Wenn die Beziehung abkühlt und sich emotionale Distanz entwickelt

7. März 2019

Wenn sich eine Beziehung abkühlt, treten mitunter unsere verwerflichsten Verhaltensweisen zutage. Sie sind es, die die Lücke füllen zwischen emotionaler Distanz und dem physischen Verschwinden, dem Weggang ohne eine einzige Erklärung. Dann gibt es Menschen, die greifen auf erfundene Ausreden zurück und weigern sich, die Leere anzuerkennen, die zwischen ihnen und ihrem Partner herrscht, die Kälte, die ihre Beziehung langsam aber sicher dem Untergang weiht.

Beziehungen zerbrechen. Wie Knochen. Im Gegensatz zu einer Fraktur, die sich in aller Regel im Zuge eines Unfalls ergibt, entwickelt sich der emotionale Bruch aber nach und nach, und niemals von einem Tag auf den anderen. In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle folgt das Ende der Beziehung auf einen langen, oft subtilen Prozess der progressiven Distanzierung. Die Partner sind keine Komplizen mehr, suchen nicht mehr den Blick des anderen, und Umstände, die früher beiden ein Lächeln auf die Lippen zauberten, provozieren heute keinerlei Reaktion mehr.

Emotionale Distanz tut weh. Das tut sie immer, aber sie tut es umso mehr, wenn eine der Parteien nach wie vor in die Beziehung investiert, versucht, sie zu nähren und wachsen zu lassen. Wir wollen jedoch nicht unerwähnt lassen, dass auch ihr Gegenüber leidet. Auf der anderen Seite sammeln sich Schuldgefühle an und häufig auch Reue. Unabhängig davon, wie sich der Einzelfall gestaltet, lässt sich eines doch mit Sicherheit sagen: Die wenigsten von uns sind wirklich in der Lage, mit dieser Situation auf reife Weise umzugehen.

Dabei ist es für alle Beteiligten das Beste, wenn eine Lösung für den Konflikt gefunden wird, denn nur so können sie in eine neue Lebensphase aufbrechen. Wird die Beziehung auf kleinster Flamme am Leben erhalten oder greift eine der Parteien gar auf so radikale Maßnahmen wie das Ghosting zurück, verschwindet also einfach aus dem Leben seines bisherigen Partners, ohne auch nur ein Wort dazu zu sagen, wird es für beide schwieriger, den Bruch zu überwinden.

Die gute Nachricht ist jedoch, dass wir in unserem Inneren alle über die notwendigen Ressourcen verfügen, um uns solch schwierigen Momenten zu stellen.

„Ich fühle mich so isoliert, dass ich die Distanz zwischen mir und meiner selbst förmlich fühlen kann.“

Fernando Pessoa

Frau sitzt allein über einem Campingplatz und schaut auf Wald und Berge

Wenn die Beziehung abkühlt und wir nach dem Warum suchen

Wenn die Beziehung abkühlt, hat das immer einen Grund. Es gibt immer ein Warum, auch wenn es uns nicht gefallen mag. Lieblosigkeit, fehlendes Interesse, neue Bedürfnisse und gegenteilige Ansichten zu wichtigen Werten sind nur einige Beispiele dafür. Wenn die einst helle Flamme der Liebe langsam, aber sicher erlischt, macht sie Platz für dieses dichte und oft missverständliche Halbdunkel, in dem wir nicht wissen, wie wir uns bewegen sollen.

Was wir bereits ahnten, wurde nun auch wissenschaftlich bestätigt: Charlene Belu und Brenda H. Lee von der University of Cambridge (England, Vereinigtes Königreich) veröffentlichten vor nicht allzu langer Zeit eine Studie, in der sie zeigen, das dem Menschen nur wenige Angelegenheiten so komplex erscheinen, wie sich von einer Beziehung zu verabschieden. Worauf in der zitierten Arbeit hingewiesen wird, ist, dass wir häufig klären und wissen müssen, woran die Beziehung zerbrochen ist, um mit unserem Leben fortfahren zu können.

Fehlt dieser Abschluss, geschieht es häufig, dass einer der beiden Ex-Partner den Kontakt zum anderen sucht, immer wieder darauf besteht, es noch einmal zu versuchen oder doch zumindest miteinander zu reden. Das erschwert den Trauerprozess für beide Seiten und macht es schier unmöglich, mit dem vergangenen Kapitel abzuschließen und mit erhaltener Integrität ein neues zu beginnen. Darüber hinaus beschreiben die Autoren dieser Forschungsarbeit bestimmte Dynamiken, die unangepasst sind, auf die wir aber trotzdem zurückzugreifen tendieren, wenn wir bemerken, dass unsere Beziehung dem Ende entgegengeht.

Diese Dynamiken wollen wir uns nun näher anschauen.

Wir wir eine Beziehung nicht beenden sollten

Wie wir weiter oben bereits angedeutet haben, ist die schädlichste und feigste Dynamik, die wir wählen können, um uns von unserem Partner zu trennen, die, einfach zu verschwinden und kein einziges Wort mit ihm zu sprechen. Es mag drastisch klingen, aber dieses Praxis des Ghostings ist wesentlich häufiger zu beobachten, als wir annehmen mögen – sowohl in romantischen Beziehungen als auch in Freundschaften.

  • „Es ist nicht deine Schuld, sondern meine.“  Mit dieser Aussage, die wir wohl alle schon einmal gehört haben, befreien wir unseren Partner augenscheinlich von jeglicher Verantwortung, die auf seinen Schultern lasten mag. Gleichzeitig pflegen wir Phrasen zu verwenden wie „Du verdienst etwas Besseres“  oder „Ich bin mit der Situation überfordert und kann dir nicht geben, was du brauchst“Damit maskieren wir aber nur die Tatsache, dass unsere Interessen jetzt woanders liegen und wir unseren bisherigen Partner nicht mehr lieben.
  • Der gebrochene Eisberg. Die Flucht auf den Eisberg ist eine andere inadäquate, aber häufig gewählte Strategie. Hier geht es darum, dass wir erlauben, dass die Beziehung immer weiter abkühlt. Jeden Tag ein bisschen mehr. Hinweise darauf ignorieren wir und ziehen den Prozess so sehr in die Länge, dass unser Verhältnis zum einst geliebten Partner schließlich einfriert. Dann kann es in Stücke zerbrechen und nach und nach untergehen.
Herz aus Eis

Emotionale Distanz, ein schwerer Scheideweg

Die Entwicklung, dass eine Beziehung sich abkühlt, bedeutet nicht notwendigerweise, dass ein irreversibler Prozess eingeleitet worden sei und die Partnerschaft vor dem Aus stehe. Es ist sinnvoll, sich in diesem Zusammenhang daran zu ändern, dass emotionale Distanz uns zwar für einige Zeit vom gewählten Weg abbringen kann, dass es aber manchmal möglich ist, mittels geeigneter Strategien die Flamme der Liebe neu zu entzünden und die Beziehung zur Wärme zurückzuführen. Auf die Frage, wann sich ein solcher Versuch lohnt, kann jedoch keine universelle Antwort gegeben werden.

Zu den Problemen, die Psychologen am häufigsten in ihren Praxen sehen, gehören zweifelsfrei Angststörungen und Depressionen. Diese Konditionen beeinträchtigen auf direkte Art und Weise die Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen, die der Patient pflegt. Dieses Beispiel soll zeigen, dass ein Mensch, der eine schwere Zeit durchmacht, die von Stress und Mutlosigkeit geprägt ist, häufig nicht über die notwendige Energie verfügt, die Beziehung zu den Seinen zu genießen.

Damit wollen wir etwas recht Simples klarstellen: Es gibt Hoffnung, wenn die Beziehung abkühlt und sich emotionale Distanz entwickelt. Unser Verhältnis zu unserem Partner durchläuft verschiedene Phasen und bedarf unserer Aufmerksamkeit. Es will genährt werden und wir sollten in der Lage sein, aus Diskrepanzen und Konflikten lernen zu können, an ihnen zu wachsen. Wenn wir gestärkt aus solchen Situationen hervorgehen, bringt uns das oft die notwendige Motivation, an der Partnerschaft zu arbeiten und sie wieder zu genießen.

Pusteblume im Sonnenuntergang

Wie auch immer wir uns im Einzelfall entscheiden, ob wir die Flamme der Liebe neu anfachen und die Beziehung retten wollen oder uns in Würde von ihr verabschieden möchten, wir müssen emotional kompetente Personen sein, wenn wir uns dieser Herausforderung erfolgreich stellen wollen. Und emotionale Kompetenz wird uns leider nicht in der Schule vermittelt. Es ist unsere Aufgabe, sie tagtäglich zu trainieren, in Bezug auf Sensibilität, Respekt, Durchsetzungsvermögen und Würde, was all die Details betrifft, die unser Leben ausmachen.

Jede Verbindung, die wir zu einem anderen Menschen eingehen, sei es eine romantische Beziehung oder eine Freundschaft, verdient es, in jeder ihrer Phasen mit Respekt behandelt zu werden. Diesen auch dann noch zu wahren, wenn wir uns entscheiden, sie zu beenden, sagt viel über unsere Qualität als Mensch aus.

  • Belu, C. F., Lee, B. H., & O’Sullivan, L. F. (2016). It hurts to let you go: Characteristics of romantic relationships, breakups and the aftermath among emerging adults. Journal of Relationships Researchdoi:10.1017/jrr.2016.11