Wie wirkt sich Stress auf Frauen aus?

· 22. Dezember 2018

Stress sowie Angststörungen kennen weder Geschlecht noch gesellschaftlichen Status oder Alter. Was wir jedoch wissen, ist, dass sich die Art und Weise, wie sich Stress auf Frauen auswirkt, in mehrfacher Hinsicht von den Stresssymptomen bei Männern unterscheidet. Ihre emotionalen Reaktionen sind anders, ebenso wie die kognitiven, hormonellen, metabolischen und anderweitig physischen Antworten auf eine solche Belastung.

In den letzten Jahren haben wir ein stärkeres Bewusstsein für bestimmte Krankheiten entwickelt, die bei Frauen und Männern mit einer sehr unterschiedlichen Symptomatik einhergehen. So kann sich beispielsweise ein Herzinfarkt bei Frauen durch andere Vorboten als bei Männern bemerkbar machen. Das führte in der Vergangenheit häufig dazu, dass dieses Unwohlsein mit Verdauungsproblemen oder mit dem für Angst typischen Gefühl, als würde sich eine Schlinge um den Hals zuziehen, verwechselt wurde.

Ähnliches gilt für Stress. Wir alle sind anfällig für Stress, aber die Geschlechter scheinen Stress auf jeweils andere Weise zu erleben. Tatsächlich verdeutlichen uns Studien, wie eine an der University of Cambridge (England, Vereinigtes Königreich) durchgeführte Forschungsarbeit, dass 4 von 100 Menschen unter irgendeiner Art von Stress leiden – sei es akuter oder chronischer Stress. Darüber hinaus leiden Frauen häufiger unter Angststörungen. Doch das erscheint nicht nur ein interessanter, sondern auch widersprüchlicher Fakt zu sein, denn Frauen können im Durchschnitt wesentlich besser mit diesen Zuständen umgehen als das männliche Geschlecht.

Das heißt, das weibliche Geschlecht reagiert sensibler auf diese Realitäten und weist darüber hinaus auch eine größere Bandbreite an Symptomen auf. Im Durchschnitt kommen Frauen jedoch effektiver mit diesen Situationen zurecht. Männer hingegen neigen eher dazu, unter chronischem Stress zu leiden und sich zu weigern, sich Hilfe zu suchen.

Nachfolgend möchten wir uns weitere interessante Fakten diesbezüglich anschauen.

„Stress schwächt die Abwehrkräfte oft provisorisch, was einem bestimmten Zweck dient: Es ist nötig, um die benötigten Energieressourcen aufzusparen, um mit einer Situation fertig werden zu können, die das Überleben des Individuum zu gefährden scheint.“

Daniel Goleman

Frau schaut in Richtung Horizont

Wie wirkt sich Stress auf Frauen und auf Männer aus?

Die American Psychological Association (APA) führt jährlich Umfragen durch, um die Auswirkungen von Stress auf die Bevölkerung zu untersuchen. 2010 veröffentliche sie schließlich eine Studie, die einen möglichen Zusammenhang zwischen dem Geschlecht und Stress aufzeigte. Die Ergebnisse waren sowohl Aufsehen erregend als auch aufschlussreich; die Schlussfolgerungen führen uns zweifellos eine Realität vor Augen, die für uns oft unsichtbar, aber dennoch ein wiederkehrender Zustand ist.

Diese Daten sollten uns zum Nachdenken anregen, um die Auswirkungen von Stress auf unser Leben besser verstehen zu kennen. Man fand Folgendes heraus:

  • Frauen sind empfänglicher für Stress als Männer. Das ist kein Zufall und dahinter verbergen sich biologische Ursachen. Die Verhaltensforscherin Rita Valentino veröffentlichte einen Artikel in der Zeitschrift Molecular Psychiatry,  in dem sie erklärte, dass sich Stress früher auf Frauen auswirke, weil sie empfindlicher auf das Hormon Kortisol reagieren würden, das bei ihnen schneller biochemische und physiologische Veränderungen erzeuge als bei Männern.
  • Mehr als die Hälfte der befragten Frauen gaben an, dass ihr Stresslevel in den letzten fünf Jahren zugenommen habe.
  • Für Männer ist der Hauptgrund für Stress die Arbeit. Für Frauen ist es die wirtschaftliche Lage, die Familie, der generelle Zeitmangel etc.
  • Frauen erleben eine ausgeprägtere Symptomatik, die von körperlichen Symptomen bis hin zu kognitiven und emotionalen Beschwerden reicht.
  • Auch neigen Frauen dazu, einen Stress- oder Angstzustand früher wahrzunehmen als Männer. Außerdem brauchen sie die Unterstützung aus ihrem Freundeskreis mehr als Männer, um mit diesen Zuständen umzugehen. Frauen suchen sich auch schneller professionelle Hilfe als das männliche Geschlecht.
  • Männer hingegen brauchen länger, um ihren Stresszustand zu erkennen. Noch dazu sehen sie Stressfaktoren leider als nicht so wichtig an. Normalerweise leiden sie im Stillen und verfügen über nur wenige Bewältigungsstrategien.
Gestresster Mann langt sich an den Kopf

Wie wir sehen können, gibt es eine offensichtliche Tatsache, die wir berücksichtigen sollten, wenn wir uns Gedanken darüber machen, wie sich Stress auf Frauen auswirkt. Obwohl Frauen dazu tendieren, anfälliger für Stress zu sein, neigen sie dazu, früher darauf zu reagieren, und verfügen über wertvolle Ressourcen, um damit umzugehen: Sie erkennen ihre Situation an, kommunizieren sie und bitten um Hilf. Männer hingegen wollen ihren Stress eher mit sich ausmachen. Diese Situation, dieses Sich-weigern, das Geschehene zu akzeptieren und um Hilfe zu bitten, macht arbeitsbedingten Stress zu einer der Hauptursachen für vorzeitige Todesfälle bei Männern. Das ist das Ergebnis einer Studie der British Heart Foundation am University College London (England, Vereinigtes Königreich).

Stress bei Frauen: Die Symptomatik

Wir wissen bereits, dass sich die Art und Weise, wie sich Stress auf Frauen auswirkt, in zwei sehr spezifischen Aspekten von der des männlichen Geschlechts unterscheidet. Der erste Unterschied bezieht sich auf den Kortisolspiegel: Frauen reagieren diesem Glukokortikoid gegenüber, das als Reaktion auf Stress ausgeschüttet wird, sensibler. Zweitens zeichnen sich Frauen durch ihre ausgeprägte Fähigkeit aus, auf solche Zustände zu reagieren. Sie nehmen Stresszustände viel früher wahr und versuchen, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um den Stress in ihrem Leben besser bewältigen zu können.

Wir können eine offensichtliche Tatsache jedoch nicht außer Acht lassen: Die ausgeprägte Symptomatik, unter der gestresste Frauen zu leiden haben:

  • Schlaflosigkeit
  • Haarausfall
  • Akneschübe
  • Gewichtszunahme oder -abnahme
  • Unregelmäßigkeiten in der Menstruation
  • Verminderte Fruchtbarkeit
  • Weniger sexuelles Verlangen
  • Höheres Risiko von Herzerkrankungen oder Schlaganfällen
  • Verdauungsprobleme wie Geschwüre, Reizdarm, etc.
  • Ein geschwächtes Immunsystem
  • Erhöhtes Risiko für Depressionen
Frau sitzt zusammengekauert mit Schmerzen auf dem Boden

Neben der Klärung der Frage, wie sich Stress auf Frauen und Männer auswirkt, sollten wir auch wissen, wie man Stress überhaupt erkennt. Diesen Prozess und die damit einhergehenden, für unsere Gesundheit schwerwiegenden Auswirkungen zu verstehen, sollte uns doch sicherlich dazu ermutigen, Veränderungen herbeizuführen und uns bei Bedarf professionelle Hilfe zu suchen. Sorgen, die uns heute belasten, sollten wir nicht auf Morgen verschieben. Um den besorgniserregenden Druck, den wir heute in der Brust verspüren, sollten wir uns ebenfalls heute, und nicht erst irgendwann anders, kümmern.