Wenn die Familie stresst: Wie damit umgehen?

· 13. Juni 2018

Manchmal stresst die Familie. Es gibt Zeiten, in denen die Wurzeln unseres Stammbaums unsere Füße umschlingen, uns festhalten und uns mit ihren toxischen Verhaltensweisen, ihren Forderungen, ihren Phobien und ihren affektiven Anomalien verwirren, die von einem ausgeprägten Narzissmus bestimmt werden. Der Umgang mit diesen Verhaltensweisen ist der Schlüssel zum Schutz unserer Würde und zur Verbesserung dieses Beziehungsgeflechts.

Manche sagen, dass die eigene Geburt in etwa damit vergleichbar ist, durch einen Schornstein zu fallen. Wir wissen nie, welches Zuhause wir erwischen, wie das erste sozio-affektive Szenario aussehen wird, das einen großen Teil unserer psychischen Struktur bestimmen wird, oder welche Art von Verbundenheit wir mit unseren Eltern haben werden. Ebenso wissen wir nicht, ob uns diese Familie Glück bringen wird, ob wir in Vernachlässigung aufwachsen müssen oder ob wir Zeugen einer Umgebung werden, in der Vorwürfe, Angriffe und Verachtung auf der Tagesordnung stehen.

„Wir kommen aus uns selbst, wir gehen auf uns selbst zu. Auch wenn die Familie und die Gesellschaft versuchen, es zu verhindern, lasst uns wir selbst sein!“

Alejandro Jodorowsky

Manchmal erscheint es uns, als gleiche es einem Lottogewinn, eine gesunde Familie zu erwischen, genauso wie das unverletzte Überleben von gewissen Frustrationen und bestimmten Spannungen, die wir jedoch nicht immer einfach so lösen können. Üblicherweise bleiben Mängel zurück, die uns auch noch in Reife und Alter mit den Werten unserer Eltern kollidieren lassen, die uns dazu bringen, mit unseren Onkeln und Tanten gewisse Reibereien zu erhalten, mit unseren Geschwistern über dieses und jenes zu streiten und miteinander zu konkurrieren.

Zwei Gehirne, die miteinander kollidieren

Die Koexistenz ist nicht immer einfach. Solange jedoch der Respekt vorherrscht, können diese scheinbar antagonistischen Prozesse mit einer gewissen Natürlichkeit fließen, die es uns erlaubt, auf diese Familie zu zählen, die, wie das bekannte Sprichwort besagt, in guten wie in schlechten Zeiten zu uns hält. Doch was passiert nun, wenn dem nicht so ist?

Was sollten wir tun, wenn es keinen Respekt gibt und wir ständig untergraben und verletzt werden? Wie handeln wir, wenn wir das Gefühl haben, dass die Familie stresst und eine ernsthafte Belastung darstellt?

Wenn die Familie stresst und uns erstickt

Manchmal sagen wir uns selbst, dass wir nicht wieder dieselben Fehler machen werden. Wir überzeugen uns, nicht an solchen Treffen oder Feiern teilzunehmen, die doch immer schlecht geendet haben. Wir vereinbaren mit uns selbst, stark zu bleiben und der Erpressung nicht nachzugeben, jenen Forderungen, die dazu neigen, unser Selbstwertgefühl zu vermindern. Und doch verfallen wir immer wieder in dieselben Muster zurück.

Doch wie können wir das vermeiden? Sie ist doch unsere Familien und wie jedes andere Erbe, das durch Gene definiert wird, versuchen wir, sie jeden Tag zu ehren, zu würdigen und zu respektieren, auch wenn der Preis unserer stoischen Hingabe stetig steigt. Wir haben es mit Situationen zu tun, von denen wir nicht wissen, wie wir sie angemessen angehen können. Wir lassen uns erpressen. Wir senken unser Gesicht, um unsere Emotionen hinunterzuschlucken, und wir beißen uns auf die Zunge, um die Beziehungen, die bereits ein Leben lang andauern, nicht in Sekundenschnelle zu zerstören.

Mädchen mit Nussknacker, das umgeben ist von Eichhörnchen

Wenn die Familie stresst und uns erstickt, ist es dann vielleicht an der Zeit, einen definitiven Ausstieg zu wagen? Oder ertränken wir uns selbst in diesen Familienbanden? Wir müssen nicht in Extreme verfallen, das ist nicht gesund, aber es gibt Grenzen, die niemand jemals überschreiten sollte. Lasst uns gemeinsam sehen, welche Grundsätze wir hierzu anwenden können.

Wenn die Familie stresst, ist es empfehlenswert, keine extremen Entscheidungen zu treffen und alles in Ruhe zu betrachten. 

Definiere dein Selbst, stärke deine Identität

Die Zermürbung in familiären Konfliktsituationen kann aufgrund der Intensität der Gefühle zerstörend sein. Diese emotionalen Schäden können so tiefgreifend sein, dass ein einzelnes Wort oder eine einzelne Geste geheilt geglaubte Wunden wieder aufreißt.

Daher wäre der erste Schritt, den wir gehen sollten, zu lernen, uns zu entspannen und unsere innere Ruhe zu finden. Wenn jemand im Laufe seines Lebens so viele Emotionen hinuntergeschluckt hat, häuft er eine immense Frustration an, eine Wut, die verkrustet und sogar Wurzeln schlägt. All das muss er kanalisieren, um sich selbst entlasten zu können. Sobald er diese emotional geladenen Räume einmal gelüftet hat, ist es an der Zeit, sich dem nächsten Aspekt zu widmen.

Wenn Menschen kein Identitätsgefühl entwickeln, das vom Familienkontext gleichermaßen definiert wie auch getrennt ist, ist das emotionale Wohlbefinden dieser Personen in ständiger Gefahr. Daher ist es notwendig, diese Nabelschnur zu durchtrennen und uns selbst als unabhängige Wesen zu begreifen, basierend auf unseren eigenen Idealen, unseren Werten und Bedürfnissen.

Familie aus Papier in Händen gehalten

Wenn die Identität und das Selbstkonzept gefestigt sind, gibt es keine Zweifel mehr: Wir wissen, was gut ist, was erlaubt ist und was nicht. Darüber hinaus erkennen wir nicht nur toxisches Verhalten oder narzisstische Handlungen deutlicher, sondern erheben auch weniger Einwände, da wir bewusste Grenzen setzen. Wir wissen, dass diese notwendig sind, um das Zusammenleben in Harmonie zu ermöglichen.

Man muss nicht einer Meinung sein

Wenn die Familie stresst, mangelt es an Harmonie. Der Stress entsteht in einem Feld aus Kräften, in dem die Beteiligten als Gegner agieren und nicht als Vermittler. Eine sehr häufige Gegebenheit in solchen Szenarien ist die Notwendigkeit, die Zustimmung der Liebsten einzuholen, bevor wir handeln, um diesen Weg, den sie vorgeben, nicht zu verlassen und sie somit zu enttäuschen. Doch das ist nicht die Bedeutung des Konzeptes „Familie“.

Die authentische Familie ist ein einzigartiger Mikrokosmos, in dem verschiedenste Elemente in – nicht immer perfekter – Harmonie zusammenleben. Sie ist sozusagen ein Edelstein, in dem verschiedenste Mineralien eingebettet sind, mit ihren eigenen Farben, ihren fabelhaften Eigenschaften und Singularitäten. Es ist diese Vielfalt, die die Schönheit eines jeden Juwels ausmacht, von dem jeder weiß, dass er verschieden ist und damit außergewöhnlich. So können wir verstehen, dass sich eine Familie, eine gesunde Familie, gegenseitig respektiert und sich die Hand reicht, sich nicht erstickt und kein Hindernis für das Wachstum der Mitglieder darstellt.