Wenn jemand zu dir sagt, dass du überempfindlich seist

· 5. Juni 2018

„Du bist überempfindlich, du nimmst dir die Dinge zu sehr zu Herzen.“ – Das ist zweifellos einer dieser Standardsätze, die viele Menschen täglich zu hören bekommen. Aber es ist nicht einfach eine harmlose Aussage, sondern kann auf unterschiedliche Weisen verstanden werden: Manche Menschen stören sich an dieser Aussage und finden sie sogar verletzend, andere wiederum zweifeln dadurch an sich selbst und fragen sich, ob sie tatsächlich die Kontrolle verlieren.

Worte können manchmal einen größeren Schaden anrichten als Waffen, das wissen wir alle. Dazu gesellt sich noch ein weiterer Faktor, nämlich die Art und Weise, wie wir bestimmte Botschaften interpretieren. Auf einmal haut uns jemand einen unerwarteten Satz um die Ohren, eine Reihe von Worten, die uns überraschen und die wir nicht gut verarbeiten oder verdauen können.

„Mir ist nicht wichtig, was du zu mir sagst. Mir ist wichtig, was du mit mir teilst.“

Santosh Kalwar

„Du bist überempfindlich. Man darf nichts zu dir sagen. Du legst jedes Wort auf die Goldwaage.“  So eigenartig es uns auch vorkommen mag, hören wir diese Sätze in vielen unserer zwischenmenschlichen Beziehungen, obwohl sie so verletzend sind. Der Grund dafür, warum diese Aneinanderreihung von Worten einschließlich dessen der Überempfindlichkeit einen negativen Einfluss auf unseren Verstand hat, hat damit zu tun, dass sie unsere Gefühle abwertet. Wenn wir auf diese Weise gebremst werden, wirkt sich das auch negativ auf unsere Stimmung aus, was manchmal dazu führt, dass wir uns fragen, ob wir tatsächlich ein Problem haben.

Deshalb sollten wir verstehen, was sich hinter diesem Satz verbirgt, was derjenige, der ihn zu uns sagt, meint, und was wir in diesen Situationen tun sollten.

Nachdenklicher Mann schaut auf einen See hinaus

„Du bist überempfindlich“ – Wie oft hast du diesen Satz in deinem Leben schon gehört?

Anna war gerade mit ihren Arbeitskolleginnen einen Kaffee trinken. Inmitten des Gesprächs, als sie erklärte, dass sie sich in den vergangenen Monaten nicht mehr so gut mit ihrem Chef verstanden habe und es ihr zunehmend schwerfalle, die von ihm vorgegebenen Ziele zu erreichen, entgegnete ihr eine ihrer Kolleginnen: „Komm schon, wenn du seine Lieblingsangestellte bist, sei nicht so sensibel und nimm dir das Ganze nicht zu sehr zu Herzen.“

Danach ist Anna verstummt. Jetzt, nachdem sie das Café nachdenklich und mit gesenktem Kopf verlassen hat, versucht sie diesen Kommentar mit etwas Distanz zu betrachten. Sie weiß, dass ihr diese Aussage nicht gefallen und sie aus einem ganz offensichtlichen Grund verletzt hat. Die Beziehung zu ihrem Chef ist sehr angespannt, sie stimmen in vielerlei Hinsicht nicht überein und ihre Arbeit wächst ihr über den Kopf. Dieser Kommentar hat wehgetan, weil ihre Kollegin nicht dazu in der Lage war, ihre reale Besorgnis ernst zu nehmen.

Dieses Beispiel kommt sicher vielen von uns bekannt vor, wie die Selbstzweifel, die auf dem Fuße folgen. Habe ich wirklich eine zu dünne Haut und sehe etwas, wo gar nichts ist? Und was ist, wenn ich tatsächlich überempfindlich reagiere?

Bevor wir die Antworten auf diese Fragen finden können, sollten wir kurz über Folgendes nachdenken.

Das Gesicht einer Frau umgeben von Blütenblättern

„Das emotionale Gehirn reagiert schneller als das rationale Gehirn.“

Daniel Goleman

Was bedeutet es denn überhaupt, „überempfindlich“ zu sein?

Zuerst sollten wir etwas Wichtiges klären: „Überempfindlich zu sein“ bedeutet nicht, „hochsensibel“ zu sein. Das können zwei sehr unterschiedliche Dinge sein.

  • Wir betrachten Menschen als „sensibel“, die mit anderen und dem, was sie umgibt, auf emotionale Weise interagieren. Diese Menschen achten sehr auf die Qualität ihrer Beziehungen und können diese kleinen Nuancen des menschlichen Handels wahrzunehmen. Sie sprechen offen über ihre Gefühle und schätzen die Aufrichtigkeit und den Respekt ihrer Mitmenschen. Falls sie nicht entsprechend behandelt werden, leiden sie oder reagieren verärgert.
  • Laut der Affekttheorie von Tomkins hat jeder Mensch sein ganz eigenes Handbuch, um Emotionen zu verstehen und mit ihnen umzugehen. So ist es üblich, dass Menschen, die weit davon entfernt sind, die Gemütslagen anderer zu verstehen, auf diese überrascht reagieren und sie als übertrieben bewerten. Ebenso können wir die Vorstellung nicht beiseite lassen, dass es Menschen gibt, die sich so gut wie gar nicht in die emotionale Realität anderer einfühlen können und ihnen mit Unbehagen gegenüberstehen. Daher sehen manche Menschen in gewöhnlichen emotionalen Mustern ein übertriebenes Verhalten. Emotionalität wird von ihnen nicht verstanden.

Lasse nicht zu, dass deine Gefühle verletzt werden

Jeder Mensch reagiert anders auf das gleiche Ereignis, jeder versteht und fühlt die Welt auf seine eigene Weise und erlebt sie daher selbstverständlich anders als andere. Wenn uns jemand sagt, dass wir zu impulsiv, zu fröhlich, zu sensibel oder zu emotional seien, überschattet das in gewisser Weise unsere Persönlichkeit, und unsere Art, zu sein, wird als minderwertig eingestuft.

Das Wort „zu“ hat hier eine negative Konnotation und deshalb wäre es angebrachter, andere Begriffe zu verwenden und sich für einen anderen Gesprächsstil zu entscheiden. Anstatt immer wieder zu sagen „Du bist überempfindlich“  wäre es besser, nützlichere und vor allem produktivere Sätze zu verwenden, wie „Ich glaube, dass dich das stört. Wie möchtest du dieses Problem angehen? Wie kann ich dir helfen?“.

Traurige Frau mit gesenktem Kopf

Da uns diese Aussage etwas ausmacht, sollten wir persönlich einfach mal hinterfragen, was es bedeutet, wenn uns jemand als „überempfindlich“ abgestempelt. Sensibel zu sein, die Welt aus einer emotionalen Perspektive zu betrachten, ist weder etwas Negatives noch etwas Verwerfliches. Wir sind einfach so, waren das schon immer und so erleben und fühlen wir eben die Welt. Wir dürfen nicht zulassen, dass uns ein ungerechtfertigter Satz von jemandem, der einfach nicht dazu in der Lage ist, zu verstehen, wie wir in Wahrheit sind, zu sehr belastet.