Wenn sich verabschieden heißt, zu lernen, ohne jemanden auszukommen

· 27. Juli 2016

Es ist vorbei. Das wahre Leben ist weder ein Liebesfilm, über den die ganze Welt redet, noch ein Buch, in dem es um Beziehungen geht, die für immer halten: unzertrennliche Freundschaften, ewige Liebe, die Familie bis ans Lebensende vereint, wobei der Tod in weiter Ferne liegt und nicht thematisiert wird. Im wahren Leben ist Liebe, in all ihren Aspekten, nicht immer genug und Abschiede gehören deshalb zum Leben dazu.

Schwierig wird das Verabschieden dann, wenn kein Raum mehr für eine potenzielle Rückkehr bleibt und alles, was zurückbleibt, Leere im Menschen ist. Das Komplizierte am Abschied ist nicht der Abschied selbst, sondern die Gewissheit, nun ohne jemanden auskommen zu müssen.

Loslassen, auch wenn es schmerzt

Uns wurde schon oft gesagt, dass das Leben eine Achterbahn sei, und wir Höhen und Tiefen erleben müssten. Auf der anderen Seite werden wir oft dazu ermutigt, zu glauben, dass in einem glücklichen Leben die Dinge für immer andauern.

In diesem Widerspruch steckt der Keim der Verwirrung. Wir fühlen uns verletzlich, wenn wir feststellen, dass in der Realität eben nichts ewig währt, das Glück nicht unser ständiger Begleiter ist und dass wir, früher oder später alle verlieren müssen, um weiterhin gewinnen können.

„Das Leben zwingt uns oft dazu, loszulassen, was uns einmal gerettet hat, Menschen gehen zu lassen, die uns gestützt haben, obwohl wir davon überzeugt sind, ohne diese Stütze fallen zu müssen.“

Jorge Bucay

Menschen, die kommen, können auch gehen, genauso, wie auch wir selbst kommen und gehen können. Und wenn sie oder wir dann gehen, bleibt dennoch, was sie uns oder was wir ihnen beigebracht haben, im Guten wie im Schlechten. Wir müssen akzeptieren, dass sich die Welt verändert, und lernen, mit dem zu leben, was diese Personen hinterlassen haben und was uns zu dem macht, was wir sind.

Alles, was ein Abschied beinhaltet

Abschiede zählen zu den härtesten Momente, die wir durchleben. Nicht selten entfremden wir uns beim Verabschieden von uns selbst, aber Abschiede bieten auch die Chance, uns besser kennenzulernen. Sich zu verabschieden beinhaltet auch, etwas loszulassen und zu befreien, damit es seine eigenen Wege gehen kann. 

Frau auf Bootssteg lässt Blick über den See schweifen

Sich zu verabschieden heißt, etwas sagen zu wollen, das wir zuvor nicht aussprechen konnten, zu tun, was wir bis noch nicht getan haben, und vor allem das zu umarmen, was uns so sehr fehlen wird. Es bedeutet, sich Dingen bewusst zu werden, die wir versäumt haben und die sich vielleicht nicht mehr nachholen lassen.

„Licht zu machen, auch wenn es die Nacht kostet, auch wenn der Tod der Himmel ist, der sich öffnet, und der Ozean nicht mehr als ein blind erschaffener Abgrund.“

Blanca Varela

Mit Mut und Stärke lässt sich der Abschied überwinden,auch wenn wir das noch nicht glauben können. Doch schon jetzt ist es uns möglich, in die Zukunft zu blicken, so dunkel sie auch scheinen mag, und wir werden die Kraft finden, die Trauer zu konfrontieren, denn das ist der einzige Weg, den das Leben kennt, der uns zurück zum Glück führt.

Indem wir lernen, uns zu verabschieden, wachsen wir

Manchmal haben wir nicht einmal die Zeit dazu, uns zu verabschieden, und das Leben nimmt uns, worauf wir vertraut haben. Zu anderen Zeiten verabschieden wir uns, bevor wir es realisieren:

Niemand ist verletzlicher etwas Falsches zu glauben, als derjenige, der eine Lüge wahrhaben will.“

Jorge Bucay

Die Prüfung eines Abschieds liegt darin, uns selbst glücklich zu sehen, nachdem wir tschüss gesagt haben. Wenn wir unser Glück wiederfinden, haben wir den Prozess der Heilung abgeschlossen und auf der Suche nach unserem neuen Selbst herausgefunden, was wir wollen und für uns selbst tun können.

Mädchen greift nach den Sternen

Dieser Zeitpunkt ist gekommen, wenn wir auf die Vergangenheit mit jemandem zurückblicken können und uns glücklich schätzen, ihn gekannt zu haben. Wir sind am Abschied gewachsen. Wir sind gewachsen, weil wir es geschafft haben, voranzuschreiten. Wir sind gewachsen, weil wir realisiert haben, dass das Leben nur dann Sinn macht, wenn wir es weiterhin leben wollen.