Alles über Geophagie

· 6. Februar 2019

Geophagie bezeichnet die Sitte, bestimmte Erdsorten zu essen. Wenn Menschen Erde zu sich nehmen, tun sie dies normalerweise in kleinen Stückchen oder in Pulverform. Es gibt Hinweise darauf, dass in einigen Ländern seit dem 10. Jahrhundert Erde konsumiert wird – und der Brauch mag sogar noch viel älter sein. Im 17. Jahrhundert wurde Erdessen sogar unter spanischen Hofdamen populär.

Die Historikerin Natacha Seseña ist auf das Gebiet der Töpferei spezialisiert. Sie weist darauf hin, dass die Gewohnheit der Geophagie von den Morisken nach Spanien gebracht wurde. Damals kochte man den Schlamm, der eine intensive rote Farbe hatte, und formten ihn zu kleinen Gefäße oder Vasen. Dann füllten die Hofdamen diese Vasen mit parfümiertem Wasser und tranken dies. Diese „Delikatessen“ wurden auch aus anderen Ländern wie Portugal oder Mexiko importiert.

Seit der Antike ist Erdessen zudem als eine medizinische Praxis bekannt. Die Einnahme von Erde oder Lehm ist jedoch für viele Menschen etwas Besonderes, ohne dass sie dazu krank sein müssten.

Dokumentation von Geophagie

In der Literatur gibt es viele Hinweise auf das Erdessen:

  • „Blasses Mädchen. Sie ist entweder verliebt oder isst Schlamm.“ – Luis de Góngora.
  • „Was hast du in dieser Tasche? – Einige Vasenstücke, die meine Frau isst. Sie können sie auch essen, sie enthalten Bernstein.“ – aus dem Theaterstück La Dorotea von Lope de Vega.
  • „Für Amarili, der einige Vasenstücke im Mund hatte und sie gerade essen wollte.“ – Francisco de Quevedo.
Mehrere Tonschalen mit unterschiedlichen Erdsorten und Lehm

Gibt es einen Grund, Lehm zu essen?

Im Goldenen Zeitalter Spaniens verlangte das Schönheitsideal, dass Frauen einen blassen Teint hatten. Ziel war es, fast kränklich blass auszusehen. Manche Frauen nahmen deswegen gekochten Ton zu sich, das verursachte eine Chlorose. Diese Krankheit, auch als Bleichsucht bekannt, reduzierte die Anzahl der roten Blutkörperchen im Blut und führt dazu, dass der Teint der Frauen blasser wurde.

Außerdem verwendeten Frauen Schlamm tatsächlich als Verhütungsmethode, weil er den Menstruationsfluss beeinflusste. Die halluzinogenen und narkotischen Wirkungen der verschiedenen Bestandteile des Schlamms führten jedoch bei einigen Frauen auch zu einer Abhängigkeit. Dies machte es sehr schwierig für die Betroffenen, den Schlamm nicht länger zu sich zunehmen.

Existiert Geophagie im 21. Jahrhundert?

Obwohl Geophagie im Mittelalter am meisten verbreitet war, gibt es heute noch Menschen, die zum Beispiel Ton- und Heilerde zu sich nehmen. Kieselerde wird manchmal auch noch als Nahrungsergänzungsmittel eingenommen. Wenn Menschen Ton äußerlich verwenden, dann meistens in Form von Umschlägen.

Heutzutage können wir saubere pulverisierte Ton- bzw. Heilerde, befreit von allen Verunreinigungen und Sand, käuflich erwerben. Dies ist notwendig, denn wenn Erde und Ton nicht zum Verzehr aufbereitet werden, können sie toxische Elemente wie Blei oder Arsen enthalten, die für unsere Gesundheit sehr schädlich sind. 

Eine kleine Schale mit Erde

Die Tonerde-Debatte

Es gibt viele verschiedene Meinungen zum Thema Tonerde. Einige Experten sind positiv eingestellt, während andere Spezialisten dem Tonerdekonsum kritisch gegenüber stehen:

  • Manche Psychologen klassifizieren den Tonerdekonsum als eine „süchtig machende Essstörung“, bei der ein unwiderstehlicher Wunsch besteht, nicht nahrhafte Substanzen zu sich zu nehmen.
  • Ärzte warnen vor den Gefahren des Tonerdekonsums und bezeichnen es als „Modeerscheinung“ ohne wissenschaftlich nachgewiesene Wirkung. Tatsächlich wird in einigen tropischen und afrikanischen Länder aufgrund des Mangels an Mineralien in der Ernährung üblicherweise Ton konsumiert. Ärzte weisen dennoch darauf hin, dass der Konsum von Ton unseren Körper irreversibel schädigen kann.
  • Mehrere Schauspieler, Blogger und andere Prominente haben über ihre „Leidenschaft“ des Tonerdekonsums berichtet. Diese Leute sprechen über die Vorteile des Konsums von Tonerde und über seine unglaublichen therapeutischen Eigenschaften. Sie behaupten zum Beispiel, dass Tonerde helfe, den Körper zu entgiften. Sie sagen auch, dass es ihnen mit Tonerde leichter falle, Gewicht zu verlieren und Krankheiten zu bekämpfen.

Es gibt also unterschiedliche Meinungen zu diesem Thema. Ist der Konsum von Tonerde schädlich oder bringt er Vorurteile? Ist er gesund oder kann er zu einer Sucht werden? Oder ist er nur ein Trend, den Leute nur für „Likes“ und Ruhm propagieren? Wenn du, lieber Leser, an diesem neuen Trend interessiert bist, solltest du zunächst mit deinem Arzt über den Konsum von Tonerde sprechen, um gesundheitlichen Problemen vorzubeugen.