5 kuriose Paradoxien: Die Welt ist voller Widersprüche

Paradoxa sind eine Herausforderung für unsere grauen Zellen. Sie regen uns zum Denken an und stellen unsere Überzeugungen infrage.
5 kuriose Paradoxien: Die Welt ist voller Widersprüche
Valeria Sabater

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Valeria Sabater.

Letzte Aktualisierung: 29. November 2022

Paradoxien sind ein Spiegelbild des Lebens, das selbst voller Widersprüche ist. Sie regen uns zum Nachdenken an und stellen unsere Überzeugungen infrage. Wir müssen akzeptieren, dass es nicht immer klare oder schlüssige Antworten gibt. Gegensätzlichkeiten fordern unseren Verstand heraus und führen uns die Grenzen der Logik vor Augen. Ein klassisches Beispiel ist das Henne-Ei-Problem.

Diese Widersprüche erinnern uns an die wohl bekannteste Aussage von Sokrates: “Ich weiß nur, dass ich nichts weiß.” Sie zeigen uns die Begrenztheit unserer analytischen Fähigkeiten, sind jedoch gleichzeitig erstaunlich und unterhaltsam.

“Wer dem Paradoxon gegenübersteht, setzt sich der Wirklichkeit aus.”

Friedrich Dürrenmatt

Frau denkt an die Paradoxien des Lebens
Paradoxes Denken zwingt uns manchmal dazu, die Absurdität von Dingen zu erklären, die offensichtlich erscheinen.

Paradoxien erweitern deinen Horizont

Der Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahneman erinnert uns an unsere ständigen Denkfehler und erklärt, wie kognitive Verzerrungen unsere Urteile und Entscheidungen beeinflussen. Sein Buch “Noise: Was unsere Entscheidungen verzerrt – und wie wir sie verbessern können” (2021) ist in diesem Zusammenhang sehr empfehlenswert. 

Darin erklärt Kahneman, wie wir in ähnlichen Realitäten unterschiedliche Urteile fällen. Beispiele dafür sind Ärzte, Psychiater oder Richter, die trotz ähnlicher Tatsachen zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen kommen. Warum ist das so? Die Antwort ist einfach. Unser Verstand wird unbewusst von Störgeräuschen, Denkfehlern und Automatismen beeinträchtigt.

Wir denken schnell, unpräzise und ziehen falsche Schlüsse, die von unserer Impulsivität und unseren Emotionen geleitet werden. Wir müssen lernen, sorgfältiger und analytischer zu sein und im Gegenzug eine flexiblere und langsamere Denkweise zu entwickeln. Paradoxien sind eine gute Übung, um deinen Horizont zu erweitern und die Realität auf eine breitere und kritischere Weise zu analysieren.

Laurence J. Peter geht in seiner These, die heute als Peter-Prinzip bekannt ist, davon aus, dass jeder Beschäftigte in einer Hierarchie bis zur nächsten Stufe der Unfähigkeit aufsteigt.

1. Das Paradox des Glücks

Die philosophische Schule des Hedonismus ging davon aus, dass alle unsere Handlungen darauf abzielen, unsere Lust zu befriedigen und Schmerz zu vermeiden. Später argumentierte Jeremy Benthams utilitaristische Philosophie, dass das moralisch gute Verhalten zu wahrem Glück führt. Viktor Frankl hingegen war nicht überzeugt davon, dass Glück durch moralisches Verhalten erreicht werden kann. Der Vater der Logotherapie wies darauf hin, dass man Glück nur dann findet, wenn man vergisst, dass man auf der Suche nach Glück ist.

2. Das Schwarze-Loch-Paradoxon

Wenn wir von erstaunlichen Paradoxien sprechen, darf das Lieblingsparadoxon von Stephen Hawking nicht fehlen. Denke an ein Schwarzes Loch, das alles verschluckt. Wenn Materie, Informationen oder Licht in einem Schwarzen Loch verschwunden sind, gibt es kein Zurück. Oder doch?

Erinnere dich an Einsteins Relativitätstheorie, nach der die Anziehungskraft eines Schwarzen Lochs so stark ist, dass nichts mehr aus ihm entkommen kann. Die Quantenphysik basiert jedoch auf der Hypothese, dass Informationen niemals verschwinden, dass sich Teilchen zwar verändern können, aber niemals gänzlich verloren gehen. Wie also lösen wir dieses Rätsel?

3. Das Freundschaftsparadoxon

In einer in der MIT Technology Review veröffentlichten Studie wurde das sogenannte Freundschaftsparadoxon analysiert. Mathematische und statistische Modelle weisen auf eine paradoxe Tatsache hin: Deine Freunde haben immer mehr Freunde als du selbst – und sie haben auch immer mehr Spaß.

Dieses Prinzip wurde 1991 von dem Soziologen Scott Feld entdeckt. Ihm zufolge ist es paradox, dass ein großer Teil der Menschen nur wenige Freundschaften pflegen, während eine kleinere Gruppe von Menschen ein größeres soziales Netzwerk hat. Kurioserweise ist es nicht unbedingt ein Vorteil, mehr Freunde zu haben, denn damit ist auch die Wahrscheinlichkeit einer Grippe größer. Wissenschaftler untersuchen diese Tatsache, um die Ausbreitung von Krankheiten besser zu verstehen.

4. Das Paradoxon des verrückten Fliegers

Von allen Paradoxien, die deinen Horizont erweitern, ist dies zweifellos die originellste. Joseph Heller beschreibt sie in seinem Roman “Catch 22“. Der Autor erzählt die Geschichte eines jungen Fliegers im Zweiten Weltkrieg, der sich vom Kriegsdienst freistellen lassen möchte. Das Paradox ist, dass nur Geisteskranke freigestellt werden können, die Freistellung jedoch ein Zeichen geistiger Gesundheit ist. Schließlich ist Angst vor dem Krieg normal.

Dieses Paradoxon erinnert uns an einen Widerspruch, dem viele junge Menschen, die auf Jobsuche sind, begegnen: Die Arbeitgeber verlangen Berufserfahrung, doch die Kandidaten können diese nicht vorweisen, da sie ohne Erfahrung keinen Job bekommen.

Paradoxien regen auch Kinder zum Denken an
Die Paradoxien der Quantenphysik bereiten Wissenschaftlern schlaflose Nächte.

5. Das Paradoxon der Toleranz

Eines der Grundprinzipien demokratischer Gesellschaften ist die Toleranz. Tolerante Menschen müssen jedoch auch Intoleranz tolerieren, sonst wären sie nicht tolerant. Intolerante Personen könnten allerdings die Toleranz der Toleranten einschränken oder abschaffen. Ist eine Gesellschaft, die Intoleranz toleriert, nicht mehr tolerant?

Kennst du weitere Paradoxien, die zur Reflexion anregen und du mit uns teilen möchtest?

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  • Sheffield, Clarence Burton Jr., 2018, “Promoting Critical Thinking in Higher Education: My Experiences as the Inaugural Eugene H. Fram Chair in Applied Critical Thinking at Rochester Institute of Technology”, Topoi, 37(1): 155–163. doi:10.1007/s11245-016-9392-1
  • Stanovich Keith E., Richard F. West, and Maggie E. Toplak, 2011, “Intelligence and Rationality”, in Robert J. Sternberg and Scott Barry Kaufman (eds.), Cambridge Handbook of Intelligence, Cambridge: Cambridge University Press, 3rd edition, pp. 784–826. doi:10.1017/CBO9780511977244.040
  • Kahneman, Daniel, Olivier Sibony, & Cass R. Sunstein, 2021, Noise: A Flaw in Human Judgment, New York: Little, Brown Spark.

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