Der Fänger im Roggen: ein verfluchtes Buch

· 5. November 2018

Der Fänger im Roggen  ist eines der bekanntesten US-amerikanischen Bücher des 20. Jahrhunderts. Dem Schriftsteller J. D. Salinger ist es gelungen, in diesem Roman die Essenz der Pubertät zu erfassen. Er war umstritten, als er 1951 erstmals veröffentlicht wurde. Aber obwohl die Rezensionen anfangs hart waren, wurde er von der Öffentlichkeit doch stets für seine Leistung bewundert.

Im Laufe der Zeit wurde Der Fänger im Roggen  zu jenem literarischen Werk, das die Pubertät nach Meinung der Leser am besten darstellt. Seine direkte und vulgäre Sprache spiegelt immer noch die Realität wider, trotz der Veränderungen, die die Gesellschaft durchgemacht hat, trotz der technologischen Fortschritte und der offensichtlichen Unterschiede zwischen den Teenagern der 1950er Jahre und denen von heute. Nach wie vor haben es Jugendliche schwer, sich an das System anzupassen, vor allem jene, die die Phase zwischen Kindheit und Jugend als eine Zeit des Überlebens, der Rebellion und der inneren Kämpfe erleben.

Die Handlung ist recht einfach. Es geht um einen jungen Mann namens Holden Caulfield, der seine Erfahrungen in der ersten Person erzählt. Er ist ein schlechter Schüler, wurde verschiedener Schulen verwiesen und seine Situation scheint nicht besser zu werden, als man ihm mitteilt, dass er auch seine aktuelle Schule verlassen müsse. Holden beschließt, seine Eltern nicht zu informieren, weil er sie nicht sehen will. Stattdessen geht er mitten in der Nacht nach New York und kommt dort in einem mittelmäßigen Hotel unter. Dort beginnen seine Abenteuer.

Der Fänger im Roggen  erzählt von Holdens Reise. Er ist ein Teenager, der mit der Welt unzufrieden ist und alles und jeden zu hassen scheint. Dieser Roman ist in die Geschichte eingegangen als der Favorit von Psychopathen, Außenseitern, Menschen mit mentalen Problemen, normalen Teenagern und Erwachsenen. Warum ist er so erfolgreich? Warum ist er so umstritten?

„Ich kann nicht erklären, was ich meine. Und selbst wenn ich es könnte, bin ich mir nicht sicher, ob mir danach wäre.“

Der Fänger im Roggen

Der Fänger im Roggen  – ein Spiegel der Pubertät

Viele Menschen erkennen sich in Holden wieder; Erwachsene können sich jedoch weniger gut mit ihm identifizieren wie Jugendliche. Wie hat Salinger das geschafft? Sein Rezept war es, einen leicht erkennbaren und nachempfindbaren Charakter zu zeichnen, der rebellisch ist und mit Misanthropie spielt.

Für viele Menschen ist die Pubertät nur der Übergang zum Erwachsensein, sonst nichts. Eine irrelevante Lebensphase, in der wir uns auf die Schule und die Zukunft konzentrieren und neue Herausforderungen und Verantwortlichkeiten annehmen müssen.

Für andere ist die Pubertät jedoch viel komplexer und obskurer. Druck, persönliche und akademische Verantwortungen können starke Hindernisse auf dem Weg ins Erwachsenenalter sein. Zu lernen, die Welt zu verstehen und sich zu den eigenen Handlungen zu bekennen, könnte diesen Weg erschweren. Drogen, Alkohol, Sex und gewagte Experimente sind Teil der Pubertät.

Der Fänger im Roggen

Während dieser Zeit widmen wir uns der Musik, den Filmen und den Medien. Wir suchen nach Dingen, mit denen wir uns identifizieren können; wir wollen mehr über uns selbst erfahren und uns einfach nur fühlen, als ob wir in diese Welt gehören. Holden aber hasst alles, was mit dem Leben zu tun hat. Er hasst seine Mitmenschen, seine Schule, die Gesellschaft, das System und die Welt. Die einzigen Personen, die ihm wichtig sind, sind seine Geschwister. Ihm scheinen nicht einmal seine Eltern etwas zu bedeuten.

„Ich sage ‚Schön, dich getroffen zu haben‘ meist zu Leuten, bei denen ich nicht froh bin, dass ich sie getroffen habe. Wenn du am Leben bleiben willst, musst du aber solche Sachen sagen.“

Der Fänger im Roggen

Zwei der auffälligsten Aspekte dieses Romans sind die Tatsachen, dass er in der ersten Person erzählt wird und dass er ein sehr jugendliches Vokabular verwendet. Holden verwendet Slang und populäre, derbe Sprüche. Er nutzt eine unangemessene Sprache, wenn er über historische Ereignisse spricht. Damit ist seine Sprache realistisch, gar gewöhnlich. Sie passt zu Holdens physischem Erscheinungsbild: Beim Lesen können wir Anspielungen auf zerbissene Nägel und Akne sehen, die typisch für die Pubertät sind.

Eine weitere Auffälligkeit dieses Romans ist der Mangel an Aktion. Ja, Holden flieht und hat danach eine schwere Zeit, aber es passiert nichts allzu Verrücktes. Die Statik dominiert die Dynamik, genau wie die Pubertät. Holden beschränkt sich einfach darauf, seine Gedanken wiederzugeben und alles zu kritisieren, was ihm einfällt. Er denkt an sich selbst; daran, was er mag und was nicht, und wie unbequem die Welt ist. Der Fänger im Roggen  berührt den Übergang von der Kindheit zur Jugend und die damit verbundenen Schwierigkeiten.

Mann hält die englischsprachige Version des Buches in der Hand

Holden beschreibt sich selbst als „der Fänger im Roggen“,  denn das ist es, was er sein will. Er will sich um die Kinder kümmern, die allein auf den Abgrund zulaufen. Holden will sie vor dem Sturz bewahren, der das Ende ihrer Kindheit und den Beginn einer Zeit impliziert, in der sie sich der Realität bewusst sein müssen – ob sie wollen oder nicht.

Die Geständnisse einiger Krimineller

Wie kommt es, dass ein Buch, das die Pubertät widerspiegelt, der Favorit so vieler Krimineller ist? Vielleicht können die Gefühle, die in dem Buch dargestellt werden, so wie Holdens Misanthropie und sein Gefühl, nirgendwohin zu gehören, einige der Gründe sein, warum einige Kriminelle diesen Roman als eine Art Bibel verstehen.

Die Liste der Verbrechen, die im Schatten von Der Fänger im Roggen  begangen wurden, ist ziemlich lang. Die meisten von ihnen sind in Vergessenheit geraten, weil es sich um kleinere Verbrechen oder Verbrechen an anonymen Personen handelte. Das bei Weitem bekannteste Verbrechen ist jedoch der Mord an John Lennon.

John Lennon

Es ist leicht für uns, uns in bestimmten Momenten unseres Lebens mit Holden verbunden zu fühlen. Wir können uns in ihm wiederfinden. Die Art und Weise, wie er denkt und wie er fühlt, mag der entsprechen, wie wir manchmal fühlen. Das kann uns helfen, uns in solchen Zeiten nicht allein zu fühlen.

Nun, John Lennon wurde von Mark David Chapman ermordet, einem Bewunderer des Musikers, der Lennon als eines der Kinder sah, die auf den Abgrund zuliefen, wie es Holden beschrieb. Chapman glaubte, dass er ihn durch ein Attentat vor den Unruhen der Welt bewahren und seiner Unschuld das Überleben ermöglichen würde. Nachdem er den Mord begangen hatte, las Chapman Der Fänger im Roggen,  bis die Polizei kam. In das Buch hatte er „Mein Geständnis“ geschrieben und als Holden Caulfield unterzeichnet.

Robert John Bardo und John Hinkley sind weitere Namen, die mitschwingen, wenn von diesem Roman die Rede ist. Bardo ermordete die junge Schauspielerin Rebecca Schaeffer, und Hinkley versuchte, Ronald Reagan zu töten. Beide trugen dabei ein Exemplar von Der Fänger im Roggen  mit sich.

Dieser Roman stellt aufgrund seiner Popularität und der Dunkelheit, die ihn umgibt, ein großes Vermächtnis dar. Von urbanen Legenden bis hin zu Musik, die von diesem „verfluchten“ Buch inspiriert wurde, hat er vielerorts seine Spuren hinterlassen. Er ist ein Muss für Jugendliche, direkt und offen.

„Was mich wirklich umhaut, sind Bücher, bei denen man sich nach dem Lesen wünscht, dass der Autor, der sie geschrieben hat, ein sehr guter Freund von einem gewesen wäre und man ihn anrufen könnte, wann immer man Lust dazu hat. Das passiert aber nicht oft.“

Der Fänger im Roggen