer der wichtigsten Fälle, die er in dieser Hinsicht studierte, war der der Patientin Anna O.

Viele Ärzte behandelten derartige Fälle mit Hypnose, darunter auch Freud, der in seiner eigenen Praxis die Anwendung der Hypnose erlernte. Er bemerkte zwar, dass es seinen Patienten nach der Behandlung besser ging, erkannt aber auch, dass die Symptome später wieder auftauchten. Oder die Patienten entwickelten andere Symptome. Er und sein Lehrer Josef Breuer schienen in eine Sackgasse geraten zu sein, bis sie auf Anna O. stießen.

Anna O., Breuer und Freud

„Die kathartische Behandlung der Hysterie, der Vorläufer der Psychoanalyse, war die gemeinsame Entdeckung eines wunderbaren Patienten und eines aufgeschlossenen Arztes.”

Sándor Ferenczi

Josef Breuer war Experte in Sachen Hysterie. Er war damals auch einer der bekanntesten Hypnosepraktiker. Freud lernte von ihm und bewunderte ihn zutiefst. Gemeinsam schrieben sie die ersten Zeilen der Geschichte der Psychoanalyse. Und Anna O. wurde zum entscheidenden Faktor für Neuerungen um das Verständnis des menschlichen Geistes.

Portrait von Anno O.

Damals galt Hysterie als weibliche Krankheit. Man glaubte, dass Frauen körperliche Probleme vortäuschten, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Breuer war jedoch überzeugt, dass sie nicht lügen, und Freud dachte dasselbe.

Anna O. war eine 21-jährige Österreicherin aus einer reichen Familie. Sie war intelligent und gebildet. Allerdings begann sie, sehr bizarre Symptome zu zeigen. Sie verfiel in eine Art Trance, die sie „Wolke”  nannte. Sie halluzinierte von Schlangen und Schädeln. Doch es wurde noch schlimmer: Sie vergaß manchmal ihre Muttersprache Deutsch und konnte nur noch Englisch oder Französisch sprechen, verlor ihre Stimme zeitweise und erlitt Lähmungen, die sie nicht mehr essen und trinken ließen.

Breuer begann, sie zu behandeln, als sie mit chronischem Husten vorstellig wurde. Sie hatte zu diesem Zeitpunkt auch Lähmungen im Gesicht, im Bereich von Armen und Beinen. Ihr Vater litt an Tuberkulose und sie war diejenige, die sich während seiner Krankheit um ihn kümmerte. Aber jetzt war sie selbst krank.

Anna O. und die heilende Kraft der Worte

Breuer hat sie daraufhin hypnotisiert, aber sie ihm nur zusammenhangslose Dinge erzählt. Als er sie das zweite Mal hypnotisierte, fragte er sie, ob sie etwas störe. Sie antwortete mit folgendem Satz: „Ajamáis acht nobody bella mió please lieboehn nuit.”  Es war verrückt, ein Satz aus Worten in fünf verschiedenen Sprachen. Breuer beschloss, Anna O. fortan nur noch ohne Hypnose zu behandeln.

Josef Breuer als Psychologe

Er änderte ihre Behandlung und nutzte von nun an das Zuhören als wichtigstes Instrument zur Diagnosefindung. Er ermutigte sie, zu reden und einfach alles zu sagen, was ihr in den Sinn kam. Ihre Symptome begannen, sich zu bessern, und dies legte den Grundstein für das, was später als freie Assoziation der psychoanalytischen Therapie bezeichnet werden sollte.

Sie nannte diesen Prozess „Schornsteinfegen”  oder „gesprochene Heilung”.  Die Psychoanalyse würde diese später in ihren Beschreibungen aufnehmen. Breuer seinerseits nannte das Verfahren die „kathartische Methode”.

Heilung von Anna O. und Beginn der Psychoanalyse

Die Behandlung von Anna O. beinhaltete viele Höhen und Tiefen. Sie verliebte sich in Breuer und entwickelte eine starke Abhängigkeit von ihm. Er fühlte sich ebenfalls zu ihr hingezogen, aber weil er verheiratet war, beschloss er, die Behandlung zu beenden. Eine Weile später entdeckte Freud das Phänomen der Übertragung in diesen Ereignissen und das sexuelle Verlangen, das hinter der Hysterie steckt.

Sigmund Freud beliest sich

 

Anna O. wurde zweimal ins Krankenhaus eingeliefert und erlitt einige Rückfälle. Es kam jedoch der Zeitpunkt, an dem sie alle ihre Symptome unter Kontrolle hatte. Sie wurde zur Aktivistin für Frauen- und Kinderrechte und eine relativ bedeutende Schriftstellerin und Übersetzerin. Ihr Leben begann, dem zu folgen, was man einen normalen Weg nennen könnte.

Elf Jahre später veröffentlichten Breuer und Freud ein Buch mit dem Titel Studien über Hysterie,  das die Psychoanalyse als differenzierten Ansatz beschreibt. Der Fall von Anna O. ist der anschaulichste im Text. Viele würden sagen, dass Hysterie und Anna O. die wahren Begründer der Psychoanalyse gewesen seien.