Der Elektrakomplex: Was ist das und was macht ihn aus?

· 28. April 2018

Es war Carl Gustav Jung, der eine der bekanntesten Theorien über die psychosexuelle Entwicklung von Mädchen begründete: den Elektrakomplex. Der Schweizer Psychologe ließ sich dabei von der Geschichte und Symbolik von Elektra, einer Figur aus der griechischen Mythologie, inspirieren. Elektra war die Tochter des Königs von Mykene. Sie schmiedete zusammen mit ihrem Bruder einen ausgeklügelten Plan, um den Tod ihres Vaters zu rächen. Dieser umfasste den Mord an ihrer eigenen Mutter und dem Liebhaber ihrer Mutter.

Es ist interessant, sich die etymologische Bedeutung des Namens anzuschauen. Elektra bedeutet sowohl „Bernstein“ als auch „Funke“ wegen der statischen Elektrizität, die von Bernstein, einem fossilen Harz, ausgeht. Es gibt viele Autoren der Moderne, die etwas Komplexes und Bemerkenswertes in dem Charakter der Elektra gesehen haben. Zum Beispiel inspirierte sie so bekannte Romane wie Trauer muss Elektra tragen  von Eugene O’Neill. Dieses Buch handelt von den Unklarheiten und psychologischen Tiefen in einer Familie der 1930er Jahre.

„Das geistige Pendel schwingt zwischen Sinn und Unsinn und nicht zwischen richtig und unrichtig.“

Carl Gustav Jung

Carl Gustav Jungs Theorie

Carl Gustav Jung war der erste, der diese mythologische Figur in die Psychologie mitnahm. Ab dem Jahr 1912 wurde das Konzept von Elektra benutzt, um eine frühe Fixierung von Mädchen auf ihre Eltern zu bezeichnen.

Dieses kleine Mädchen zeigt ihrem Vater gegenüber große Zuneigung

Der Elektrakomplex ist auch das Gegenstück zum Ödipuskomplex, der von Sigmund Freud definiert wurde. Der Ödipuskomplex geht auf den Ödipusmythos von Sophocles zurück, der Teil der klassischen griechischen Mythologie ist. In diesem Fall ging der berühmter Vater der Psychoanalyse davon aus, dass jeder Junge eine Phase durchlaufe, in der er sich zu seiner Mutter hingezogen fühle und seinen Vater als Rivalen wahrnehme. Psychologen betrachten diese Art der Anziehung, die für den Laien ungewöhnlich erscheinen mag, als eine normale Phase der psychologischen Entwicklung aller Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren. Nach diesem Alter löst sich diese Fixierung oder Präferenz auf natürliche Weise selbst.

Werfen wir nun einen genaueren Blick auf die Fixierung von Kindern.

Wie beginnt der Elektrakomplex?

Um diesen Komplex und seine Entstehung zu verstehen, müssen wir uns in den richtigen Kontext begeben. Wir gehen mit einem psychoanalytischen Ansatz an das Thema heran. Einer der Aspekte, denen Sigmund Freud einen großen Teil seiner Arbeit widmete, war die psychosexuelle Entwicklung und wie Sexualität in den ersten Phasen des Lebens gehandhabt wird. Es war eine der großen Revolutionen der Freud’schen Gedanken. Bis dahin hatten die Psychologen nicht geglaubt, dass Kinder überhaupt eine Sexualität hätten.

„Um Vater zu sein, muss man aufhören, Sohn zu sein.“

Carl Gustav Jung

Die Art und Weise, in der wir unsere Sexualität entwickeln und auf sexuelle Impulse in der frühen Kindheit reagieren, bestimmt, inwieweit wir reifen und wie ausgeglichen und gesund unsere psychoaffektive Entwicklung ist. Jedoch kann das Aufrechterhalten bestimmter Fixierungen zu psychischen Störungen führen. Freud selbst bezeichnete diese Neurosen und Probleme als „abwegig“.

Aber Carl Gustav Jung hatte andere Ansichten in Bezug auf diese Probleme. An erster Stelle empfand Jung, dass in Freuds Theorie ein gravierendes „theoretisches Vakuum“  existierte. Der Ödipuskomplex beschäftigte sich nur mit Männern und nur mit der intensiven physischen und emotionalen Bindung zwischen Söhnen und Müttern in den ersten 6 Jahren des Lebens. Deshalb entwickelte er im Jahr 1912 seine Theorie vom Elektrakomplex, um diese Lücke zu schließen. Sein Gedanke war, die bekannte Perspektive auf die weibliche Entwicklung anzuwenden.

Merkmale des Elektrakomplexes

Der Elektrakomplex umfasst verschiedene Phasen. Als nächstes werden wir kurz erklären, was die einzelnen Phasen ausmacht und wie sie sich manifestieren.

Erste Phase: sich zur Mutter hingezogen fühlen

Carl Gustav Jung war sich sicher, dass die emotionale Bindung zwischen einem Mädchen und ihrer Mutter in den ersten 3 Jahren des Lebens viel intensiver sei als die zwischen einem Jungen und seiner Mutter. Diese anfängliche Verbundenheit wird später „die Rückkehr“ markieren. Wir sprechen hier von dem Bedürfnis des Mädchens, sich mit ihrer Mutter zu identifizieren, um einige der mütterlichen Charakteristiken in ihre Persönlichkeit aufzunehmen und sogar ihre Moral in das Über-Ich zu internalisieren.

Zweite Phase: sich zum Vater hingezogen fühlen

Lachendes Mädchen verdeckt ihrem Vater die Augen

Mit 3 oder 4 Jahren hört das Mädchen auf, eine solche Anziehung gegenüber der Mutter zu empfinden und beginnt, eine Anziehung gegenüber ihrem Vater zu zeigen.

Der Elektrakomplex beginnt angeblich, wenn Mädchen entdecken, dass sie keinen Penis haben. Deshalb verspüren sie nun den Wunsch, das zu bekommen, was dieses Geschlechtsorgan symbolisiert. Darüber hinaus bekräftigen Psychoanalytiker, dass diese Einstellung gegenüber der väterlichen Figur eine gewisse Rivalität und Distanz in Bezug auf die Mutter schaffe. Mädchen können eifersüchtig werden und Verhaltensweisen wie besitzergreifende Zuneigung gegenüber dem Vater zeigen. Oder sie können sich feindselig zeigen, wenn sie nicht das vom Vater bekommen, was sie wollen.

Die natürliche Auflösung des Elektrakomplexes

Wenn das Mädchen 6 oder 7 Jahre alt wird, wird es erneut das Bedürfnis nach Nähe und Identifikation mit der Mutter erleben. Daher beginnen Verhaltensweisen wie Imitation und Neugier gegenüber der weiblichen Welt, während es sich in seine Geschlechterrolle hineinfindet.

Jung betonte in seiner Theorie, dass diese Phasen Teil der normalen Entwicklung eines Mädchens seien. Sie seien die Grundlage für sein emotionales, soziales und psychologisches Verhalten, welches in den darauffolgenden Jahren weiterhin reift. Am Ende sollten sich alle Reibereien auflösen und Mädchen sollten ihre Mutter nicht als Feindinnen oder Rivalinnen sehen.

Wie viel Wahrheit steckt in der Theorie vom Elektrakomplex?

Zeichnung eines Mädchens

Viele Mädchen bevorzugen ihren Vater zu einer bestimmten Zeit in ihrem Leben. Allerdings sollten wir feststellen, dass die moderne Psychologie die Theorien vom Ödipus- und Elektrakomplex als sehr veraltet betrachtet. Sie werden als überholt angesehen, ebenso wie die zu den klassischen psychosexuellen Phasen – der oralen, analen und phallischen Phase.

Tatsächlich gibt es renommierte Psychoanalytiker, die diese Vision und Theorien nicht teilen. So empfand z. B. die deutsche Psychoanalytikerin Karen Horney die Idee, dass Mädchen neidisch auf den Penis ihres Vaters seien, als beleidigend gegenüber Frauen. Wenn heutzutage ein Mädchen so weitverbreitete Verhaltensweisen zeigt wie das spezifische Suchen von väterlicher Zuneigung, wenn es das Bedürfnis verspürt, den Großteil ihrer Zeit mit dem Vater zu verbringen, oder die Aussage macht, dass sie „Papa heiraten“ wolle, dann sei daran nichts Schlimmes oder Krankhaftes.

Schließlich ist ihr Vater das ihr am nächsten stehende männliche Vorbild. Die Fantasien, Spiele und Verhaltensweisen werden auf natürliche Weise verschwinden, wenn die Sozialisierung mit Gleichaltrigen wichtiger wird.

Tatsächlich hat Carl Gustav Jung selbst nie eine biologische oder psychologische Bewertung dieser Verhaltensweisen vorgenommen. Es ist nur ein Verhalten, das in manchen Mädchen vorkommt und im Normalfall nach einiger Zeit nachlässt. Wo die Grenze zum Pathologischen liegt, muss von Fall zu Fall entschieden werden.