Alejandra Pizarnik, Biografie der letzten verfluchten Schriftstellerin

Für Alejandra Pizarnik war das Schreiben ein Weg, um ihren Schmerz zu verkraften, ihre Wunden zu heilen, Sehnsüchte zu wecken...
Alejandra Pizarnik, Biografie der letzten verfluchten Schriftstellerin

Geschrieben von Valeria Sabater

Letzte Aktualisierung: 20. Dezember 2021

Über Alejandra Pizarnik wurde gesagt, dass sie mit der Dunkelheit in ihrer Seele geboren wurde. Ihre Aufmüpfigkeit, ihre Tragik und ihre Leidenschaft wurden von ihrer eigenen Dunkelheit genährt, um eine einzigartige und unwiederholbare Poesie zu weben. Sie navigierte wie keine andere zwischen Wahnsinn und Traum und hinterließ uns ein außergewöhnliches Werk.

Die Argentinierin Alejandra Pizarnik fühlte sich in dieser Welt wie eine Fremde. Sie sprach Spanisch mit einem europäischen Akzent. Sie wurde von ihren Komplexen und ihrer Gewichtszunahme aufgefressen. Ihre Kindheit war geprägt von Enttäuschung, Ängsten und Leere… (der Himmel hat die Farbe der toten Kindheit, schrieb sie einmal). Diese Schriftstellerin hat vieles ausprobiert: Journalismus, Philosophie, Malerei…, aber nur Poesie und Amphetamine verschafften ihren nervösen Gedanken Erleichterung.

Alejandra Pizarnik hinterließ auch in Paris ihre Spuren, ihr Geist und ihr Herz waren mit der letzten Stufe des Surrealismus durchtränkt. Sie befreundete sich mit André Breton, Georges Bataille und Yves Bonnefoy an. Eine Schlüsselrolle in ihrem Leben spielte allerdings der Nobelpreisträger Octavio Paz.

Niemand erforschte das Leiden und den Wahnsinn so wie sie. Alejandra Pizarnik war eine gespaltene Frau, die behauptete, tote Zwillinge in sich zu tragen: die Alejandra der Vergangenheit und die Alejandra der Gegenwart, die sie nie zu sein wagte. Sie nahm sich 1972 im Alter von 36 Jahren das Leben. Es war jedoch ein absehbares Ende, denn sie verbrachte ihr ganzes Leben auf Zehenspitzen in einem Abgrund, in den sie mehrmals hineinblickte. Bis sie am Ende die Befreiung für ihre Qualen, für ihre Obskuritäten fand.

Heute ist Alejandra Pizarnik immer noch als Amerikas letzte verfluchte Dichterin bekannt. Wer sie liest, taucht in die Romantik, den Surrealismus und auch in die Psychoanalyse ein. Ein einzigartiges Universum, das niemanden gleichgültig lässt.

“Ich kenne nicht die Vögel, ich kenne die Geschichte des Feuers nicht, aber ich glaube, meine Einsamkeit sollte Flügel haben.”

A. Pizarnik

Alejandra Pizarnik

Alejandra Pizarnik, ein Leben voller Genie und Dunkelheit

In Avellaneda, einem Vorort von Buenos Aires, geboren zu werden, war für Alejandra Pizarnik wahrscheinlich nicht einfach. Ihre Familie war russisch-jüdischer Herkunft und trug ständig den Schmerz mit sich, ihr Herkunftsland verlassen zu haben, die Spuren des Holocausts, des Schreckens und der persönlichen Verluste während des Krieges.

Dieser Schatten muss sie schon früh geprägt haben. Eine ererbte Wunde, die durch einen Körperbau, den sie nicht akzeptierte, durch die Ablehnung einer Mutter, die ihre Schwester mehr schätzte, noch verschlimmert wurde. Außerdem litt sie an Asthma und das Stottern erschwerte einen Großteil ihrer Kindheit. All das bedeutete, dass sie sich schon sehr früh als anders wahrnahm, in einer Figur, in der sie sich selbst nicht wiedererkannte.

Literatur und Philosophie waren der sichere Raum, in den sie sich von klein auf zurückzog. Dieser literarische Hintergrund weckte bald ihr Bedürfnis zu schreiben und öffnete ihr auch die Tür zu einer besonderen Rebellion, die sie für immer kennzeichnen sollte. Schon als Teenager war sie für ihre Kleidung, ihr kurzes Haar und ihren besonderen Stil bekannt.

Ihr Geist und ihre Kunst zeugten bereits von ihrer poetischen Ausstrahlung, bevor sie die Universität erreichte. Zu dieser Zeit wuchs in ihr das Bedürfnis, einen anderen Zufluchtsort aufzusuchen, der nichts mit Büchern oder dem Schreiben zu tun hatte. Ihre Sorge um die Gewichtszunahme und ihre Ablehnung des eigenen Körpers führten dazu, dass sie Barbiturate und Amphetamine nahm.

Ein Leben der vergeblichen Suche

1954 begann Alejandra Pizarnik ein Studium der Philosophie und Literatur an der Universität von Buenos Aires. Sie beendete es jedoch nicht. Später versuchte sie sich erfolglos als Journalistin. Danach begann sie ein Kunststudium bei dem surrealistischen Maler Batlle Planas. Ihr Land wurde ihr zu klein, und ihr Wunsch, einen Sinn und einen Weg zur Selbstverwirklichung zu finden, führte sie einige Jahre nach Paris.

So erlebte sie zwischen 1960 und 1964 eine lohnende Zeit, in der sie begann, als Übersetzerin und Literaturkritikerin für verschiedene Zeitschriften zu arbeiten. In dieser Zeit schloss sie Freundschaft mit zwei bedeutenden Persönlichkeiten in ihrem Leben: Julio Cortázar und dem mexikanischen Dichter Octavio Paz. Letzterer schrieb den Prolog zu ihrem Gedichtband “Árbol de Diana” (1962).

Alejandra Pizarnik

1965 setzte sie ihre literarische Arbeit in Argentinien fort. Sie wurde von der damaligen Kulturgemeinschaft geschätzt und er erhielt zwei Stipendien, das Guggenheim- und das Fullbright-Stipendium. Alejandra Pizarnik nutzte diese Stipendien allerdings nicht. Sie litt an einer depressiven Krise und blieb auf der Suche nach dem Sinn ihrer Existenz erfolglos.

Ihre Freunde berichteten, dass sie nach ihrer Rückkehr aus Paris begann, sich zu isolieren. Nach dem Tod ihres Vaters kamen die Selbstmordversuche. Ihre Abhängigkeit von Schlaftabletten wurde immer stärker, sie war fast schon verzweifelt, sodass sie 1972 wegen schwerer Depressionen in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wurde.

Am 25. September nutzte sie eine Beurlaubung von der Klinik, um 50 Secobarbital-Tabletten zu nehmen. Es gab kein Zurück mehr, Alejandra Pizarnik hatte endlich ihre Freiheit gefunden. Sie war 36 Jahre alt.

“Ich schreibe unter anderem, damit das, was ich befürchte, nicht passiert; damit das, was mich verletzt, nicht passiert; um das Böse fernzuhalten. Es heißt, dass der Dichter der große Therapeut ist. In diesem Sinne würde das poetische Bemühen bedeuten, zu exorzieren, zu beschwören und darüber hinaus zu reparieren. Ein Gedicht zu schreiben bedeutet, die grundlegende Wunde, den Riss, zu reparieren.Weil wir alle verwundet sind.”

A. Pizarnik

Das Werk von Alejandra Pizarnik

Ein Großteil von Alejandra Pizarniks Werk dreht sich um zwei Bereiche: ihre Kindheit in Buenos Aires und ihre Faszination für den Tod. Wir sollten auch nicht vergessen, dass wir bis heute viele ihrer Werke dank Julio Cortázar und vor allem seiner ersten Frau Aurora Bernárdez bewundern können.

Alejandras Familie, die schon immer puritanisch und sogar angewidert vom Geschmack und dem literarischen Stil ihrer Tochter war, war kurz davor, ihre Notizbücher und persönlichen Schriften zu vernichten. Auch die kulturelle Unterdrückung in Argentinien gefährdete die Erhaltung eines Teils ihres Werks. So wurden unter anderem ihre Tagebücher nach Paris gebracht und von der Familie Cortázar aufbewahrt, bis die Columbia University sie in die Hände bekam.

Ihr lyrisches Werk besteht aus sieben Gedichtsammlungen: “La tierra más ajena” (1955), “La última inocencia” (1956), “Las aventuras perdidas” (1958), “Árbol de Diana” (1962), “Los trabajos y las noches” (1965), “Extracción de la piedra de locura” (1968) und “El infierno musical” (1971).

Später wurden ihre letzten Gedichte, Theaterstücke wie “Los poseídos entre lilas” und den Roman “La bucanera de Pernambuco” oder “Hilda la polígrafa” veröffentlicht. Es lohnt sich auch, eine ihrer berühmtesten und eindrucksvollsten Geschichten zu erwähnen: “La condesa sangrienta”

Der Stil

Alejandra Pizarnik schrieb schon mit 15 Jahren frenetisch. Sie tat es mit Hingabe, denn das war ihr einziger Weg der Erlösung in einer Welt, zu der sie sich nicht zugehörig fühlte. Ihre Poesie ist voller Symbole, Stille, Wahnsinn, Todesschatten und Delirium. Die Poesie war für sie der Ort, an dem das Unmögliche möglich wurde.

Alejandra Pizarnik en librería

Alejandra Pizarnik war auch die Stimme des Feminismus. Ihre Worte hatten eine subversive Schönheit, in der nur Platz für Wahrheiten war, sie kritisierte Etiketten, Konventionalismen und den Zwang, Teil einer gesellschaftlichen Form zu sein. Sie war die Frau, die nicht in der Lage war, sich an irgendwelche Erwartungen anzupassen.

Daher die Müdigkeit, die Schläfrigkeit und die Melancholie, die ihr Herz zusammenbrechen ließ, bis sie ihre Gedichte durchdrang. Alejandra Pizarnik war die letzte verfluchte Dichterin, eine großartige Schriftstellerin, die uns mit ihren Versen, mit ihrer fernen, aber immer klingenden Stimme immer wieder in Erstaunen versetzt.

“Ich bin einfach nicht von dieser Welt… Ich bewohne den Mond mit Wut. Ich habe keine Angst vor dem Sterben, sondern vor diesem fremden, aggressiven Land… Ich kann nicht an konkrete Dinge denken, sie interessieren mich nicht. Ich weiß nicht, wie ich wie alle anderen sprechen soll. Meine Worte sind fremd und kommen von weit weg, von dort, wo es nichts gibt, von den Begegnungen mit niemandem… Was werde ich tun, wenn ich in meine fantastischen Träume eintauche und nicht aufsteigen kann? Denn irgendwann wird es passieren müssen. Ich werde weggehen und nicht wissen, wie ich zurückkommen soll.”

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  • PIÑA, Cristina (2005) Alejandra Pizarnik. Una biografía, Buenos Aires, Corregidor
  • VENTI, Patricia (2008) La escritura invisible: el discurso autobiográfico en Alejandra Pizarnik, Barcelona, Anthropos