Wusstest du, dass es verschiedene Arten von Dyslexie gibt?

· 16. September 2018

Legasthenie ist eine Störung, die sich auf die Fähigkeit auswirkt, geschriebene Sprache zu lesen und zu verstehen. Einem Legastheniker fällt es schwer, das Alphabet aufzusagen, Buchstaben zu benennen und gesprochene Silben zu analysieren und zu klassifizieren. Darüber hinaus ist es bei Legasthenie üblich, Wörter wegzulassen, zu ersetzen, zu verzerren, umzukehren oder hinzuzufügen. Es gibt normalerweise eine gewisse Langsamkeit und ein Zögern im Zusammenhang mit visuellen Herausforderungen und Mängel im Verständnis.

Während im allgemeinen deutschen Sprachgebrauch das Wort Legasthenie für die Lese-Rechtschreib-Schwäche weitverbreitet ist, verwendet man im englischen Sprachraum dafür den Begriff „dyslexia“. Dessen Übersetzung „Dyslexie“ kennen wir im Deutschen ebenfalls, allerdings wird der wiederum in einem anderen Kontext gebraucht. Hier wird der Begriff vorwiegend auf schriftsprachliche Probleme bezogen, die erworben wurden (z. B. durch Tumorerkrankung, Unfall, etc.) und nicht von Geburt an Bestand haben. Wie du siehst, schreiben wir hier schon im Plural, denn es gibt mehrere Arten der Dyslexie, deren Symptome sich alle ein wenig unterscheiden.

Um diverse Arten der Dyslexie zu verstehen, ist zunächst ein grundsätzliches Verständnis der Art und Weise des Lesens notwendig, denn es handelt sich um einen dualen Prozess. Dies bedeutet, dass unser Gehirn zwei Wege kennt, um Wörter zu lesen, nämlich einen visuellen und eine phonologischen. Der erste Weg, der visuelle, besteht darin, die Wörter als Ganzes zu lesen und Einträgen in unserem Speicher zuzuordnen. Dies kann nur mit vertrauten Wörtern geschehen, da unbekannte Wörter nicht in unserem Gedächtnis gespeichert sind. Der phonologische Weg beinhaltet das Lesen der Graphem-Phonem-Konvertierung und das individuelle Behandeln der Wörter. Dies ist sehr nützlich beim Lesen unbekannter Wörter.

Wenn also einer dieser Wege verlegt ist, führt dies zu einer konkreten Art der Dyslexie. In diesem Artikel werden wir über die verschiedenen Arten von Dyslexie sprechen, die entstehen können, wenn verschiedene Lesefunktionen beschädigt werden. Insbesondere werden wir die Oberflächendyslexie, die phonologische Dyslexie und die Tiefendyslexie betrachten.

Das englische Wort für Dyslexie mit einem umgekehrten L

Arten von Dyslexie

Oberflächendyslexie

Menschen, die an einer Oberflächendyslexie leiden, weisen eine selektive Beeinträchtigung ihrer Fähigkeit, Wörter mit einer unregelmäßigen Aussprache zu lesen, auf. Dies ist eine Art von Dyslexie, die nicht in allen Sprachen auftritt, da nicht alle Sprachen Wörter mit unregelmäßiger Aussprache kennen. Die deutsche Sprache kennt sie. Ein Beispiel für diese Art der Dyslexie wäre die Schwierigkeit, „Mine“ (unregelmäßig) gegenüber „Miene“ (normal) auszusprechen.

Die Oberflächendyslexie zeigt, dass der visuelle Pfad oder der direkte Zugang zu Wörtern beschädigt ist. Menschen mit dieser Leseschwäche können reguläre Wörter perfekt lesen, durch eine Eins-zu-eins-Übersetzung von Graphem zu Phonem. Bei unregelmäßigen Wörtern ist diese Strategie jedoch nutzlos. Sie haben auch kein Problem damit, nicht existierende Wörter oder Pseudowörter zu lesen, was ein weiterer Beweis für eine Beschädigung des direkten Pfades ist.

Ein weiterer wichtiger Aspekt dieser Art der Dyslexie ist, dass die semantische Kapazität nicht beschädigt ist. Betroffene sind zwr nicht in der Lage, das Wort richtig zu lesen, sie können es aber problemlos verstehen, wenn jemand ihnen die Wörter laut vorliest und sie richtig ausspricht. Daher ist der Schaden nur auf die Lesefähigkeit der Person beschränkt.

Phonologische Dyslexie

Personen, die an phonologischer Dyslexie leiden, zeigen eine selektive Störung ihrer Fähigkeit, unbekannte Wörter oder Pseudowörter zu lesen, während sie gleichzeitig ihre Fähigkeit behalten, vertraute Wörter zu lesen. Zum Beispiel hätten sie Schwierigkeiten, „Mus“ zu lesen, aber sie könnten das Wort „Bus“ problemlos erfassen.

Das zeigt uns, dass der beschädigte Weg der phonologische Weg ist. Daher sind Personen, die an phonologischer Dyslexie leiden, nicht in der Lage, Wörter vom Graphem in das Phonem zu übersetzen. Aus diesem Grund haben sie Schwierigkeiten, ihnen unbekannte oder nicht existierende Wörter zu lesen. Auf der anderen Seite haben sie keine Probleme, vertraute Wörter zu erkennen, da der visuelle Weg vollkommen intakt ist.

Bei diesen Menschen gibt es auch eine zusätzliche Schwierigkeit, funktionale Wörter wie „das“, „es“, „ein“ lesen zu können. Dies liegt wahrscheinlich daran, dass sie sehr abstrakt sind und keinen eigenen Inhalt haben. Jedoch sind die Ergebnisse entsprechender Untersuchungen manchmal widersprüchlich.

Ein Buch zu lesen kann schwer sein mit verschiedenen Arten von Dyslexie

Tiefendyslexie

Auf den ersten Blick scheinen die Oberflächendyslexie und die phonologische Dyslexie alle Möglichkeiten in Bezug auf eine Dyslexie im Zusammenhang mit Störungen des oben beschriebenen dualen Prozesses abzudecken. Es gibt jedoch eine weitere Art der Dyslexie, welche ziemlich überraschend ist. Sie wird Tiefendyslexie genannt. Trotz der Ähnlichkeit mit der phonologischen Dyslexie gibt es einen entscheidenden Unterschied – die semantische Paralexie.

Eine semantische Paralexie liegt vor, wenn der Betroffene, anstatt das tatsächlich geschriebene Wort zu lesen, ein anderes Wort erfasst, welches allerdings eine Bedeutung hat, die mit dem ursprünglichen Wort verwandt ist. Zum Beispiel wird der Patient anstelle des geschriebenen Wortes „Tochter“ möglicherweise das Wort „Schwester“ erkennen. Das ist ein sehr interessantes Phänomen, das auf die Existenz von Störungen hinweist, welche die Art und Weise der Bestimmung der Semantik verschiedener Wörter beeinflusst.

Ein Schlüsselaspekt, der auf das Ausmaß des semantischen Schadens hinweisen kann, ist, dass die Einbildungskraft des Wortes den Grad der Schwierigkeit beim Lesen der Person zeigt. Mit anderen Worten: Wenn die Person Schwierigkeiten hat, sich ein Bild von den beteiligten Bedeutungen der Wörter zu machen, wird die Leseleistung schlechter sein. Auf der anderen Seite, wenn diese Wortbedeutungen mental ohne Probleme zu verarbeiten sind, wird die Leseleistung besser sein. Dies zeigt uns, dass die Person Schwierigkeiten hat, im semantischen Netzwerk nach einem passenden Wort zu suchen. Je mehr mentale Daten verfügbar sind, desto einfacher ist es für sie, dieses zu lokalisieren und zu lesen.

Es ist noch mehr Forschung nötig

Bei der Dyslexie und ihren verschiedenen Arten einschließlich der Legasthenie handelt es sich um komplexe Störungen. Sie lassen allerdings viele Rückschlüsse auf unsere Sprachfähigkeit und deren Funktionsweise zu. Das Verständnis der verschiedenen Arten der Dyslexie hilft uns damit, die Struktur und Funktionalität der Sprache selbst besser zu verstehen. Aus diesem Grund sind umfangreiche Forschungen und Untersuchungen notwendig, wenn wir ein tiefes Verständnis der Grundlagen der Kommunikation erreichen wollen, um so mögliche Fehlerquellen zu erkennen.