Alternativweltgeschichten – die Möglichkeit, die Vergangenheit zu ändern

2. Januar 2019

„1933 wird US-Präsident Roosevelt ermordet und die USA erholen sich nicht von der Weltwirtschaftskrise. Die Vereinigten Staaten verfolgen nun eine Strategie der Isolation und intervenieren nicht im Zweiten Weltkrieg. Ohne die Intervention der Vereinigten Staaten haben das nationalsozialistische Deutschland und Japan den Kampf bereits gewonnen. Die Siegerstaaten teilen die Welt unter sich auf.“  Diese Worte, die die Geschichte zu verdrehen scheinen, entstammen einer Alternativweltgeschichte.

Alternativweltgeschichten, manchmal auch Uchronien genannt, gehören zum Science-Fiction-Genre, so wie Utopien und Dystopien. Während Utopien uns eine perfekte Zukunft zeigen, konzentrieren sich Dystopien auf das Gegenteil und stellen eine unvollkommene Welt dar. Alternativweltgeschichten entwerfen, ganz wie der Name schon sagt, eine alternative Geschichte. In ihnen wird von dem bekannten Verlauf der historischen Realität abgewichen. Das tat auch Phillip K. Dick in seinem Buch Das Orakel vom Berge,  das als Vorlage für die Fernsehserie The Man In The High Castle  genutzt wurde.

Alternativweltgeschichten des Zweiten Weltkriegs

Dicks Buch handelt davon, wie Nazi-Deutschland und Japan die USA erobern. Innerhalb der fiktiven Welt, die Dick entwirft, gibt es noch eine Uchronie. Hawthorne Abdensen, eine Figur aus dem Text, schreibt ein Buch mit dem Titel Die Plage der Heuschrecke,  in dem er eine andere Zukunft präsentiert. Der Plot dieses Buches folgt einer Geschichte, die der historischen Realität näher liegt. Hier überlebt Roosevelt zwar den Attentatsversuch, wird jedoch nicht als Präsident wiedergewählt. Die Engländer führen zusammen mit den Italienern, die Deutschland verraten, eine Kampagne in Europa.

Nach dem Krieg baut England sein von Winston Churchill geführtes Reich wieder auf. In diesem Moment steigt die Spannung – genau wie im Kalten Krieg – zwischen den Vereinigten Staaten und England. Am Ende besiegt England die Vereinigten Staaten wirtschaftlich und etabliert sich als einzige Supermacht auf der Welt.

Vorteile von Alternativweltgeschichten

Es mag sein, dass Uchronien nur Versuche sind, eine vergangene Realität zu ändern. Aber sie dienen auch dazu, unsere Vorstellungskraft anzuregen und die Zukunft vorherzusagen. Das Vorstellen von Alternativen ist eine Übung, die das laterale Denken fördert. Die Realität hinter sich zu lassen und sich verschiedene Welten vorzustellen, hilft zudem beim Lösen von gegenwärtigen Problemen.

Uchronien sind Geschichten, die nur den Ideen ihres Autoren entsprechen. Trotzdem müssen sie in sich einen Sinn ergeben. Es reicht nicht aus, eine kohärente Uchronie zu schaffen und dabei ein Ereignis aus der Vergangenheit zu ändern. Es ist auch notwendig, die reale und die alternative Vergangenheit zu verstehen. Denn wenn wir Änderungen vornehmen, müssen wir auch wissen, wie sich diese auswirken können.

Wenn wir uns die Geschichte noch einmal ansehen, verstehen wir, dass Roosevelts Entscheidungen der Grund waren, warum die  Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg eingriffen. Das heißt, das Nicht-Eingreifen der USA ist eine logische Konsequenz von Roosevelts Tod. Die Logik von Ursache und Wirkung muss in einer guten Uchronie berücksichtigt werden, um den Leser zu überzeugen.

Ein Mann geht eine scheinbar unendliche Wendeltreppe hinab.

Die Perspektive von Alternativweltgeschichten

Wie wir gesehen haben, dienen Uchronien dazu, unseren Geist und unsere Vorstellungskraft anzuregen. Wenn wir die Vergangenheit aus einer anderen Perspektive betrachten, obwohl historisch nicht korrekt, können wir die Auswirkungen des Zufalls verstehen. Denn eine kleine Änderung kann große Konsequenzen haben, wie es der Schmetterlingseffekt beschreibt: Etwas so scheinbar Unbedeutendes wie das Flattern eines Schmetterlingsflügels kann letztendlich einen Taifun auf der anderen Seite der Welt verursachen.

Wir verstehen durch das Durchspielen alternativer Szenarios, dass der Zufall in der Geschichte eine sehr wichtige Rolle spielt. Aus dem gleichen Grund liegt die Zukunft nicht immer in unseren Händen: Es ist unmöglich, sie zu kontrollieren, obwohl wir versuchen können, die Zukunft unserem Willen anzupassen. Wenn wir verstehen, welche Ursachen Ereignisse haben, dann können wir diese provozieren, um die Geschichte nach unseren Wünschen zu lenken.

Kurz gesagt, Uchronien sind logische Rekonstruktionen eines Ereignisses, das nicht stattgefunden hat. Es hätte aber stattfinden können. Es sind Erzählungen nicht existierender Realitäten. Es sind Alternativen, die die Frage beantworten sollen, was passiert wäre, wenn …? Das ist eine interessante Frage, die wir auch zur Untersuchung unseres Lebens nutzen können. So können wir erneut über die Vergangenheit nachdenken und lernen, wie die Gegenwart funktioniert.