Ankereffekt: Theorien und Faktoren

2. September 2019

Der Sportler Francis Tarkenton sagte einmal: „Wir können nur lernen, wenn wir uns verschiedenen Informationsquellen öffnen.“  Kann der Ankereffekt als eine kognitive Verzerrung jedoch dazu beitragen, die bei uns das genaue Gegenteil bewirkt? Nämlich, dass wir uns neuen Informationen verschließen?

Sind wir völlig frei, wenn wir Entscheidungen aufgrund der uns vorliegenden Informationen treffen? Tatsächlich gibt es viele Faktoren, die unsere Entscheidungsfindung beeinflussen. Einer dieser Faktoren ist der Ankereffekt, den wir hier ausführlich besprechen wollen.

Was ist der Ankereffekt?

Kommt uns das nicht bekannt vor? Die erste Information, die wir über etwas erhalten haben, bleibt für uns auch die Wichtigste? Wie wir bestimmte Nachrichten wahrnehmen, hängt davon ab, wie wir vorab Informationen erhalten und verstanden haben. Dies hat unter Umständen enorme Konsequenzen, und zwar einen uns nicht bewussten Einfluss auf unsere Entscheidungsfindung.

Der Ankereffekt wird im Englischen auch focalism genannt. Das bedeutet so viel wie „Fokusierung“ und bezeichnet ein psychologisches Phänomen: Bei diesem Phänomen wird nur die zuerst eingehende Information als relevant bewertet, um eine Entscheidung zu treffen. Denn diese erste Information ist die Information, an die wir uns später am besten erinnern. Deshalb kann sie spätere Entscheidungen wesentlich beeinträchtigen.

Daher können wir auch davon sprechen, dass diese erste Information sich in unserem Gedächtnis verankert. Dies bedeutet nicht, dass wir weitere Informationen nicht verstehen oder interpretieren könnten. Es ist jedoch so, dass der erste Eindruck, den wir uns machen, uns länger im Gedächtnis bleibt und sich so von neueren abhebt.

Eine Person sitzt auf einer Couch und liest ein Buch.

So wird klar, dass dieser Ankereffekt während der Entscheidungsfindung eine große Bedeutung hat. Dies liegt daran, dass die erste Information, die wir aufnehmen, zum Zeitpunkt der Entscheidung unbewusst stärker gewichtet wird. Es ist außerdem wahrscheinlich, dass neuere Eindrücke sowie Assoziationen zum Thema auf dieser ersten Information basierend verarbeitet werden.

Der Ursprung des Ankereffekts

Werfen wir einen Blick auf die verschiedenen Hypothesen, die sich darauf beziehen, wie der Ankereffekt unsere Entscheidungen und Meinungsbildung beeinflussen kann. Und tatsächlich, dieser Effekt beeinflusst alle Bereiche unseres Lebens.

Nehmen wir zum Beispiel folgende Situation: Wir stellen uns vor, wir ziehen in eine neue Wohnung ein. Bevor wir uns für diese entschieden haben, haben wir natürliche mehrere Wohnungen miteinander verglichen. Die erste Wohnung, die wir während unserer Suche besichtigt hatten, diente dabei als Bezugspunkt für alle anderen Wohnungen. Als der Bezugspunkt, von dem aus wir letztendlich unsere Entscheidung getroffen haben. Vielleicht hatten wir zu Beginn eine andere Vorstellung davon, wie sich die Wohnungssuche gestalten würde, was uns im neuen Zuhause besonders wichtig wäre. Es besteht jedoch kein Zweifel, dass dieser Bezugspunkt die Art und Weise, wie wir unsere Umwelt während der folgenden Besichtigungen wahrnehmen, stark beeinflusst.

Es gibt natürlich Ausnahmen. Die zweite Wohnung mag zum Bezugspunkt werden, wenn wir später feststellen, dass die erste Wohnung völlig außerhalb unserer Preisvorstellungen liegt oder etwas anderes mit dieser Wohnung nicht stimmt.

Verankerung und Anpassung

Menschen versuchen normalerweise, sich von ihrem Anker zu entfernen, um eine Entscheidung zu treffen. Dies gelingt aber häufig nicht, da es mental große Anstrengung erfordert. Deshalb wird bei der endgültigen Entscheidung die Ankerinformation trotz allem verwendet.

Selektive Zugänglichkeit

Wenn Menschen Informationen verankern, bewerten sie diese und wägen ab, welche Reaktion passend wäre. Erweist sich die Reaktion als unangepasst, wird nachträglich neu bewertet. Sie stützen sich jedoch weiterhin bei allen Entscheidungen auf den verankerte Eindruck.

Die Einstellung ändern

Beim Empfang des Ankers ändert die Person ihre Einstellung, um sich dem neuen Eindruck anzupassen, den sie soeben erfahren hat. Und zukünftige Antworten beziehen sich dann auf diesen Anker und die mit ihm verbundene Haltung. Zum Beispiel kann es sein, dass uns ausgehend vom Anker das, was uns einst billig erschien, nun teuer erscheint oder umgekehrt. Denken wir darüber nach, was wir heute für ein Handy bezahlen. Hätten wir vor 20 Jahren nicht gesagt, dass diese Preise verrückt seien?

„Ein wahres Genie hat die Fähigkeit, ungewisse, gefährliche und widersprüchliche Informationen auszuwerten.“

Winston ChurchillEine Frau sitzt am Schreibtisch und telefoniert gerade, während sie auf einen Laptopscreen schaut.

Einflussfaktoren

Es gibt Faktoren, die dazu beitragen, den Einfluss des Ankers in Bezug auf seine Intensität und Auswirkung zu ändern:

  • Stimmung. Der Anker kann unsere Stimmung positiv oder negativ beeinflussen. Depressive Menschen sind zum Beispiel bei der Anpassung an Eindrücke tendenziell präziser. Andere Studien zeigen zudem, dass sie zur Passivität neigen.
  • Erfahrung. Eine Person mit einem hohen Maß an Wissen und Erfahrung ist für dieses Phänomen weniger anfällig. Niemand ist jedoch völlig frei von seiner Wirkung.
  • Persönlichkeit. Forschungsergebnissen zufolge wirkt sich dieser Effekt bei extrovertierten Menschen weniger aus als bei introvertierten Menschen.
  • Kognitive Fähigkeit. Je besser entwickelt unsere kognitiven Fähigkeiten sind, desto weniger wird sich der Effekt auf uns auswirken. Aber, wie wir schon zuvor geschrieben haben, kann sich niemand gänzlich von ihm befreien.

„Wenn wir Informationen kontrollieren können, dann können wir auch Menschen kontrollieren.“

Tom Clancy

Hoffentlich konntest du mithilfe dieses Artikels etwas über den Ankereffekt lernen. Glaubst du, dass der Effekt großen Einfluss auf dich habe? Wir wissen, dass niemand davon frei ist, aber der Effekt kann sich auf jeden Menschen anders auswirken. Sobald du dir des Phänomens bewusst wirst und das Wissen um seine Wirkung reflektierst, wird es ein bisschen einfacher, zu regulieren, wie sehr der Ankereffekt dich und deine Entscheidungen beeinflusst.