Wetiko: Der „Virus“ der Selbstsucht nach den Ureinwohnern Amerikas

· 28. September 2018

Laut den nordamerikanischen Ureinwohnern sei Wetiko ein böser Geist, der in menschliche Gedanken eindringe, ein „Virus“ der Selbstsucht. Als physischer Krankheitserreger zwinge er das Opfer, seine unersättlichen Bedürfnisse zu stillen, als ob sie sonst hungern müssten. Er mache die Menschheit zu ihrem eigenen schlimmsten Feind.

Diese interessante und beunruhigende Sichtweise stammt aus Literatur, von der wir denken, dass sie jeder lesen sollte. Paul Lévy ist ein Bewunderer von Carl Gustav Jungs Vermächtnis und regelmäßiger Kolumnist für The Guardian.  Er schrieb ein literarisches Stück mit dem Titel Dispelling Wetiko,  zu Deutsch etwa Wetiko vertreiben,  das eine Reflexion verdient. Levy sagt, dass wir in einer Zeit leben, in der die meisten psychosozialen Phänomene die Existenz eines „Virus“ der Selbstsucht beweisen.

Wetiko ist ein Wort, das die nordamerikanischen Ureinwohner verwenden, um eine böse Person zu beschreiben, die sich nicht um das Wohlergehen anderer sorgt.

Das Vermächtnis, das Levy mit seinem Buch hinterlassen wollte, ist keineswegs negativ, vorwurfsvoll oder alarmierend. Es vermittelt tatsächlich eine ganz andere Nachricht: Jeder Virus sucht einen Wirt, in den er eindringen und von dem er sich ernähren kann. Jeder von uns kann jedoch Barrieren der Verteidigung aufstellen, unser psychologisches Immunsystem stärken, um nicht von der Selbstsucht angesteckt zu werden.

Wolf verschwimmt mit Landschaft

Wetiko, menschlicher Egoismus und Jungs Konzept des Schattens

Jack Forbes ist ein Historiker, der in seinem Buch Columbus und andere Kannibalen. Die indianische Sicht der Dinge  etwas sehr Interessantes erklärt hat. Als indigene Gemeinschaften in Kontakt mit den ersten europäischen Pilgern kamen, sagten die Indianer, sie seien von Wetiko infiziert worden. Es war ein Stamm der Cree in Kanada, der dieses Konzept zum ersten Mal verwendete. Die Ojiwa verwendeten beispielsweise den Begriff „Windigo“.

Wie dem auch sei, das geistige Konzept, das sie vom weißen oder „zivilisierten“ Menschen hatten, war das eines Individuums, das vom „Virus“ der Selbstsucht betroffen war. Das Virus hatte sie ihrer Meinung nach dazu gebracht, sich die Kraft der Natur und ihrer Ressourcen zu Eigen zu machen.

Im Gegenzug erklärt Paul Levy, dass diese Idee dieselbe ist, die bereits Jung verwendet hatte, um das Konzept des Schattens zu erklären. Der Schatten ist der Archetypus des Unbewussten, den wir alle teilen. Demnach seien gewöhnliche Vorkommnisse wie Eifersucht, Gier, Machthunger und Egoismus tatsächlich Produkte unseres kollektiven Unbewussten, unsere dunkelsten Schatten und ein Selbst, das vom Gewissen losgelöst wurde. Dieser Schatten verhält sich wie ein Wesen, das sich von verabscheuungswürdigen Taten mitreißen lässt.

In diesem Sinne könnten wir auch sagen, dass sich der böse Geist, der von den nordamerikanischen Ureinwohnern definiert wurde, von Jungs Idee unterscheidet. Es war nicht etwas, das aus der äußeren Welt kam, darauf aus, uns zu besitzen, das uns zur Selbstsucht verleitete. Stattdessen lebte es bereits in uns.

Eigentlich tragen wir demnach alle diesen Schatten in uns; aber es liegt an uns, ob wir ihm Kraft geben.

Ein Schatten hinter Glas

Wie man den Virus der Selbstsucht tötet

Wir können den Virus der Selbstsucht aus unserem Leben eliminieren. Eine Möglichkeit besteht darin, zu erfahren, was Jung „Dämon“ nannte, den Dämon unseres Schattens. Nach Jung nährt sich dieser von Gier, Neid, Verachtung und dem Durst nach Macht oder Herrschaft. Diese haben der Menschheit in der Geschichte schreckliche Taten inspiriert.

Das Übel von Wetiko hat unsere Welt für eine lange Zeit regiert. Wir selbst geben ihm Kraft, wir gehorchen ihm, und wir lassen uns von ihm mitreißen. Wie Jung erklärte, liege es in unserer Verantwortung, uns dessen bewusst zu werden.

Wenn wir uns alle von diesen Impulsen leiten lassen, um zu besitzen, was eine andere Person hat, und sie zu unserem eigenen Vorteil zu manipulieren, sogar um den Preis, ihr zu schaden, werden wir in eine kollektive Psychose verfallen, in der wir am Ende alle verlieren. Egoismus ist kein modernes Übel. Es ist eine alte Krankheit, die wir immer noch nicht ausgerottet haben.

Weißes Gesicht mit Ausschnitten

Levy erklärt uns, dass wir reflektieren müssen, wenn wir an unserem Schatten arbeiten und Wetiko töten wollen. Am Ende des Tages ist dieser innere Dämon nichts anderes als unsere unterentwickelte, vernachlässigte Persönlichkeit, ein Teil von uns selbst, den wir verstecken. Indem wir ihn verstecken, erlauben wir ihm, sich allein auf die Suche nach Nahrung zu machen. Wir lassen ihn von Gier und Neid zehren.

Genug! Heile dich vor dem Virus der Selbstsucht, indem du als Person wächst und dich mit dem Schatten beschäftigst, der dich und die Menschheit davon abhält, das Leben in vollen Zügen zu leben.