Wir alle werden zu den Eltern unserer Eltern, wenn sie sterben

15. November 2016 en Psychologie 4322 Geteilt

Irgendwann kommt die Zeit, und es ist ein Gesetz des Lebens, dass unsere Eltern ein hohes Alter erreichen oder schon erreicht haben. Das bedeutet, dass sie schwach werden und von uns beschützt und umsorgt werden müssen und eine besondere Pflege brauchen.

Deshalb sagt man, dass wir alle zu den Eltern unserer Eltern werden, wenn sie sterben. Denn dann müssen wir sie umarmen, sie füttern, ihnen aufbauende Worte zukommen lassen und sie pflegen. Wir werden zur Stütze ihrer Seele, wenn wir daran denken, dass wir ihnen durch unsere Zuneigung Wärme zukommen lassen, was sie ihr ganzes Leben für uns taten.

Normalerweise blicken wir negativ auf das Alter und den letzten Lebensabschnitt. Es gibt jedoch zahlreiche Gründe dafür, zu denken, dass es sich dabei um eine schöne und außerdem unvergessliche Zeit handelt, die es uns zudem erleichtert, mit der Trauer umzugehen.

Diese Zeit mit unseren Eltern oder Großeltern zu teilen heißt, eine Zeit voller Zuneigung miteinander zu verbringen, die gleichzeitig den Beginn eines Lebewohl bedeutet. Wir halten an etwas fest, das uns großzog und uns mit der gleichen Kraft Leben schenkte, mit der sich derjenige auch verabschiedet.

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„Wenn ich mal alt bin…“ – was uns unsere Eltern in ihrem letzten Lebensabschnitt lehren

Wenn ich mich mal nicht erinnern kann oder in unserem Gespräch den Faden verliere, dann gib mir bitte die Zeit, die ich brauche, um mich zu erinnern. Wenn ich nicht mehr allein essen kann, inkontinent werde oder nicht dazu in der Lage bin, aufzustehen, dann hilf mir bitte geduldig.

Bitte verzweifle nicht, weil ich alt bin und mich beschwere. Schäme dich nicht für mich. Hilf mir, raus auf die Straße zu gehen, frische Luft zu schnappen und das Sonnenlicht zu erblicken. Verliere nicht die Geduld, weil ich langsam gehe, rege dich nicht auf, wenn ich schreie, weine oder dir Streitigkeiten aus der Vergangenheit um die Ohren werfe.

Erinnere dich an die Zeit, in der ich dir all das gezeigt habe, denn jetzt bin ich derjenige, der deine Hilfe braucht. Ich habe nun eine neue Mission in der Familie zu erfüllen, und aus diesem Grund bitte ich dich, dass du die Möglichkeit nicht missachtest, die sich uns auftut. Liebe mich, wenn ich alt werde, denn ich bin immer noch ich, auch wenn mein Haar ergraut ist.

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Das letzte Lebewohl im Leben

Um dazu anzuregen, über die Rolle der Kinder beim Altern der Eltern nachzudenken, hat der brasilianische Dichter Fabricio Carpinejar einen wunderschönen Text geschrieben, der uns in diesem Abschnitt des Lebens, der von so manchem Schatten geprägt ist, Licht schenken soll. Es ist sogar noch mehr, denn im Allgemeinen fällt es uns schwer, uns gut zu fühlen, denn wir können nicht einfach die Tatsache vergessen, dass ihr Altern das letzte Lebewohl in ihrem Leben bedeutet, in dem sie uns beigebracht haben, zu sprechen, den Löffel in die Hand zu nehmen, zu laufen und zu wachsen, in jeder Hinsicht.

Es gibt einen Punkt, ab dem die natürliche Rollenverteilung keinen Sinn mehr ergibt: Dieser Punkt ist erreicht, wenn die Kinder zu den Eltern ihrer eigenen Eltern werden.

Wenn die Mutter älter wird und beginnt, auf und ab zu laufen, als wäre sie umgeben von Nebel und könnte nicht sehen. Langsam, schwerfällig und verwirrt. Wenn einer der beiden Elternteile, der dich früher an der Hand nahm und dich führte, als du klein warst, nun nicht mehr allein sein will. Wenn der Vater, einst entschlossen und erfolgreich, schwach wird und jetzt zweimal tief einatmen muss, bevor er sich vom Fleck rühren kann. Wenn dieser Mensch, der früher gesagt hat, wo es langgeht, heute nur noch seufzt und stöhnt und diese Tür und dieses Fenster sucht, welche ihm jetzt sehr weit entfernt vorkommen. Wenn einer der beiden Elternteile, zuvor arbeitswütig, daran scheitert, seine eigene Kleidung anzuziehen und sich nicht mehr daran erinnern kann, welche Medikamente er nehmen muss.

Und wir als Kinder sollten nichts weiter tun, als zu akzeptieren, dass wir für dieses Leben verantwortlich sind. Dieses Leben, das uns zeugte, hängt nun von uns ab, um in Frieden von uns zu gehen.

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Jedes Kind ist die Mutter oder der Vater des Todes seiner Mutter oder seines Vaters. Vielleicht ist das Altern des Vaters und der Mutter auf seltsame Art und Weise die letzte Schwangerschaft und unsere letzte Lehre. Eine Möglichkeit, um die Zuneigung und Liebe zurückzugeben, die sie uns über Jahrzehnte geschenkt haben.

Und so wie wir unser Haus anpassen, um unseren Nachwuchs zu schützen, indem wir Steckdosen kindersicher machen und einen Laufstall aufstellen, so werden wir jetzt für unsere Eltern die Möbel anders platzieren. Die Veränderung beginnt oft im Badezimmer. Wir werden zu den Eltern unserer Eltern, denen wir nun einen Haltegriff in der Dusche anbringen.

Der Haltegriff ist hier sinnbildlich, denn die Dusche, so normal und erfrischend, gleicht jetzt einem Sturm für die alten Füßen unserer Beschützer. Wir können sie zu keiner Zeit allein lassen. An den Wänden des Hauses eines jenen, der seine Eltern pflegt, werden Handläufe zu finden sein. Und unsere Arme werden zum menschlichen Geländer.

Zu altern bedeutet, sich an Gegenständen festzuhalten, zu altern bedeutet sogar, die Treppe zu bezwingen, wenn jede einzelne Stufe eine Herausforderung darstellt. Wir werden zu Fremden in unseren eigenen vier Wänden.

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Wir beobachten jede Kleinigkeit voller Angst und Unwissenheit, voller Zweifel und Besorgnis. Wir werden zu frustrierten Architekten, Designern und Ingenieuren. Wie konnten wir nur nicht erahnen, dass unsere Eltern krank werden oder uns brauchen würden? Wir werden uns über die Couch, Dekofiguren und die Wendeltreppe beschweren, über all die Hürden und Teppiche.

Was für ein Glück hat ein Kind, das zum Vater seines Vaters wird, bevor er stirbt! Und wie traurig ist es doch, wenn ein Kind nur bei der Beerdigung erscheint und sich nicht jeden einzelnen Tag verabschieden kann.

Mein Freund, nennen wir ihn Daniel, begleitete seinen Vater bis zu den letzten Minuten seines Lebens. Im Krankenhaus erledigte die Krankenschwester ihre Arbeit, versuchte, ihn von seinem Bett in ein anderes zu bewegen, um die Bettlaken zu wechseln, als Daniel von seinem Stuhl aus schrie: Lassen Sie mich Ihnen helfen!“

Er nahm all seine Kräfte zusammen und nahm seinen Vater das erste Mal auf seinen Schoß. Er legte das Gesicht seines Vaters auf seine Brust. Er umschloss seinen Vater mit seinen Armen, der vom Krebs gezeichnet war: klein, voller Falten, zerbrechlich, zittrig.

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Er hielt ihn eine ganze Zeit lang im Arm. Die Zeit glich seiner Kindheit, seiner Jugend – eine ganze Zeit lang, eine unendliche Zeit lang. Er schaukelte seinen Vater von der einen auf die andere Seite. Er streichelte seinen Vater, er beruhigte seinen Vater. Mit leiser Stimme sagte er: „Ich bin hier, ich bin hier Papa!“  Das was ein Vater am Ende seines Lebens hören will, ist, dass sein Kind zu ihm sagt, dass es da ist.

Auch wenn es uns die letzte Kraft kosten kann, uns um unsere Eltern zu kümmern, sollten wir nicht vergessen, dass diese Traurigkeit und Erschöpfung Teil der Trauer ist, die wir verarbeiten müssen. Es ist Teil des Abschiednehmens, des Lebewohlsagens. Wir sagen einem Teil unserer Seele und unserer Kindheit Lebewohl.

Mit ihnen geht all das, was wir mit niemand anderem geteilt haben und dessen sie jetzt keine Zeugen mehr sind. Das ist zweifellos etwas, an dem wir in unserem Inneren schweren Herzens arbeiten müssen, aber das Leben gibt uns die Möglichkeit dazu. Wir sollten sie nutzen.

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