Wenn uns die Positive Psychologie Kopfschmerzen bereitet

19. Oktober 2016 en Psychologie 0 Geteilt

In der letzten Zeit hören wir immer häufiger Sätze, die uns eigentlich motivieren sollen, aber oftmals nichts weiter als Werbeslogans sind. Anstatt uns zu helfen, fühlen wir uns durch sie oft schuldig und sie zeigen uns, dass uns die Positive Psychologie durch die mittlerweile heiß geliebten Coachings regelrecht tyrannisiert.

Ein Coaching ist keine Psychologie, und genauso wenig muss man Psychologie studiert haben, um ein Coach zu sein. Dieser Trend ist durch die Werbung entstanden und so wie es der Begriff beschreibt, ist ein Coach ein persönlicher Trainer, ein Motivator, der einem zwar dabei hilft, seine Fähigkeiten auszuschöpfen, aber nichts gegen ein geringes Selbstwertgefühl tut.

Doch die Positive Psychologie hat damit nichts zu tun. Hier geht es nicht darum, den Zuhörern eine Reihe von Sätzen vorzusprechen, um an die Moral zu appellieren, sondern sie bringt uns bei, das Leben positiver zu betrachten, ohne dabei zu verneinen, dass es auch Schlechtes gibt. Durch sie ändern wir unsere Sichtweise und in gewisser Weise ist diese der der klassischen Psychologie entgegengesetzt und konzentriert sich stärker auf den Ursprung als auf die Fähigkeit, die Fertigkeit und die Stärke einer Person.

Natürlich gibt es auch Menschen, für die das Coaching und die Positive Psychologie ein und dasselbe sind, und sie verwenden Ausdrücke, die uns irgendwann Kopfschmerzen bereiten, weil sie schlichtweg das eigene Unbehagen für einen Moment lang unter den Teppich kehren, wenn wir sie nur wörtlich nehmen. Im Folgenden findest du ein paar dieser Sätze und wir sehen uns an, wie die Positive Psychologie mit ihnen umgeht:

„Tyrannisch zu sein bedeutet nicht ,sein‘, sondern ,sein lassen‘ und dafür verantwortlich zu sein, dass alle anderen nicht mehr sie selbst sind.“

Francisco de Quevedo

Beschwere dich nicht

„Beschwere dich nicht, das Leben kann rosarot sein, wenn du es willst. Wenn du mit einem Lächeln im Gesicht aufstehst, wird alles gut laufen, weil es ja offensichtlich eine Entscheidung ist, dass alles gut sein wird und wir haben die absolute Kontrolle darüber. Wenn du daran glaubst, wird die Macht deines Verstandes all das Positive anziehen und somit rücken all das Negative und toxische Personen in immer weitere Ferne. Außerdem beschweren sich starke Menschen nie. Du solltest nicht schwach oder… gar menschlich herüberkommen!“

Dieses Beispiel, das doch sehr extrem erscheint, begegnet uns oft. Aber damit das nicht nach Werbung klingt und wir wirklich von Positiver Psychologie reden können, müsste es eigentlich heißen: „Versuche, dich nicht in der Beschwerde zu verlieren.“  Wenn wir uns beschweren, dann müssen wir aber auch wieder ein Ende für unsere Beschwerde finden, was bedeutet, dass wir uns eingestehen, dass uns etwas missfällt, wir uns aber selbst die Möglichkeit geben, zu versuchen, eine Lösung für ein Problem zu finden. Diese Einstellung ist weit davon entfernt, uns von einem Spruch leiten zu lassen und so zu tun, als würde etwas, das uns stört, in Wahrheit nicht existieren.

Wir alle erleben Situationen, die uns nicht gefallen oder uns verletzen, die wir aber lösen können. Wenn es in deiner Hand liegt, das Schlechte anzuerkennen und aus deinem Leben zu verbannen, musst du es nicht aushalten, nur weil du nicht das Bild trüben willst, ein dauerhaft glücklicher Mensch zu sein. Am Wichtigsten ist doch, dass du für dich glücklich bist und dafür hin und wieder gegen das ankämpfst, was dir nicht behagt und du das auch ausdrückst.

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Benutze Humor und Liebe als Waffen gegen äußere Einflüsse

Falls dein Partner schlechte Laune hat, küsse ihn und heitere ihn mit Scherzen auf. Andere musst du stets fröhlich ertragen und du darfst ihnen nie den Tag vermiesen. Dass sie dir den Tag vermiesen, ist unmöglich, weil du ja immer glücklich bist und sich alles Böse wie von Zauberhand in Luft auflöst, wenn du nur lächelst.“

Diese Aussage beinhaltet, dass du anderen unterlegen bist und deine negativen Emotionen kein Gehör finden dürfen. Deine Bedürfnisse stehen somit nicht an erster Stelle, weil alle anderen stets eine höhere Priorität haben. Doch das stimmt nicht! Das Wichtigste musst immer du selbst sein. Dich zu lieben und die Möglichkeit zu haben, deinem Gegenüber mitzuteilen, was dir nicht gefällt, ohne daraus eine schlechte Angewohnheit entstehen zu lassen, ist das oberste Gebot.

„Glück spielt sich im Inneren ab, nicht außen; deshalb hängt es nicht davon ab, was wir haben, sondern davon, wer wir sind.“

Henry Van Dyke

Wir müssen die eigenen Gefühle zum Ausdruck bringen, unabhängig davon, ob sie im Bezug auf den anderen positiv oder negativ sind. Es geht darum, dass wir uns behaupten, und das macht uns nicht automatisch zu Nörglern. Niemand darf dir das Recht nehmen, sowohl mit deinen guten als auch mit deinen schlechten Emotionen du selbst zu sein.

Liebe andere bedingungslos

„Wenn jemand etwas getan hat, das nicht richtig war, dann weil er es nicht besser wusste oder weil sein inneres Kind ihm einen Streich gespielt hat. Vergib alles, ohne etwas im Gegenzug zu erwarten, denn der Mensch handelt nach Impulsen, ist nicht rational und kann dich daher nicht verletzen, weil er über die stehen oder sich an dir bereichern will. So darfst du nicht denken.“

Der Mensch ist ein rationales Wesen und handelt die meiste Zeit vorsätzlich, obwohl es stimmt, dass er sich nicht absichtlich Schaden zugefügt. Du musst abschätzen, ob dich jemand manipuliert oder es keine Absicht war, dich so zu behandeln. Vertraue deinem Instinkt und finde heraus, wer möchte, dass es dir gut geht, und wer will, dass du scheiterst. Denke daran, dass sich ein Wolf einen Schafspelz überziehen kann, er aber trotzdem ein Wolf bleibt.

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Die wahre Positive Psychologie

Bei der wirklichen Positiven Psychologie musst du dich nicht unterwerfen oder dich schuldig fühlen, sondern sie lehrt dich, deine Stärken als Waffen in schwierigen Momenten einzusetzen. Verneine nicht, dass es Schlechtes gibt, wenn es dir doch hilft, es anzuerkennen und ihm anders eingestellt zu begegnen und es positiver zu betrachten.

Die Positive Psychologie zielt nicht darauf ab, dein Leben ad absurdum zu führen oder es mithilfe von simplen Slogans zu beherrschen. Sie möchte, dass wir uns eingestehen, dass das Leben nicht immer leicht ist, das aber genau davon abhängt, wie wir es sehen, oder wie ein berühmter amerikanischer Schriftsteller einst sagte:

„Das Leben sollte keine Reise mit dem Ziel sein, attraktiv und mit einem gut erhaltenen Körper an unserem Grab anzukommen. Wir sollten lieber seitlich hineinrutschen, von einer Rauchwolke umgeben, unser Körper total verbraucht und schreiend: ‚Wow, was für eine Fahrt!’“

Hunter S. Thompson

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