10 Unterschiede zwischen Freud und Jung

· 7. Juni 2018

Es gibt zahlreiche Kontroversen – mitunter auch hitzige – wenn es um Sigmund Freud und Carl Gustav Jung geht. Man kann Experten finden, die ihre Ideen unterstützen oder ablehnen; jeder mit eigenen Begründungen. Die Debatten werden noch interessanter, wenn man die beiden einmal zusammen anstatt getrennt voneinander betrachtet.

Die Unterschiede zwischen Freud und Jung sind auch deshalb interessant, weil die beiden Männer am Anfang ihrer Karrieren paradoxerweise ganz ähnliche Gedanken und Theorien vertraten. Tatsächlich hatten sie so viele Gemeinsamkeiten, dass es vorkam, dass sie miteinander verwechselt wurden. Etwas, das später nicht mehr geschah, als die Unterschiede zwischen ihnen immer weiter und immer klarer wurden.

Wir möchten uns heute auf eine Reise zu diesen großen Geistern begeben. Hast du Lust, uns zu begleiten?

Sigmund Freud und Carl Gustav Jung

Sigmund Freud war ein österreichischer Neurologe, der eines der ältesten und mächtigsten Gebiete der Psychologie begründete: die Psychoanalyse. Zusätzlich wird er von vielen als einer der wichtigsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts bezeichnet, sowohl von Unterstützern als auch von Gegnern.

Als Neurologe lag sein Interesse anfangs natürlich in der Neurologie. Seine Ideen rührten aus diesem Gebiet und wanderten mit der Zeit immer stärker in Richtung der Psychologie. Das betraf sowohl seine Art der Untersuchung als auch die Erkrankungen, mit denen er sich vorzüglich beschäftigte.

Carl Gustav Jung war ein schweizer Psychologe, Psychiater und Autor. Er war eine der Schlüsselfiguren in der Gestaltung der Psychoanalyse. Später gründete er seine eigene Schule der analytischen Psychologie, auch bekannt als Jung’sche Psychologie.

Freuds Arbeit fand Jungs Interesse. Freud wiederum nannte Jung öffentlich seinen „Nachfolger“. Dennoch dauerte es nicht lange, bis die beiden, aufgrund persönlicher und theoretischer Differenzen, ihre eigenen Wege gingen. Aus diesem Grund wurde Jung aus der International Psychoanalytical Association,  deren Vorsitz er 1910 noch innehatte, ausgeschlossen.

Freud sitzt an seinem Schreibtisch.

Unterschiede zwischen Freud und Jung

Auch wenn es zwischen Freud und Jung eine Menge Unterschiede gab, so beschränkt sich dieser Artikel doch auf die wichtigsten.

1. Psychoanalyse vs. Nicht-Psychoanalyse

Obwohl es den Begriff „Jungsche Psychoanalyse“ gibt, der auf die Theorien Jungs verweist, handelt es sich dabei um einen nominativen Fehler. Denn Jung ist nicht als Psychoanalytiker zu betrachten. Tatsächlich entschied er sich, sich von dieser Schule loszusagen und eine eigene zu errichten.

2. Der Begriff „komplex“

Freud erkannte Jung als den Autor des Begriffes an. Freud verwendete den Begriff „komplex“ in seinen Theorien zu Erkrankungen, beispielsweise im „Ödipuskomplex“ oder im „Kastrationskomplex“. Für Jung verbargen sich hinter dem Begriff „komplex“ jedoch emotional geladene Bilder oder Konzepte, die sich wie ihre eigenen, gespaltenen Persönlichkeiten verhielten. Jeder Komplex besaß im Zentrum einen Archetyp, der wiederum mit dem Konzept des Traumas verbunden war.

Der Kopf von Carl Gustav Jung, dargestellt vor einem bunten Hintergrund.

3. Parapsychologie und psychische Phänomene

Für Jung waren Parapsychologie und psychische Phänomene sehr wichtig. Freud hingegen war gegen eine Untersuchung dieser Ideen und gegen die Verbindung zur Psychoanalyse. Er war davon überzeugt, dass existierende Theorien dadurch verfälscht würden.

4. Das Konzept der archaischen Reste

Für Freud hatten die „archaischen Reste“ etwas mit unbewussten, mentalen Formen zu tun. Er setzte sie mit der sogenannten mnemischen Spur in Verbindung. Für Jung jedoch bedeuteten archaische Reste mehr als das. Er verwendete sie zur Erstellung eines Modells, das sich von dem der Psychoanalyse unterschied. Jung sprach von dem kollektiven Unterbewusstsein.

Er psychoanalysierte die Träume seiner Patienten, interpretierte Mythen aus unterschiedlichen Kulturen und baute sie in seine Untersuchungen zu alchemistischen Symbolen ein. Für Jung war das kollektive Unterbewusstsein Teil der menschlichen Natur. Es bestand für ihn aus archetypischen Strukturen, die aus übersinnlichen, emotionalen Momenten der Menschheit abgeleitet wurden. Er begründete damit unsere angeborene Angst vor der Dunkelheit und unsere Vorstellungen von Gott und von Gut und Böse.

„Der Verstand ist wie ein Eisberg, nur ein Siebtel seiner Masse schwimmt an der Oberfläche“.

Sigmund Freud

Das Gesicht einer Frau vor einem abstrakten Hintergrund.

5. Historische Faktoren und die Bedeutung der Gegenwart

Für Freud entstanden Neurosen und Psychosen aus individuellen, historischen Gegebenheiten heraus, nicht aus den jeweiligen Umständen. Für ihn bestimmten Vergangenes unsere gegenwärtigen und zukünftigen Handlungen.

Jung meinte, das sie genau andersherum. Für ihn waren historische Gegebenheiten relativ. Freud widersprach ihm, was die nach Jung entscheidendere Rolle der Gegenwart gegenüber der Vergangenheit betraf.

„Ich bin nicht, was mir passiert ist. Ich bin, was ich entschieden habe, zu werden!“

Carl Gustav Jung

 

6. Lebenskraft vs. Libido

Jung definierte die Libido als Lebensenergie oder Lebenskraft, die sich, abhängig von unseren Bedürfnissen, etwa Essen oder Sex, entsprechend verändere. Von dieser Annahme unterschied sich Freuds Konzept der Libido. Für ihn ging es vorrangig um eine sexuelle Energie, die sich, während der psychosexuellen Entwicklung des Menschen,  in verschiedenen Körperregionen ansammelte.

7. Psycho-Topologien

Freud beschrieb eine dreiteilige psychische Struktur: das Vorbewusstsein, das Bewusstsein und das Unterbewusstsein. Jung stimmte zwar der Existenz des Bewusstseins zu, sprach dann aber von zwei Arten des Unterbewusstseins: dem persönlichen und dem kollektiven.

8. Übertragung

Ein weiterer der Unterschiede zwischen Freud und Jung liegt in ihrem jeweiligen Verständnis des Phänomens der Übertragung. Freud glaubte, es erfordere eine asymmetrische Beziehung. Der Therapeut sei eine leere Fläche, auf die der Patient Fantasien und Vorbilder, die zur Analyse verwendet werden, übertragen könne. Die Übertragung funktioniere demnach in eine vorgegebene Richtung.

Jung sah in der Übertragung ein zentrales Problem der Analyse und stimmte nicht mit Freuds traditionellen Ideen überein. Er definierte die therapeutische Beziehung anhand seines alchemistischen Wissens. Er verwendete die Metapher der zwei Körper, die sich durch Kontakt gegenseitig verändern. Mit anderen Worten: die Beziehung zwischen Patient und Psychotherapeut ist kooperativ und verläuft in zwei Richtungen.

Eine Frau liegt auf der Couch und ihr Therapeut sitzt daneben.

9. Die Couch

Für Freud war die Couch ein unentbehrliches Hilfsmittel zur Analyse. Es ging ihm darum, dass der Therapeut sich außer Sicht des Patienten aufhält. Jung hingegen führte seine Sitzungen von Angesicht zu Angesicht durch. Er saß seinen Patienten gegenüber und es gab keine Couch.

10. Häufigkeit von Sitzungen

Ein weiterer Unterschied betraf die Häufigkeit der Sitzungen. Carl Gustav Jung sah seine Patienten in der Regel zweimal die Woche, für etwa eine Stunde pro Sitzung. Nach einer gewissen Zeit reduzierte er die Anzahl der Sitzungen auf einmal die Woche, für insgesamt drei Jahre. Freud führte sechs Sitzungen pro Woche, mit einer Dauer von jeweils 45-50 Minuten durch.

In diesem Artikel haben wir nur 10 Unterschiede zwischen Freud und Jung hinsichtlich Ideen, Theorien und Methoden genannt. Doch es gibt noch viele mehr. Sich die Beziehung der beiden genauer anzusehen und zu erfahren, wer der Psychologie seinen Stempel wie aufgedrückt hat, ist sehr interessant. Aus diesem Grund empfehlen wir dir, dich noch intensiver mit den Arbeiten und Persönlichkeiten dieser Männer zu befassen.