Wie uns Normen kontrollieren, von denen wir gar nichts wissen

· 22. September 2018

Normen sind Ideen. Es sind Ideen, die in unserem Kopf leben und uns sagen, was wir tun sollen. Sie können auch ausdrücken, was von uns erwartet wird, und im Allgemeinen werden Normen geteilt. Alle Gruppen haben Normen, die nicht immer harmlos sind. Sie spielen nämlich eine große Rolle dabei, wie jedes Gruppenmitglied denkt, fühlt und handelt.

Wenn Gruppenidentität wichtig ist, leiten Gruppennormen das Verhalten der Menschen. Zum Beispiel gehst du die Straße entlang und begegnest einer obdachlosen Person, die um Geld bettelt. Vielleicht gibst du etwas, vielleicht auch nicht. Aber wenn du zu einer karitativen oder religiösen Gruppe gehörst, die dazu eine Norm hat, dann gibst du wahrscheinlich etwas. Du tust das, weil der Akt des Gebens eine Norm deiner Gruppe ist.

„Unser Erbe und unsere Ideale, unser Kodex und unsere Standards – die Dinge, die wir leben und unseren Kindern beibringen – werden dadurch erhalten oder zerstört, wie frei wir unsere Gedanken und Gefühle austauschen.“

Walt Disney

Wie Normen entstehen

Eine Gruppe kann sich explizit auf ihre Normen einigen, die dann als Vertrag unter den Mitgliedern verfasst werden. Normen können aber auch aus dem Verhalten von Menschen entstehen. Wenn die anderen Mitglieder bestimmte Verhaltensweisen imitieren, dann werden diese zu Gruppennormen. Gruppenmitglieder übernehmen Normen entweder deshalb, weil diese eine Funktion haben, oder weil sie das Überleben der Gruppe sichern.

Aber Normen können auch anders und auf sehr viel weniger demokratische Weise entstehen. Manchmal legt der Anführer der Gruppe die Normen fest. Es kann auch ein Gruppenmitglied mit Vorbildfunktion sein, das unabsichtlich Normen schafft. Das kommt vor, wenn ein besonders representatives Gruppenmitglied dadurch auffällt, dass es anders denkt, fühlt oder handelt. Das führt zu Spannungen, die dadurch gelöst werden, dass die anderen Mitglieder das neue Verhalten zur Norm erheben.

„Regeln und Vorlagen zerstören Genie und Kunst.“

William Hazlitt

Eine Hand schreibt etwas auf.

Zwei Arten von Normen

Es gibt zwei Arten von Normen, die in Gruppen vorkommen können: deskriptive und präskriptive. Deskriptive oder beschreibende Normen haben damit zu tun, was die Gruppenmitglieder in einer bestimmten Situation tun. Wenn wir nicht wissen, was wir tun sollen, sehen wir uns an, wie andere Menschen sich verhalten. Dann ahmen wir das wahrscheinlich nach. Wenn die anderen unsere Entscheidung unterstützen, was wohl der Fall sein wird, wenn diese auf dem Verhalten eines angesehenen Gruppenmitgliedes basiert, behalten wir das Verhalten bei. Deshalb entstehen solche Normen, wenn wichtige Gruppenmitglieder imitiert werden.

Präskriptive oder vorschreibende Normen haben damit zu tun, was Gruppenmitglieder gut oder schlecht heißen. Sie sagen uns, was wir tun und lassen sollen. Sie sind wie Moral, indem sie aufzeigen, was richtig und was falsch ist. Gruppen tragen zu diesen Normen durch Belohnung und Strafe bei. Jeder, der nicht den Normen folgt, wird bestraft, während diejenigen belohnt werden, die die Normen respektieren.

„Ich glaube nicht, dass ich aufgrund meiner Religion und meines persönlichen Standards jemals eine Sexszene spielen werden.“

Jon Heder

Die Funktion von Normen

Gruppennormen erfüllen verschiedene Funktionen. Einerseits sind da individuelle Funktionen, die jedes Gruppenmitglied getrennt betreffen. Dann gibt es die sozialen Funktionen, die die gesamte Gruppe und alle ihre Mitglieder betreffen. Die hauptsächliche individuelle Funktion ist die, dass die Normen uns eine bestimmte Weltsicht auferlegen. Gruppennormen wiederum sagen uns als einzelnem Mitglied, wie die Welt funktioniert und wie wir in dieser Welt fühlen, denken und handeln sollen.

Wenn es um die soziale Funktion geht, erfüllen Normen einige erwähnenswerte Aufgaben. Eine davon ist, dass die Beziehungen zwischen den Mitgliedern reguliert werden. Die Normen sagen uns, wie wir uns um die anderen herum verhalten sollen. Sie machen außerdem klar, was die Funktionen und Ziele der Gruppe sind. Letztlich tragen sie zum Erhalt der Gruppenidentität bei.

Ein schwarzes Stoffschaf unter hellen Schafen

Der Schwarzes-Schaf-Effekt

Jedoch können Normen und Regeln gebrochen werden – zumindest manche. Gruppenmitglieder stehen immer vor der Wahl, bestimmten Normen nicht zu folgen. Wenn das passiert, gibt es in den meisten Gruppen Mitglieder, die versuchen, die „Abtrünnigen“ aufzuhalten. Normalerweise geschieht das, indem die nicht-konformen Mitglieder in ein ungünstiges Licht gestellt werden. Andererseits stehen Mitglieder, die die Normen befolgen, perfekte Prototypen also, dann umso besser da.

Wir nennen das den „Schwarzes-Schaf-Effekt“. Die Absicht hinter der Verunglimpfung der Regelbrecher ist, diejenigen Gruppenmitglieder auszustoßen, die einen negativen Beitrag zur sozialen Identität leisten. In Spanien sahen wir kürzlich ein deutliches Beispiel dafür.

Als manche Katalanen zur Unabhängigkeit aufriefen, brachen sie eine Norm. Manche Menschen mit einer nationalen Identität reagierten, indem sie diese Personen moralisch verurteilten. Sie selbst stellten sich auf die Seite, die Spanien als ein einheitliches Land sehen will. Aber auch das Gegenteil passierte: Manche Katalanen mit einer starken katalanischen Identität gingen hingegen gegen die Befürworter eines einheitlichen Spaniens vor. Wer die Nachrichten ansieht, weiß natürlich, dass dieser Konflikt noch nicht gelöst ist.

„Wenn jemand die kulturellen Normen überschreitet, muss die Kultur sich schützen.“

Robert M. Pirsig