Zart besaitet – Hochsensible Personen (HSP)

7, Dezember 2015 en Emotionen 9442 Geteilt

Ich bin eine hochsensible Person. Ich nehme Emotionen, Gerüche, Energien wahr, die nicht einmal ich selbst beschreiben kann. Von Zeit zu Zeit werde ich von Gefühlen übermannt, die ich nicht wirklich verstehen oder erklären kann.

Viele Male wurde mir gesagt: ‚Mach dir das Leben doch nicht so schwer!‘ Ich habe diesen Satz tatsächlich schon so oft gehört, dass ich glaubte, ich hätte ein ernsthaftes Problem. Ich habe gedacht, dass ich überreagiere, ich anders wäre, dass ich es mir selber schwer mache und dass ich mich schlecht fühlte, weil ich es so wollte. Es war schwierig, niemanden zu haben, der diese Erfahrungen mit mir teilte. Oft habe ich mich geschämt und gedacht, ich müsste mich vor anderen verstellen.

Unsere Haut trennt unser Äußeres vom Inneren – sie ist unsere sog. Schutzhülle. Doch wir hochsensiblen Personen haben eine sehr dünne Schutzhülle, die leicht reißen kann und dadurch unser Inneres äußeren Energien aussetzt.

Akzeptanz

Hast du gewusst, dass Hochsensibilität der Verursacher vieler Krankheiten ist? Nicht immer gelingt es uns, unsere Gefühle in Zaun zu halten, oder uns von ihnen zu befreien. Wenn dem nicht so ist, dann bekommen wir mit der Zeit psychische Probleme, Probleme mit der Haut oder Verdauungsstörungen – das ist leider eine Schwachstelle unseres Körpers.

Ich kann ebenso an einer Depression erkranken, wenn ich nicht weiß, wie ich mit diesen Gefühlen umzugehen habe. Denn die Tatsache, dass ich mich selbst nicht verstehe, bedeutet, dass ich mich nicht akzeptiere und nicht weiß, wie ich mich selbst lieben kann. Und in dieser Welt, in der wir leben, ist es kein bisschen einfach, dass Menschen wie ich als das anerkannt werden, was wir sind: Hochsensible Personen (HSP). Seitdem ich weiß, dass ich eine HSP bin, weiß ich auch, dass ich nicht krank bin. Ich fühle mich seitdem einfach besser und kann mich entspannen.

Ich habe keine Angst davor, aber ich muss mir ein dickeres Fell zulegen, weil ich anders schlichtweg nicht überleben könnte. Niemand bringt uns bei, sensibel zu sein, sondern man bringt uns bei, unsere Sensibilität zu verstecken.

Deswegen gibt es Momente, in denen ich mich verstecken oder die Einsamkeit suchen muss, um zu fühlen, um mich zu fühlen und um mir darüber bewusst zu werden, dass ich noch da bin und dass ich noch immer in einer Welt lebe, die mich nicht versteht.

Unsicherheit

Mein Gehirn und mein Nervengerüst können die Reizüberflutung nicht richtig steuern, sodass ich deshalb eine größere emotionale Verbindung mit mir selbst, zu Anderen und der Welt habe. Wenn mir jemand mitteilt, dass er wegen etwas leidet, dann leide ich schrecklich darunter. Wenn mir jemand sagt, wie froh er über etwas ist, dann empfinde ich pure Euphorie.

Ich bin nicht nur sehr emotional; das ist nicht alles, was mich ausmacht. Ich bin in vielerlei Hinsicht überaus sensibel. Immer wieder nehme ich Geräusche oder Gerüche besonders intensiv wahr. Ich bin dazu in der Lage, die Energie um mich herum zu spüren, die der Rest meines Umfeldes manchmal gar nicht fühlt.

Viele Menschen haben von hochsensiblen Personen ein falsches Bild und ich möchte die Vorurteile über uns gern aufklären: Man sagt, dass wir neurotisch, traurig und introvertiert sind, aber das stimmt nicht. Wir sind nicht immer so, genauso wenig, wie andere Menschen das auch immer sind.

Eine HSP ist keine Person mit Problemen – sie ist jemand mit einer unterschiedlichen Wahrnehmung, ein Mensch, der sehr intensiv fühlt und denkt. Deshalb sind wir einfach anfälliger für Depressionen oder Angstattacken.

Hochsensible Personen, wie ich eine bin, sind daran gewöhnt, uns Masken aufzusetzen. Wir handeln so, weil uns keine andere Wahl bleibt. Denn es ist für uns sehr schwierig, unsere Gedanken und Gefühle in einer Welt zu organisieren, die nicht für uns gemacht ist.

Leben

Viele Menschen definieren mich als eine Frohnatur, lebhaft und immer mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Doch meine Gefühlswelt – die Realität, in der ich lebe – sieht ganz anders aus. Manchmal bin ich einfach erschöpft, meine Mitmenschen ziehen mich runter und mein Gemütszustand ist am Nullpunkt angekommen.

Jeder von uns möchte sich geliebt, umsorgt und der Liebe wert fühlen. Jeder von uns braucht die Gewissheit, dass wir der Welt vertrauen können und dass sie einen Platz für uns bereit hält, an dem wir Schutz finden. Für mich ist das Fühlen ebenso wichtig wie das Essen, und dazu stehe ich auch.

Dann sind da noch die Erwartungen, die unser Umfeld an uns hat, die Erwartungshaltung uns selbst gegenüber und der Gedanke, was wir alles geben können. Wir können zu 150% zu einer Person stehen, sie verstehen und sie spüren, uns selbst belasten oder eben auch nicht, doch eines steht fest: wir sind da und wir gehen so schnell auch nicht weg.

Wenn das wirklich in irgendeiner Art und Weise passiert, dann hoffen wir darauf, gehört und verstanden zu werden. Doch leider ist das nicht der Fall, und das ist mehr als frustrierend und entmutigend.

Lebensweg

Wenn ich manchmal einen Gedanken oder ein Gefühl errate und meine Mitmenschen dann überrascht sind, komme ich mir vor wie eine Hellseherin (Warum sollte ich das nicht sagen dürfen?), aber auch ein bisschen diskriminiert. Zu spüren, dass dich dein Umfeld nicht versteht oder deine Gefühle nicht akzeptiert ist sehr niederschmetternd. In dieser Welt fehlt so viel Mitgefühl.

Vor diesen ganzen Rückschlägen fühlte ich mich klein, schwach und verletzlich. Doch jetzt, da ich weiß, dass ich eine HSP bin, will ich mir meinen Platz in der Welt erkämpfen. Es liegt nun an mir, mich weiterzuentwickeln und mich zu verbessern.

Es gibt Tage, an denen ich das Gefühl habe, dass ich diese Angst, die mich so fühlen lässt, nicht überwinden kann. Ich habe in meinem Leben mehr gelitten als mir Freude widerfahren ist. Doch mir ist bewusst geworden, dass meine Persönlichkeit ein Privileg ist, und ich habe mich dazu entschlossen, dass ich glücklich sein sollte, anstatt mich in meinem Körper nicht wohl zu fühlen. Durch meine Schwäche werde ich stark.

Man sagt über uns HSP, dass wir Personen des Friedens seien, die ein friedvolles Leben suchen und an das Gute im Menschen glauben. Heute kann ich auf diese Gabe stolz sein. Ich bin ein hochsensibler Mensch und vielleicht bist du das ja auch. Hab keine Angst vor der Veränderung, begib dich auf die Suche nach dem, was dich glücklich macht, und wechsle sogar deinen Beruf, falls nötig.

Das ist meine Realität und es könnte auch deine sein. Wenn du dich fehl am Platz fühlst, wie ein Schmetterling in einer Herde voller Büffel, klein in einer riesigen Welt, dann ist es vielleicht genau diese Nachricht, die du gebraucht hast, um dich selbst zu finden und dich schätzen zu lernen. Wir können unsere Vergangenheit nicht ändern, doch das Ende unserer Geschichte können wir noch immer umschreiben.

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Shadesofeleven