Wir erinnern uns nicht an Tage, sondern an Momente

· 3. November 2017

Das Gedächtnis ist weit davon entfernt, ausschließlich intellektuelle Funktionen zu erfüllen. Die Erinnerungen eines Menschen sind nicht vergleichbar mit den auf einer Festplatte eines Computers gespeicherten Dateien. Unsere Erfahrungen prägen sich als Erlebnisse in unser Gedächtnis ein, die wir später als Momente erinnern.

Das bedeutet, dass wir uns an Bilder, Wort und auch an Gerüche, Geschmäcker und Gefühle erinnern können. Man könnte sagen, dass das Erinnerungsvermögen des Menschen an seine Emotionen gekoppelt ist: Informationen und Ereignisse, an die wir uns erinnern, sind selten objektiv. Das menschliche Gedächtnis ist kreativ und lässt daher Teile dieser Erinnerungen verblassen und fügt neue hinzu. Das geschieht abhängig von den Gefühlen, die mit dem jeweiligen Moment zusammenhängen.

„Eines Tages werden unsere Erinnerungen unser Reichtum sein.“

Paul Géraldy

Manchmal kommt es sogar vor, dass wir uns an etwas erinnern, das niemals passiert ist. Häufig passiert das mit scheinbaren Erlebnissen aus der Kindheit, wenn wir eine Fantasie so intensiv erlebt haben, dass sie sich in unserer Gedächtnis eingebrannt hat und wir davon überzeugt sind, dass das Erinnerte tatsächlich geschehen ist.

Ereignisse, an die wir uns erinnern

Das Gedächtnis ist in der Lage, alles abzuspeichern, was wir jemals erlebt haben. Jedoch erinnern wir uns bewusst nur an wenige Geschehnisse, der Rest bleibt in unserem Unterbewusstsein verborgen.

Schlüssel und glückliche Momente

Irgendwo in unserem Gedächtnis gibt es sehr wahrscheinlich einen Ort, an dem die Erinnerung an unsere eigene Geburt verwahrt ist. Dennoch kann sich niemand von uns daran erinnern, geboren worden zu sein, und dafür gibt es zwei Gründe: Aus einer in Kanada durchgeführten Studie geht zum einen hervor, dass die Erinnerungen der ersten Lebensjahre im Laufe der Zeit überschrieben werden. Zum anderen sind diese ersten Erinnerungen nicht mehr greifbar, weil wir während dieses Lebensabschnitts tiefgründige Erfahrungen machen, die zur Interpretation vorher erlebter Momente noch nicht zur Verfügung standen.

Ab und zu passiert es aber, dass vergessen Geglaubtes in unser Bewusstsein vordringt. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn wir eine Melodie hören, die ein Gefühl in uns weckt, wir uns aber nicht erinnern können, warum unser Geist diesen Zusammenhang knüpft.

Im Allgemeinen kann man davon ausgehen, dass wir uns bewusst an solche Momente erinnern, die von uns viel Aufmerksamkeit abverlangt haben und einen für uns verständlichen Inhalt hatten. Das sind positive oder negative Situationen, die für uns nachvollziehbar, emotional nicht zu sehr verwirrend waren und unseren Kenntnissen nicht widersprachen.

Sich an Momente erinnern, die flugs vergehen, aber im Gedächtnis bleiben

Wir erinnern uns bewusst an Momente, auf die wir uns konzentriert haben und die eine Bedeutung für uns, einen Einfluss auf unseren Gemütszustand hatten. Situationen, die unsere vollständige Aufmerksamkeit fordern, bedeuten viele neue Verknüpfungen in unserem Gehirn. Daher ist es relativ einfach, sich an solche Ereignisse zu erinnern. Momente der Alltagsroutine werden jedoch meist vergessen.

Unvergessliche Momente

Was unvergesslich bleibt, sind intensiv erlebte Momente: Augenblicke, in denen du dich eins mit dem Universum fühlst, in denen es nur dich und deine Umgebung gibt, und und in denen du das Gefühl hast, die Welt würde dort, wo du dich in diesem Moment befindest, beginnen und auch enden. Das betrifft sowohl wunderschöne, als auch grauenvolle Erlebnisse.

In diesen Momenten spürst du den Puls der Zeit am eigenen Leib. Dabei spielen weder die Tageszeit noch die Temperatur eine Rolle. Das Einzige, was zählt, ist, dass du dich in der Rolle des Hauptdarstellers einer vergänglichen Geschichte siehst, die gleichzeitig unendlich erscheint.

Momente der Leichtigkeit

Diese Augenblicke brennen sich so sehr in unser Gedächtnis ein, dass wir uns sogar noch Jahre danach an die mit ihnen verbundenen Gefühle erinnern können. Es ist gerade so, als würden wir diesen Moment erneut erleben, wenn wir ihn aus unserem Gedächtnis abrufen. Abhängig davon, wie lange der Moment zurückliegt, ist die Erinnerung mehr oder weniger genau.

Wenn es uns gelungen ist, einem zunächst als negativ empfundenen Ereignis schöne Momente zuzuschreiben, ist es sicherlich auch möglich, dass wir uns weniger traurig und vielleicht sogar mit einem Lächeln daran erinnern. Wenn wir Schönes erlebt haben und darauf negative Erfahrungen folgen, blicken wir dagegen nostalgisch auf diese Momente zurück.

So ist unser Gedächtnis: kreativ und flexibel. Wie ein Schwamm, der all diese einzigartigen und unwiederholbaren Momente aufsaugt, die den Unterschied ausmachen. Es gleicht einem großen und prall gefüllten Fotoalbum, das wir aufschlagen, wenn das Herz danach verlangt und das Verständnis dafür geschärft ist, dass wir uns nicht an die Tage, sondern an Momente erinnern.

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Jennifer Holmes, Kim Joone